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Promi-Talk Warum hilft Lachen gegen Angst?
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20:01 28.10.2016
"Das kann ich besser": Andreas Steinhöfel kam eher beiläufig zum Schreiben, heute sind seine Werke Schullektüre. Ein Gespräch über eine unglückliche Kindheit und gute Kinderbücher. Quelle: dpa
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Herr Steinhöfel, von Ihrem Schriftstellerkollegen Paul Maar, dem Erfinder des "Sams", stammt der Satz: "Alle Kinderbuchautoren hatten entweder eine sehr glückliche oder eine sehr unglückliche Kindheit." Stimmt das?
Ja. Da ist wohl was dran.

Warum?
Ich denke, die Betonung liegt auf dem Wörtchen "sehr". Nicht dass es nicht auch extreme Kindheiten bei Metzgern oder Bäckern gäbe. Das ist nichts Spezifisches für Kinderbuchautoren. Aber dort sind sie keine Voraussetzung für die Arbeit. Bei wirklich guten Kinderbuchautoren ist das aber so. Da gibt es in der Regel keine Kindheit dazwischen.

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Wieso?
Wenn man für Kinder schreiben und sie wirklich erreichen will, muss man selbst noch sehr viel Kindliches in sich haben. Das hat man, wenn man die eigene Kindheit intensiv erlebt hat. Ein gutes Beispiel ist Astrid Lindgrens Bullerbü. Das schwedische Dörfchen ist für uns ja mit einem echten Gefühl von Glück verbunden. Das hätte Astrid Lindgren so nicht beschreiben können, wenn sie nicht zumindest streckenweise selbst eine glückliche Kindheit gehabt hätte.

Sie selbst hatten eine sehr unglückliche Kindheit. Sie kommen aus einem "gewalttätigen Haushalt", haben Sie einmal gesagt. Was war da los?
Das Problem war mein Vater, ein Flüchtlingskind, später ein Nazi. Gegen seine Sprüche damals ist die AfD heute harmlos. Er war aber selbst Opfer von Gewalterfahrungen. Die hat er einfach weitergegeben.

Im Nachwort Ihres Erzähldebüts "Dirk und ich", das nach 25 Jahren jetzt wieder aufgelegt wurde, schreiben Sie, dass Ihr Vater um sich schlug, wenn er wütend war: Oft traf er Sie oder Ihren Bruder. Das klingt schlimm.  
Wirklich schlimm war, dass es nicht nur um Prügelstrafen ging. Das war in den frühen Sechzigerjahren ja fast noch normal. Schlimm war, dass die Wutausbrüche meines Vaters völlig unberechenbar waren. Man war ständig – 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche – in der Erwartung, geschlagen zu werden. Es konnte sein, dass man grinste und er schlug einem ins Gesicht. Es konnte sein, dass er einen nachts einfach so aus dem Bett riss, zusammenschlug und wieder ins Bett zurückwarf. Das ist viel grausamer für ein Kind – das weiß ich aus tonnenweise Gesprächen –, als wenn es mit Ansage Dresche bekommt.

Wie kommt jemand, der so eine Kindheit hatte, darauf, später selbst Kinderbücher zu schreiben?
Durch Zufall. Ich wollte ursprünglich keine Kinderbücher schreiben. Aber mein Bruder Dirk, der Junge aus "Dirk und ich", zeichnete gern. Irgendwann sollte er probeweise für den Carlsen Verlag ein Buch illustrieren. Den Text des Buches fand ich richtig schlecht. "Das kann ich besser", habe ich gesagt. "Mach doch", hat Dirk gesagt. So entstand meine erste Kurzgeschichte. Ich schickte sie mit den Worten an den Verlag: "So hat gefälligst ein gutes Kinderbuch auszusehen".

Was geschah?
Ich weiß, es klingt unglaubwürdig. Aber es ist wahr. Ein halbes Jahr später meldete sich der Verlag. Ob ich nicht noch mehr solcher Geschichten schreiben könne. Das war der Startschuss für den Erzählband "Dirk und ich".

Bleiben wir doch noch kurz bei Ihrem Erstlingswerk. Das Buch enthält autobiografische Elemente. Aber die Angst vor der Unberechenbarkeit Ihres Vaters fehlt völlig. Warum? Die Angst vor Prügel hat Ihre Kindheit schließlich stark geprägt – wie die vieler anderer Kinder aus dieser Zeit.
Es stimmt, dass ein dunkler Schatten über meiner Kindheit liegt. Aber so eine Angst sollte in jeder Kindheit fehlen. Ich finde, sie gehört auch nicht in ein gutes Kinderbuch hinein.

Warum nicht?
Ein gutes Kinderbuch ist keine pädagogisierende Problemgeschichte. Nach 1968 gab es die haufenweise. Ich bin aufgewachsen mit Kinderbüchern über Okkultismus, Schwulsein, Schwangersein. Jedes Buch musste eine kindheitsverbessernde Wirkung haben. Nicht etwa, damit die Kinder sich besser fühlten. Das Kind sollte aufgeklärt werden, damit es den Erwachsenen besser ging.

Nennen Sie doch bitte mal ein Beispiel dafür.
Ein Beispiel ist Gudrun Pausewangs "Die Wolke". Das ist ein extrem manipulatives Buch, weil es darauf abzielt, dass Kinder Atomkraftgegner werden. Ich möchte aber in einer Welt leben, in der es auch Atomkraftbefürworter gibt. Mit denen kann ich mich dann kräftig streiten.

Auf die ersten Geschichten folgten bald Bestseller: Andreas Steinhöfel erhielt 2013 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Quelle: Carlsen

Was macht für Sie ein gutes Kinderbuch aus?
Kinder brauchen eine Welt, in der es etwas Optimistisches gibt. Sie sind selber noch ganz optimistisch: Alle Kinder lachen zum Beispiel gerne. Also mache ich Bücher, mit denen Kinder lachen können. Ich habe als Kind auch total gern gelacht. Lachen ist gut gegen die Angst. Loriot zum Beispiel habe ich geliebt.

Wie bringen Sie Kinder literarisch zum Lachen?
Das ist gar nicht so schwer. Kinder lachen immer an Stellen, an denen sie über Erwachsene triumphieren. Kinder sind außerdem oral fixiert. Sie lieben es, wenn es ums Essen geht. Schauen Sie sich mal Enid Blyton oder Astrid Lindgren an. Die wussten das. Da geht es alle paar Seiten ums Essen.

Dabei hatten Sie oft nichts zu lachen. In "Dirk und ich" beschreiben Sie hinreißende Schlachten mit Spaghettinudeln. Oder das Glück, das ein Kind an dem Tag empfindet, an dem es sein erstes Meerschweinchen bekommt. In Wirklichkeit hat Ihr Vater das Meerschweinchen später ertränkt.
Es war noch viel schlimmer. Er hat mich nachts dafür aus dem Bett geholt. Wortlos. Er ist dann mit mir zu Fuß bis zum Fluss gelaufen und hat den Karton mit dem Meerschweinchen ins Wasser geschmissen. Einfach so. "Das war's", hat er gesagt. Und: "Jetzt geh' wieder schlafen." Was danach war, weiß ich nicht mehr.

Sie mussten sich ständig vor solchen grausamen Ausbrüchen fürchten. Oskar, der hochbegabte Junge aus Ihrer "Rico und Oskar"-Trilogie, trägt auch im ganz normalen Alltag immer einen Sturzhelm. Er rechnet ständig damit, dass ihm etwas passieren kann. Ist das ein Bild für Ihr Lebensgefühl damals?
Nein. Allenfalls unbewusst. Auf der bewussten Ebene meint der Sturzhelm eher das Gegenteil. Ich finde es schrecklich, dass manche Helikoptereltern von heute ihre Kinder so überbehüten. Sie verpassen ihnen symbolisch einen Sturzhelm, damit ihnen nur ja nichts passiert. Es soll ja schließlich was Tolles aus ihnen werden. Darüber wollte ich schreiben. Deshalb trägt Oskar den Helm.

Wieso haben Sie sich überhaupt mit Kindern mit so extrem verschiedenen Begabungen befasst? Wie begabt ein Kind ist, ist unter Eltern zurzeit ja ein brandaktuelles Thema.
Die Urfigur war Oskar. Eigentlich wollte ich über einen hochbegabten Jungen schreiben. Ich wollte erzählen, wie schrecklich es ist, wenn man mit neun Jahren feststellt, dass man weiter als die Eltern ist, obwohl es ja eigentlich die Eltern sind, die einen beschützen sollen. Als Gegenpol brauchte ich einen tiefbegabten Menschen. Aber schon nach dem ersten Kapitel stellte ich fest: Dass der hochbegabte Oskar auf den tiefbegabten Rico hinunterblickt, das geht gar nicht. Also habe ich es umgedreht. Das funktioniert.

Rico hat einiges von Ihrem Ende des Jahres 2009 verstorbenen Lebensgefährten, dem Berliner Techno-DJ Gianni Vitiello.
Ja, Gianni war zum Beispiel auch Halbitaliener wie Rico, und er hatte es in der Schule extrem schwer, weil er ADS hatte. Auch die verqueren Wortspiele kenne ich von ihm.

Rico denkt langsamer als andere, er kann sich schlecht konzentrieren. Das ist etwas, was Kinder sich nicht gerade wünschen. Trotzdem lieben sie ihn. Warum eigentlich?
Rico kommt tatsächlich in fast jedem Brief vor, den Kinder an mich schreiben. Er ist eine Figur, die ganz vielen Kindern aus der Seele spricht. Er geht zwar in eine Förderschule. Trotzdem ist er zutiefst optimistisch. Offen. Direkt. Er kann sogar über sich selber lachen. Rico gibt Kindern das Gefühl: Endlich ist da jemand wie ich. Der fühlt massenweise komische Sachen und ist trotzdem kein Außenseiter, kein Freak. Ich finde, das sollte ein Kinderbuch leisten.

Zur Person

Andreas Steinhöfels Buch "Dirk und ich" enthält auch ein Foto von ihm und seinem Bruder Dirk. Quelle: Peter Schössow / Carlsen

Wer den Kinder- und Jugendbuchautor Andreas Steinhöfel zu Hause besucht, merkt schon auf der Zugfahrt, dass hier die Uhren noch langsamer als anderswo ticken. Immer kleiner werden die Orte, an denen man auf dem Weg vom großstädtischen Frankfurt ins beschauliche Biedenkopf an der Lahn vorbeifährt. Hier ist die Eisenbahn noch Bimmelbahn und tutet jedes Mal, wenn sie Station macht.

Steinhöfel selbst wohnt in einem einsam gelegenen Haus am Hang, umgeben von einem verwilderten Garten. Bevor er in seiner Küche bei selbst zubereiteter Pasta über sich redet, zeigt er einem die Welt, in der er als kleiner Junge lebte. Über einen engen Feldweg rumpelt er mit seinem alten Auto: seinen Schulweg. Seine "Schlittenwiese" zeigt er und den Wald, in dem er früher stundenlang spielte. Steinernen Relikten aus vergangenen Zeiten des Luftkurorts Biedenkopf begegnet man hier mit ihm. Es ist eine fast schon märchenhafte Atmosphäre.

Steinhöfel, geboren am 14. Januar 1962 in Battenberg, hat 20 Jahre in der Großstadt Berlin gelebt, ist dort aber nie heimisch geworden. Er lebt und arbeitet heute wieder, wie seine beiden Brüder, in der mittelhessischen Kleinstadt Biedenkopf.

Durch Zufall zum Schreiben gekommen

Nach der Schule studierte Steinhöfel zunächst Biologie und Englisch auf Lehramt, machte dann aber seinen Magister in Anglistik, Amerikanistik und Medienwissenschaften in Marburg. Nach Abschluss des Studiums erschien im Jahr 1991 Steinhöfels Buch "Dirk und ich" (die neu gestaltete Jubiläumsausgabe ist jetzt bei Carlsen erschienen und kostet 12,99 Euro), zu dem es eher durch einen Zufall kam.

Heute ist Andreas Steinhöfel einer der bekanntesten Kinderbuchautoren Deutschlands. 1,6 Millionen Mal verkauften sich allein seine drei Geschichten über "Rico und Oskar". In 29 Ländern sind sie erschienen. Auch die Filme über den so sonnigen, "tiefbegabten" Rico und seinen hochbegabten Freund Oskar sahen Millionen Menschen. Für den ersten Band "Rico, Oskar und die Tieferschatten" (erschienen 2008) bekam der Schriftsteller unter anderem den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Es geht weiter: Die Reihe "Oskar und Rico" ist noch nicht abgeschlossen. Quelle: Carlsen

Die "Rico und Oskar"-Bücher, aber auch "Paul Vier und die Schröders" sind heute Standardlektüre in Schulen. In dem 1998 erschienenen Jugendroman "Die Mitte der Welt" verarbeitet Steinhöfel auch seine Homosexualität. Eine Verfilmung des Buches von Regisseur Jakob M. Erwa mit Louis Hofmann und Jannik Schümann in den Hauptrollen kommt am 10. November in die Kinos.

Auch Ricos und Oskars Geschichte ist laut Steinhöfel noch nicht zu Ende erzählt. Es soll eine Fortsetzung geben, die an Weihnachten, "im größten Schneesturm aller Zeiten" (O-Ton Steinhöfel) spielt. Ein Erscheinungstermin ist aber noch nicht bekannt.

Von Jutta Rinas

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