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Promi-Talk Warum liegen Ihnen Minderheiten am Herzen?
Sonntag Promi-Talk Warum liegen Ihnen Minderheiten am Herzen?
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20:00 01.04.2016
Glamourfrau, Independent-Ikone, Buchautorin: Oscar-Preisträgerin Julianne Moore spielt in Hollywoods A-Liga viele Rollen. Quelle: dpa

Frau Moore, Ihre Filme drehen sich oft um gesellschaftlich brenzlige Themen: Wieso beschäftigt Sie das Politische so viel mehr als andere Schauspielerinnen?
Ich glaube, man beginnt in dem Moment, sich für Politik zu interessieren, in dem das eigene Leben berührt wird. Für mich war das die Schwulen- und Lesbenbewegung, verbunden mit der Aids-Epidemie in den Achtzigern.

Welche Berührungen gab es?
Als Jugendliche in den Siebzigern kannte ich nicht einmal Leute, die schwul waren. Darüber sprach man ganz einfach nicht. Anfang der Achtziger zog ich dann nach New York, und da waren all die jungen Männer, die plötzlich starben. Ein Bekannter kam aus Mexiko, sagte, er habe die "Mexikanische Grippe" und starb. Das alles war sehr, sehr seltsam.

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe damals viel Zeit in Krankenhäusern verbracht. Ich bekam ein Gespür dafür, wie anders Schwule und Lesben in unserer Gesellschaft behandelt werden. Sehr bald drehte sich die Diskussion um Bürgerrechte. Wie geht man mit Menschen um, die sexuell von der Mehrheit abweichen? Wie leicht werden solche Leute als irgendwie anders ausgegrenzt? Dafür interessiert man sich, wenn Freunde und Bekannte betroffen sind.

Hat sich Ihr Land zwischenzeitlich für Schwule und Lesben geöffnet?
Ja. Sie können beklagen, wie langsam das alles geht, quasi im Schneckentempo. Aber Sie können auch sagen: Es geht voran, Staat für Staat. Der wahre Fall meines aktuellen Films "Freeheld" liegt gut zehn Jahre zurück: Damals kämpfte eine Polizistin darum, Pensionsansprüche auf ihre Lebenspartnerin zu übertragen. Im vorigen Jahr war dann die Mehrheit in den USA so weit, gleich­­geschlechtliche Ehen zu akzeptieren. Der Supreme Court hat höchstrichterlich entschieden. Das macht Hoffnung. Und was zum Beispiel Annette Bening und ich in der Komödie "The Kids Are All Right" vor sechs Jahren gespielt haben, ein lesbisches Ehepaar mit Kindern: Das ist heute weithin anerkannt.

"Freeheld" erzählt aber auch eine bittere Geschichte: Es brauchte erst eine Tragödie, um die Rechte eines gleichgeschlechtlichen Paares anzuerkennen.
Stimmt, die Geschichte ist schrecklich. Die Polizistin Laurel muss erst die Diagnose Lungenkrebs erhalten. Und die Behörden stellen sich gegenüber Stacies Ansprüchen quer. Zwei Frauen kämpfen für ihre Rechte. Ich habe Stacie vor den Dreharbeiten getroffen und ihr gesagt, wir möchten euch beide so gerecht wie möglich darstellen. Das war mir sehr wichtig.

Julianne Moore (links) und Ellen Page als Liebespaar, das im Drama "Freeheld" für seine Rechte kämpfen muss. Quelle: Verleih

Kann Kino zu gesellschaftlichen Veränderungen beitragen?
Unterhaltungsfilme spielen gewiss keine Vorreiterrolle bei gesellschaftlichen Umbrüchen, aber sie machen sichtbar, dass sich etwas kulturell verändert. Plötzlich verstehen die Menschen, dass zum Beispiel ihre Lehrerin und deren Freundin ein Paar sind – und gar nicht so viel anders als sie selbst. Als Schauspieler sind wir Teil dieser Veränderung. Wir beschäftigen uns in unseren Rollen mit dem, was wir sind. Es gibt ein Publikum dafür, und das ist wunderbar.

Wie sehr können Sie sich mit der Polizistin Laurel identifizieren?
Man muss den Leuten immer wieder klarmachen, dass ich Schauspielerin bin und nicht Polizistin oder Professorin oder was ich auch gerade spiele. Meine eigentliche Expertise besteht darin, Leute zu beobachten, das Verhalten anderer zu studieren. In diesem Fall, also bei "Freeheld", war es für mich einfacher, die Liebesgeschichte zu spielen als die Polizistinnenrolle. Liebe ist was Universelles, damit hat jeder seine Erfahrung.

Steven Soderbergh ging mit seinem Film "Liberace" am Ende zum Fernsehsender HBO: Kinoproduzenten glaubten nicht an die Liebesgeschichte des schwulen Starpianisten und seines Lebensgefährten. Wie viel Homophobie steckt in Hollywood?
Schwer zu sagen. Bei "The Kids Are All Right" haben viele jedenfalls nicht daran geglaubt, dass eine Geschichte über zwei Frauen mittleren Alters mit Kindern komisch sein soll. Aber der Film war komisch! Es war eine Komödie! Manche konnten das nicht aus dem Skript herauslesen. Aber man muss natürlich bedenken, dass Produzenten ihr Geld hergeben, um Geld zu verdienen. Sie machen das ja eher selten, weil sie Filme lieben.

Nutzen Sie Ihre Bekanntheit, um Stellung in politischen Fragen zu beziehen?
Ich fühle mich als Bürgerin verantwortlich, nicht als Celebrity. Ich bin gerade ziemlich aktiv beim Thema Waffen. Aber das tue ich nicht als Prominente oder irgendwie öffentliche Figur. Demoskopisch betrachtet bin ich vielleicht sogar besonders typisch: eine Frau mit zwei Kindern, die arbeitet und sich um Waffengewalt sorgt. Da bin ich eine Betroffene wie jede andere.

Gerade tobte die Oscar-Debatte um die Nichtnominierung von Minderheiten. Sie standen als Laudatorin auf der Bühne: Wie rückständig ist die Academy?
Jedenfalls steht Hollywood nicht allein da. Viele Unternehmen ringen darum, mehr Frauen in verantwortliche Situationen zu bringen. Quoten können helfen. Denn dann muss sich auch das System dahinter verändern, müssen sich Erziehung und Ausbildung anpassen. Am Ende lässt sich in Unternehmen mit Frauen an der Spitze sogar die Produktivität steigern. In Hollywood ist das eigentliche Problem die Filmindustrie, die darüber bestimmt, welche Filme entstehen, nicht die Oscar-Academy.

Zwischen Ihren gesellschaftlich so engagierten Filmen drehen Sie immer mal wieder eine Komödie – zur Entspannung?
Meine aktuelle New-York-Komödie "Maggie's Plan" mit Greta Gerwig habe ich just nach dem Alzheimer-Drama "Still Alice" und nach "Freeheld" in Angriff genommen. Das war das richtige Timing. Ich fand meine Figur so witzig, so exzentrisch, anregend. Diese Georgette geht weiter in Beziehungsfragen als sonst üblich: Sie lässt sich von ihrer Nachfolgerin wieder den Mann offerieren, den sie an diese verloren hat. Wir mussten so viel lachen, und dabei steckt ja auch Verzweiflung in der Geschichte.

Alzheimer-Drama: Julianne Moore mit ihrer Film-Tochter Kristen Stewart in einer Szene aus "Still Alice". Quelle: Jojo Whilden / Polyband / dpa

Sie stehen nicht nur vor der Kamera, Sie schreiben auch Kinderbücher: Wie kam es zu der Reihe "Freckleface Strawberry"?
Ein Freund von mir arbeitet in der Buchindustrie. Er hat mich ermuntert, es mit dem Schreiben zu versuchen. Schreib eine Kindergeschichte über dich selbst, das werden deine Kinder lieben. Erst mal habe ich geantwortet, dass das meine Kinder kaum interessieren dürfte.

Was hat Sie umgestimmt?
Dann fiel mir der Spitzname ein, den ich als Kind hatte. Ich habe ihn nicht gemocht, obwohl "Sommersprossengesicht" ja gar nichts Gemeines ist. Aber das siehst du als Kind anders. Und daraus ist dann eine ganze Buchreihe geworden.

Bei der Berlinale haben Sie die Journalisten auf Deutsch begrüßt: Welche Verbindung haben Sie zu Deutschland?
Ich habe an der "Frankfurt American High School" meinen Abschluss gemacht. Mein Vater war in der Armee, er war in Deutschland stationiert. Wir zogen hierher, als ich 16 war. Die letzten beiden Jahre an der High School habe ich hier absolviert. Meine Familie blieb sogar zwölf Jahre.

Wie haben Sie Deutschland damals wahrgenommen?
Ich war das erste Mal im Ausland, begegnete einer fremden Kultur. Ich hatte so viele Freiheiten, die ich in den USA nicht gehabt hätte. Das war toll.

Dann müssen Sie doch noch viel mehr Deutsch sprechen!
(wechselt radebrechend ins Deutsche) Mein Deutsch ist sehr schlecht. Mein Vokabular ist wie von einem Kind.

Gratulation! Es gibt wohl nur wenige US-Amerikanerinnen, die sich die Mühe machen, Deutsch zu lernen.
(Wechselt wieder ins Englische). Das ist eine Sache, die ich über Deutsche herausgefunden habe: Sie sind so glücklich, wenn man es in ihrer Sprache versucht. Und das wiederum ist für mich motivierend. Das Problem ist nur: Sie antworten dann auch auf Deutsch. Und dann muss ich sagen (nun wieder auf Deutsch): "Langsam, bitte!" Ach, warten Sie, ich zeige Ihnen mal die App auf meinem Handy: Mit der trainiere ich das Übersetzen. Das wird Ihnen bestimmt gefallen.

Zur Person

Für ihre Rolle in "Still Alice" wurde Julianne Moore 2015 mit dem Oscar als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Quelle: Ampas / dpa

Geboren wurde Julianne Moore als Julie Anne Smith. Mit so einem Allerweltsnamen kommt eine Schauspielerin nicht weit: Kurzerhand fasste sie Julie und Anne zusammen und machte den zweiten Namen ihres Vaters zu ihrem Nachnamen. Als Julianne Moore hat die heute 55-Jährige erst eine Theater- und dann eine Kinokarriere hingelegt, die ihresgleichen sucht: Moore kann vieles sein, graue Maus wie Glamourfrau, zerbrechliche Erscheinung wie toughe Kämpferin, ehrliche Haut wie verschlagene Gegenspielerin.

Moore gilt als Heroin des Independent-Kinos, hält deswegen aber keineswegs zwanghaft Distanz zum Mainstream. In Steven Spielbergs "Vergessene Welt: Jurassic Park" (1997) legte sie sich mit Dinosauriern an, in "Hannibal" (2001) verfolgte sie einen gerissenen Serienkiller. Jüngst war sie im Science-Fiction-Blockbuster "Mockingjay" die schwer durchschaubare Präsidentin, die sich von der Macht korrumpieren lässt.

Durchbruch mit "Boogie Nights"

Moores eigentliches Zuhause aber sind kleinere Filme, die Raum für die Entfaltung eines Charakters lassen. Paul Thomas Andersons "Boogie Nights" (1997), ein beinahe familiärer Blick auf die Pornobranche Anfang der Achtziger, bedeutete den endgültigen Durchbruch für Moore. Längst zählt die Schauspielerin mit der fast schon transparenten Haut und den Sommersprossen zu Hollywoods A-Liga. Todd Haynes kann man wohl getrost als ihren Lieblingsregisseur bezeichnen. Mit ihm drehte sie bald auch "Magnolia" (1999), da spielte sie die Frau eines todkranken Medien-Tycoons.

Erstaunliches gelang Moore 2003: Gleich für zwei Filme wurde sie für den Oscar nominiert: In "Dem Himmel so fern", wiederum von Todd Haynes, glänzte sie als eine Ehefrau, die sich Ende der Fünfziger auf eine Liebesgeschichte mit ihrem schwarzen Gärtner einlässt. In "The Hours" stand sie ebenso auf der Kandidatenliste in der Nebendarsteller-Kategorie. Doch wie schon zuvor bei "Boogie Nights" und Neil Jordans "Das Ende einer Affäre" (1999) ging sie leer aus.

Das änderte sich im Vorjahr: In "Still Alice – Mein Leben ohne gestern" verkörperte Moore eine Linguistik-Professorin, die an Alzheimer erkrankt. Sanft zeichnete sie diese Figur, durchaus mit komischen Momenten. Da drückte die Academy ihr endlich die längst schon verdiente Trophäe in die Hand.

Bekannt für klare Worte

In Hollywood ist Moore für klare Worte bekannt. Sie kritisierte die Politik von George W. Bush, tritt für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ein und auch gegen den Jugendwahn unter ihren Kolleginnen. Inzwischen hat die Tochter eines Militärrichters und einer Sozialarbeiterin neue Talente in sich entdeckt. 2007 veröffentlichte sie das Kinderbuch "Freckle­face Strawberry", das in Deutschland unter dem Titel "Sommersprossenfeuerkopf" erschienen ist.

Das Herz der zweifachen Mutter aber gehört der Schauspielerei. Gerade ist das Drama "Freeheld" in unseren Kinos gestartet, Anfang August folgt die New-York-Komödie "Maggie's Plan". Moore ist aktuell mit der Jugendbuch-Adaption "Wonderstruck" beschäftigt. Und wie heißt der Regisseur? Genau, Todd Haynes.

Von Stefan Stosch

Er war Radiomoderator, Sportreporter und ist mit "Wer wird Millionär?" der Quizmaster der Nation. Günther Jauch (59) hörte mit seinem Polit-Talk auf und arbeitet nun öfter im eigenen Weinberg an der Saar. Olaf Majer fragte nach, warum der Wetterbericht wichtiger sein kann als die Einschaltquote.

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