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Promi-Talk Wie spielen Sie Schmerz?
Sonntag Promi-Talk Wie spielen Sie Schmerz?
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20:01 04.11.2016
Sie ist komisch, kann aber auch ernst: Emma Thompson ist eine der renommiertesten britischen Charakterdarstellerinnen. Ein Gespräch über Tapasbars, die deutsche Vergangenheit und Schauspielertricks. Quelle: Imago
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Frau Thompson, wie vertreiben Sie sich in Berlin die Zeit, wenn Sie gerade keine Interviews für Ihre aktuelle Hans-Fallada-Verfilmung "Jeder stirbt für sich allein" geben?
Gestern zum Beispiel habe ich zu viel Rotwein in der Tapasbar von Daniel Brühl getrunken. Daniel spielt ja auch in "Jeder stirbt für sich allein" mit. Deshalb habe ich auch nur fünf Stunden geschlafen. Wieso hat Daniel eine Tapasbar in Berlin? Am liebsten würde ich jetzt auch so eine Bar in London aufmachen. Soll ich?

Unbedingt. Scheint ja so, als wenn Sie mit Daniel Brühl gut ausgekommen wären.
Ich bin total sauer, weil er eine Tapasbar hat, und ich habe keine. Aber gut, ihm erlaube ich das: Er ist so anständig, freundlich, liebenswürdig. Ich liebe ihn! Im Film haben wir übrigens keine einzige gemeinsame Szene: Er ist der Kommissar, der meinen Film-Mann und mich jagt, weil wir in ganz Berlin auf Postkarten zum Widerstand gegen das NS-Regime aufrufen.

Wie schwierig war es, diese Frau Quangel zu spielen, die Romanautor Hans Fallada als "bedeutungsloses Einzelwesen" charakterisiert?
Es ist nicht einfach, jemanden zu verkörpern, der ein so ganz anderes Leben führt: ohne große Schulausbildung, ohne Perspektive, in dieser Enge. Diese Frau sollte nicht ignorant aussehen, denn das war sie nicht. Sie war klarsichtig und mutig. Und schon in der ersten Szene erfährt sie, dass ihr Sohn im Frankreich-Feldzug getötet wurde. Mit so einem emotionalen Moment einzusteigen: Das war ein bisschen beängstigend. Was fühlt diese Frau? Für mich war das wie ein Sprung von einem Hochhaus. Mal schauen, wie man unten ankommt.

Der Roman "Jeder stirbt für sich allein" war Hans Falladas Abrechnung mit der Nazizeit. Im Film spielt Thompson mit Brendan Gleeson das Paar im Widerstand. Quelle: Marcel Hartman / X-Verleih

Wie sind Sie angekommen?
Glücklicherweise hatten wir einen Monat Zeit zum Proben. Das war so wichtig. In diesem Film wird ja kaum gesprochen, es geht aber immer um Schmerz und Gefühle. Wir mussten uns sehr genau überlegen, wie wir diese Geschichte zum Leben erwecken. Ich habe ganz bewusst entschieden, überhaupt nicht zu lächeln. Deshalb habe ich zur Vorbereitung etwas getan, was ich noch nie getan habe

Was denn?
Ich habe versucht, 24 Stunden lang vor dieser Szene nicht zu lachen. Diese Frau hatte nun mal wenig zu lachen in ihrem Leben, und das sollte man ihr ansehen. Fachleute hatten mir gesagt: Aktiviere deine Lachmuskeln nicht. Tatsächlich fühlt man sich nach einem Tag deprimiert, wenn man gar nicht mehr lacht. Ich habe mich sozusagen körperlich ausgetrickst, um den Schmerz dieser Frau zu verkörpern. So etwas hat tatsächlich Folgen für den Körper. Sonst tun nur Kollegen wie Daniel Day-Lewis so etwas. Man muss tatsächlich auf sich aufpassen, wenn man mit der Arbeit fertig ist.

Wie werden Sie Ihre Rollen am Abend wieder los?
Manchmal ist es hart, manche habe ich gerne wieder abgelegt, manche nicht. Die Malerin "Carrington" zum Beispiel habe ich wirklich vermisst. Pamela "P. L." Travers, die "Mary Poppins"-Autorin in "Saving Mr. Banks", konnte ich dagegen gar nicht schnell genug wieder loswerden.

Haben Sie sich hier in Berlin auch an den historischen Orten umgeschaut?
Viele davon sind bis zu den Grundmauern zerbombt worden. Deshalb haben wir in Görlitz gedreht, da gab es wunderbare Locations. Dieser Film erzählt eine sehr deutsche Geschichte, genauso aber auch eine universelle. Wir haben auf Englisch gedreht – auf Deutsch hätte ich ja auch kaum mitspielen können. Widerstand gegen einen Diktator: So etwas passiert überall, heute noch genauso. Überwachungsstaaten gibt es überall, da gibt es ebenso viele Beispiele. Wer heute seine Privatsphäre behalten willst, sollte sowieso sein verdammtes Smartphone zu Hause lassen.

Wie gehen die Deutschen Ihrer Ansicht nach mit ihrer NS-Vergangenheit um?
Besonders die jungen Generationen beeindrucken mich. Sie wenden sich nicht ab, reden darüber, diskutieren. Zwei Cousins meines Mannes sind Deutsche, der eine ist Wissenschaftler, der andere Bildhauer. Ich habe viel mit ihnen gesprochen. Ich selbst bin ja auch in einem Nachkriegsland aufgewachsen, aber das ist etwas ganz anderes. Dieses Gefühl der Verantwortung beim Umgang mit der Vergangenheit! Mich erinnert die Situation an Chile und Argentinien. Dort wollen die Wunden der Vergangenheit nicht heilen. In Deutschland aber tut ihr das Mögliche. Hier ist man sich der Geschichte sehr bewusst. Ihr schaut ins Dunkle.

Trifft der Eindruck zu, dass Sie Ihre Arbeit desto mehr lieben, je älter Sie werden?
Stimmt genau, ich nehme auch nicht mehr alles als selbstverständlich hin wie früher. Beinahe hätte ich gesagt: Ich werde ja auch älter und habe nicht mehr so viele Möglichkeiten. Tatsächlich ist aber das Gegenteil ist der Fall: Ich bekomme tolle Rollenangebote, seit ich über fünfzig bin. Annehmen konnte ich sie, als meine Tochter alt genug war und ich länger von zu Hause verschwinden konnte.

Gab es in Ihrem Leben einen Moment, in dem Sie wussten, dass Sie Schauspielerin werden wollen?
Als 16-Jährige habe ich das Theaterfestival in Avignon besucht, ich nahm dort an einem Schauspielkursus teil. Ich habe in Südfrankreich eine tolle Inszenierung von Jean Racines Tragödie "Andromache" gesehen, gleich vier Mal hintereinander. Ich erinnere mich, wie ich aus Avignon einen Brief schrieb, ich saß in einem Schlafsaal – interessanterweise habe ich an meinen Vater geschrieben und nicht an meine Mutter, obwohl die ja auch Schauspielerin war. Und darin hieß es: "I can't turn my back on these people." Ich muss bei diesen Leuten bleiben. Unglücklicherweise scheint es so zu sein, dass sich meine Tochter für denselben Weg entschieden hat. Okay, das mit dem "unglücklich" meine ich nicht ganz so ernst.

Mit welchen Schauspielern haben sie am liebsten zusammengearbeitet?
Da könnte ich eine ganze Liste anfertigen. Mein geliebter Anthony Hopkins gehört zum Beispiel unbedingt dazu. Oder Dustin Hoffman, mit dem ich drei Mal gedreht habe. Oder auch Vanessa Redgrave und natürlich mein Darling Kate Winslet. Auch Alan Rickman darf ich nicht vergessen ...

Kein Kuss unter dem Mistelzweig: Emma Thompson spielte in "Tatsächlich … Liebe" zusammen mit dem Anfang 2016 verstorbenen Alan Rickman ein Paar in der Vertrauenskrise. Quelle: Verleih

Wie haben Sie Alan Rickman in Erinnerung?
Für seine Beerdigung hatte ich ein paar Zeilen geschrieben. Ich berichtete von einer Begegnung mit ihm, die so typisch war. Bei einer Silvesterparty in meinem Haus hatte ich Mistelzweige aufgehängt. Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist, aber bei uns küsst man sich darunter. Also wartete ich auf meinen Kuss.

Und dann?
Alan sah mich dort stehen. Er stakste zu mir rüber. Sie wissen ja, er war sehr groß. Er näherte sich meinem Gesicht. Ich dachte noch: Das lässt sich gut an. Und dann hat er ein Haar aus meinem Kinn gezogen. "Du hast Bartwuchs dort", sagte er. Und das war's. Er stakste wieder davon. Er gab mir keinen verdammten Kuss. Das war urkomisch. So war Alan!

Sie schreiben auch Drehbücher, gerade haben Sie am dritten "Bridget Jones"-Film mitgewirkt. Was macht Ihnen mehr Spaß, schauspielern oder schreiben?
Das sind zwei sehr unterschiedliche Beschäftigungen. Schreiben ist einsam und hart. Aber wenn etwas Gutes dabei herauskommt, verschafft es dir Zufriedenheit. Die Schauspielerei ist anders: Man trickst sich selbst aus. In meinem aktuellen Film zum Beispiel sehe ich ja nicht einmal so aus, wie Sie mich jetzt sehen. Ich bin eine ganz andere Person. Psychologisch sind das ganz verschiedene Dinge. Beim Schreiben stellst du dir jeden Charakter vor, du erfindest alle. Du bist eher objektiv, beim Spielen bist du subjektiver.

Und wenn Sie sich entscheiden müssten?
Ich hasse es, mich zu entscheiden. Hoffentlich muss ich das nie tun! Aber wenn doch, dann würde ich vermutlich schreiben. Obwohl: Das Tolle am Schauspielerjob ist ja gerade, dass du immer eine Entschuldigung hast, warum du deine Mitmenschen alles Mögliche fragen darfst. Da darfst sie nerven. Wer weiß, vielleicht spiele ich irgendwann einen Journalisten, der die Stars von ihrem hohen Ross herunterholt. Dann frage ich bei Ihnen noch mal an.

Zur Person

Kaum zu erkennen: Emma Thompson als Wahrsage-Lehrerin Sybill Trelawney in den "Harry Potter"-Filmen. Quelle: Warner

In diesem Frühjahr stand Emma Thompson zusammen mit ihrer Schwester Sophie auf einer Wiese im englischen Lancashire und verteilte selbst gebackenen Kuchen. Die Aktion trug den Titel "The Frack Free Bake Off", war von Greenpeace initiiert und richtete sich gegen das in dieser Gegend geplante Fracking. Bei dem Protest im Namen der Umwelt gegen den Schiefergas-Abbau kamen nicht nur Backaromen zum Tragen: Ein genervter Bauer, zufällig auch der Landbesitzer, rückte mit seinem Güllelaster an und spritzte stinkenden Dünger in Richtung der Thompson-Sisters.

Auf den Fotos von dem Ereignis ist dennoch eine quietschvergnügte Schauspielerin zu sehen. Ihren – gelegentlich bissigen – Humor ließ sich die Britin offenkundig nicht nehmen. Für ihre Komik wird Thompson gerühmt: In ihrem Kinodebüt "Das lange Elend" (1989) spielte sie an der Seite von Jeff Goldblum eine liebestolle Krankenschwester. In der Satire "Mit aller Macht – Primary Colors" (1998) mischte sie in der US-Politik mit. Jüngere Zuschauer dürften sich an ihre glubschäugige Wahrsagelehrerin Sybill Trelawney aus den "Harry Potter"-Filmen erinnern.

Von urkomisch bis ganz ernst

Thompson, eine der renommiertesten Charakterdarstellerinnen Großbritanniens, kann aber auch ganz ernst: Im Kammerspiel "Wit" (2001) kämpft ihre todkranke Universitätsprofessorin um Würde, in "Imaging Argentinia" (2003) gerät ihre Journalistin in die Fänge der folternden argentinischen Militärdiktatur.

Ganz aktuell spielt sie in der Hans-Fallada-Verfilmung "Jeder stirbt für sich allein" (deutscher Kinostart: 17. November) die Berlinerin Anna Quangel, die nach dem sinnlosen Tod ihres Soldatensohnes zusammen mit ihrem Ehemann Otto einen genauso verzweifelten wie hoffnungslosen Kampf gegen das NS-Regime aufnimmt.

Ihren ersten Oscar brachte Thompson das im spätviktorianischen England angesiedelte Gesellschaftsporträt "Wiedersehen in Howards End" (1992). Den zweiten gewann nicht die Schauspielerin, sondern die Drehbuchautorin Emma Thompson – denn schreiben kann die Britin auch noch. 1995 wurde sie für die Adaption des Jane-Austen-Klassikers "Sinn und Sinnlichkeit" ausgezeichnet. Ebenso ist sie bei dem gerade angelaufenen, dritten "Bridget Jones"-Film als Skriptautorin beteiligt.

Für ihre Rolle in "Wiedersehen in Howards End" gewann Thompson 1992 ihren ersten Oscar, der zweite folgte für das Drehbuch zu "Sinn und Sinnlichkeit". Quelle: afp

Im Fall der 1959 in London geborenen Thompson trifft die Floskel womöglich zu: Das Talent wurde ihr in die Wiege gelegt. Vater Eric arbeitete als Regisseur, Schauspieler und Theaterleiter, Mutter Phyllida Law als Schauspielerin. Thompson studierte Anglistik am Cambridge College, wo sie zusammen mit Stephen Fry und Hugh Laurie in Sketchen auftrat.

Verheiratet war sie bis 1995 mit dem Shakespeare-Experten Kenneth Branagh, heute heißt ihr Ehemann Greg Wise, ebenfalls ein Schauspieler, den sie bei den Dreharbeiten für "Sinn und Sinnlichkeit" kennenlernte. Selbstverständlich ist auch Schwester Sophie Schauspielerin – wenn sie nicht gerade mit Emma auf einer Wiese in Lancashire steht und Kuchen verteilt. Und, ach ja, der Bauer mit der Güllekanone hat die Thompson-Schwestern knapp verfehlt.

Von Stefan Stosch

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