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OZ „Das ist kein Spaß mehr“
„Das ist kein Spaß mehr“
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08:13 20.12.2018
Ein als Clown verkleideter Anhänger des FC Hansa Rostock hat eine bengalische Fackel gezündet. MV-Innenminister Lorenz Caffier möchte gegen Ausschreitungen im Stadion härter vorgehen. Quelle: Lutz Bongarts
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Rostock

Gefängnis für das Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion – Innenminister Lorenz Caffier (CDU) macht sich für härtere Strafen gegen Fußball-Chaoten stark. Zur Not müssten Gewalttäter, die eine Gefahr darstellen, an die elektronische Fußfessel gelegt werden.

Die Innenminister der Länder sind sich uneinig, wenn es um das Thema Pyrotechnik im Stadion geht. Befürworten Sie ein generelles Verbot oder können Sie sich ein kontrolliertes Abbrennen in bestimmten Bereichen vorstellen?

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Es kann keine Legalisierung von Pyrotechnik in Stadien geben. Sie im Stadion zu zünden, ist verboten, und bei Verstößen muss dagegen vorgegangen werden. Es ist niemandem zu vermitteln, dass im Stadion erlaubt sein soll, was außerhalb verboten ist. Wir müssen dazu kommen, die Täter zu ermitteln. Die Technik dazu gibt es bereits, und sie wird immer besser.

Jetzt gilt das Abbrennen von Bengalos als Ordnungswidrigkeit. Glauben Sie, mit höheren Strafen – diskutiert wird über bis zu 10 000 Euro Bußgeld und sogar Haft – das Problem in den Griff zu bekommen?

Ich glaube, dass eine Verschärfung der Strafen zu mehr Abschreckung führt. Und ich denke, dass die 99 Prozent der Leute, die zum Fußball gehen, um sportliche Unterhaltung zu erleben, das gut finden würden. Denn: Wenn jemand aus einem Stadionblock Raketen auf andere schießt, dann hat das nichts mehr mit Spaß zu tun.

Dem DFB würden Millionen-Einnahmen verloren gehen, wenn Pyrotechnik endgültig aus den Stadien verbannt werden könnte. Welche Rolle spielt der Verband in der Diskussion? Und wie nehmen sie das Verhalten der Klubs – beispielsweise Hansa Rostock – bei der Verfolgung wahr?

Wir müssen insgesamt aufpassen, dass sich Politik, Polizei, DFB, DFL und Vereine die Verantwortung nicht gegenseitig zuschieben. Gewalt und Ausschreitungen zu verhindern, geht uns alle an. Ich glaube, die Vereine tun insgesamt noch zu wenig bei der Prävention. Es beginnt bei der Organisation des Ordnungsdienstes und führt bis hin zur Unterstützung bei der Ermittlung und Verfolgung von Straftaten. Da ist noch einiges möglich.

Ihr Verhältnis zur Klubspitze des FC Hansa war in der Vergangenheit oft angespannt. Wie beurteilen Sie es heute?

Ich habe den Eindruck, dass Vorstand und Aufsichtsrat neue Akzente setzen. Hin und wieder fehlt mir aber die letzte Konsequenz, wenn es darum geht zu sagen, was geht und was nicht geht.

2019 entscheidet das Bundesverwaltungsgericht, ob das Land Bremen Rechnungen für Polizeieinsätze bei Risikospielen an die DFL schicken darf. Was werden Sie tun, sollte dieses Recht bestehen?

Sollte es so kommen, haben die Länder sich geeinigt, darüber zu sprechen, wie man gemeinsam mit dem Thema umgeht. Dann wird man sicher nachsteuern müssen – auch in Mecklenburg-Vorpommern. Ich halte den Weg, den Bremen geht, aber für den falschen. Denn es wird dann alle Sportvereine betreffen. Ich kann den Profifußball nicht gesondert betrachten. Dann würden in Zukunft beispielsweise auch für eine Marathon-Veranstaltung in Rostock etwa 30 000 Euro fällig werden. Ich gehe davon aus, dass die politische Diskussion über das Thema weitergehen wird und größere Forderungen aufgemacht werden.

In welche Richtung könnte es gehen?

Beschränkung von Zuschauerzahlen, eine andere Verteilung der Fans im Stadion, veränderte Zugriffsrechte. Für mich ist klar, dass es mittelfristig personalisierte Eintrittskarten geben wird. Wir müssen konsequenter sein und dafür sorgen, dass das eine Prozent der Leute, die uns immer wieder Ärger machen, nicht mehr ins Stadion geht – entweder mithilfe von Meldeauflagen oder indem sie im Stadion abgewiesen werden.

Polizisten unterliegen bei Großeinsätzen einer Kennzeichnungspflicht. Der richtige Schritt?

Bevor die Kennzeichnungspflicht beschlossen wurde, gab es bei uns keinen einzigen Fall, bei dem ein Polizist, dem eine Verfehlung angelastet wurde, nicht zu ermitteln gewesen ist. Aber die Politik hat sich für die Einführung der Kennzeichnung entschieden. Klar ist aber auch, dass Polizisten, wenn sie aus anderen Bundesländern ohne Kennzeichnungspflicht in MV tätig werden, keine Kennzeichnung tragen. Wenn wir – beispielsweise bei Fußballspielen – mit mehr als 1000 Polizisten im Einsatz sind, dann brauchen wir Unterstützung aus anderen Bundesländern. Wenn man das nicht will, wird Fußball nicht mehr stattfinden können.

Sie haben sich gegen elektronische Fußfesseln für Fußball-Gewalttäter ausgesprochen. Für (islamistische) Gefährder allerdings ist sie Praxis. Bleibt es dabei?

Ich glaube, es muss eine umfassende Diskussion in Deutschland geben, wie wir mit solchen Straftätern im Sport umgehen – und ob Dinge wie Fußfesseln nicht auch nötig sind. Gewaltstraftäter dürften überhaupt nicht mehr zu Spielen zugelassen werden.

Wie viele islamistische Gefährder hat die Polizei derzeit in MV auf dem Schirm?

Die Zahl liegt im unteren einstelligen Bereich. Das kann sich aber jederzeit ändern.

Im Landtag haben Sie sich gegen Präventivhaft bei Terrorismusverdacht ausgesprochen. Warum?

Unser Rechtssystem sieht eine Beugehaft nicht vor. So etwas gibt es nur in Diktaturen.

Das Sicherheits- und Ordnungsgesetz des Landes soll weiter verschärft werden. Wird der finale Rettungsschuss, der Beamte absichern soll, enthalten sein?

Davon gehe ich aus. Wir haben uns mit dem Koalitionspartner darauf verständigt. Fraglich ist, ob wir in Mecklenburg-Vorpommern Polizisten nach der aktuell laufenden Testphase flächendeckend mit Bodycams (Kameras am Körper/d. Red.) ausrüsten müssen, oder ob Dashcams (Kameras im Polizeiauto/d. Red.) genügen.

400 neue Polizeistellen hat die Regierung beschlossen, 2021 sollen es 6200 sein. Wo stehen Sie derzeit auf dem Weg dorthin?

Wir haben den ersten großen Nachwuchsjahrgang mit gut 300 jungen Polizisten vereidigt. So soll es in den kommenden Jahren weitergehen, um die Abgänge zu ersetzen und den Personalaufwuchs voranzutreiben. Ich hoffe, dass die Zahl der Bewerber stabil bleibt. Wir müssen mehr für die Werbung tun. Sich darauf zu beschränken, auf Messeständen Broschüren zu verteilen, reicht nicht mehr aus. Das haben wir erkannt und darauf reagiert. Ich möchte aber nicht, dass wir an die Bewerber niedrigere Anforderungen stellen.

Wie viele Stellen sind bei der Polizei derzeit nicht besetzt?

Im Moment haben wir etwa 250 offene Stellen. Das liegt auch daran, dass wir viele für Absolventen der Landespolizeischule frei halten.

In welchem Bereich ist der Bedarf am größten?

In der Informationstechnik brauchen wir möglichst schnell gute Leute; ich denke zwei bis drei Leute pro Polizeiinspektion.

Braucht die Landespolizei eine Reiterstaffel für Großeinsätze, etwa beim Fußball?

Bei bestimmten Veranstaltungen benötigen wir sie als taktisches Mittel. Ob wir deshalb eine eigene Reiterstaffel benötigen, muss politisch entschieden werden. Dafür müsste zusätzliches Geld ausgegeben werden. Mit den vorhandenen Mitteln und Stellen ist eine solche Staffel nicht aufzustellen.

Schafft Hansa noch den Aufstieg in die 2. Liga?

Ich glaube, es ist realistisch, dass Hansa im oberen Drittel der 3. Liga landet. Ich würde mich freuen, wenn es besser laufen würde. Die zurückliegenden Spiele haben gezeigt, dass die Mannschaft Luft nach oben hat.

Wären Sie damit zufrieden?

Ich glaube, die Euphorie zu Saisonbeginn war zu groß. Man sollte sich hohe Ziele stecken, aber auch realistisch bleiben.

Mehr dazu: Caffier will Gefängnis für Fußball-Chaoten

Frank Pubantz und Christian Lüsch

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