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Fussball regional Jubiläumsjahr für Trainer André Thiel: 20 Jahre Mister Prozent
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Jubiläumsjahr für Trainer André Thiel: 20 Jahre Mister Prozent

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20:41 27.12.2019
Robert Schmidtke (h.l.) und André Thiel (h.r.) beobachten während des ersten Heimspiels in der 2. Bundesliga das Geschehen.
Robert Schmidtke (h.l.) und André Thiel (h.r.) beobachten während des ersten Heimspiels in der 2. Bundesliga das Geschehen. Quelle: Foto: Archiv
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Stralsund

Wenn André Thiel an einem Spieltag die Wettkampfhalle betritt, streift er sich als erstes ein sauberes Shirt über. Frisch ins Match, das ist seine „Masche“. Mehr Rituale erlaubt er sich nicht. André Thiel ist nicht der Typ, der das sportliche Schicksal gern in die Hände von Aberglaube und Marotten legt. Er ist Perfektionist, plant und analysiert bis ins noch so kleinste Detail. So hat es der 38-Jährige in den vergangenen 20 Jahren als Trainer des 1. VC Stralsund von der Bezirksklasse in die zweithöchste deutsche Spielklasse geschafft. 1999 übernahm Thiel die zweite Frauenmannschaft, überflügelte die „Erste“ des 1. VC und klopft aktuell – zumindest sportlich – an die Bundesliga-Pforte. Weggefährten erinnern sich zum Ende seines Jubiläumsjahres an den Werdegang des einst hochtalentierten Turners, der mittlerweile dienstältester Coach in der Volleyball-Bundesliga ist.

Robert Schmidtke: André hat

jede freie Minute an Volleyball gedacht

Vier Aufstiege hatte André Thiel allein an der Seitenlinie bewältigt. Doch als im Sommer 2008 das Abenteuer 2. Bundesliga vor der Tür stand, kam Robert Schmidtke zur Hilfe. Thiels langjähriger Kumpel –beide haben sich während des Sportstudiums in Greifswald kennengelernt – wurde sein erster Co-Trainer. Dass Schmidtke bis dato kaum etwas mit Volleyball am Hut hatte, war kein Problem. „Volleyballtechnisch macht ihm sowieso keiner etwas vor“, ist sich der Ex-„Co“ sicher.

Thiel sorgte schnell dafür, dass Schmidtke auf den neuesten Volleyballstand kam. „Er hat jede freie Minute an Volleyball gedacht. Wir haben eine Zeit lang Tennis gespielt, kamen letztlich aber immer auf das eine Thema“, erzählt Schmidtke und schiebt hinterher: „Aber das macht ihn so erfolgreich.“

Den eigenen Ehrgeiz versucht Thiel stets auf seine Spielerinnen zu übertragen. Schmidtke nennt ein Beispiel: „André schaut bei Spielen immer mal zu den Spielerinnen auf der Bank und verlangt auch von denen 100 Prozent. Wenn man da keine Stimmung macht, gibt’s einen Anranzer.“

Anne Tegge: Es gab

immer ein Ziel

Die Erfahrung hat auch Anne Tegge gemacht. Die Zuspielerin stand von 2000 bis 2013 im Kader von André Thiel. „Er war immer ehrgeizig und hat von uns entsprechenden Einsatz gefordert“, bestätigt Tegge Schmidtkes Ansicht.

Tegge war damals die Erste, die zwischen Wohnort Rostock und Trainingsort Stralsund pendelte. „Um diesen Aufwand zu betreiben, musste man schon richtig Bock darauf haben. Das spricht dafür, dass André das gut gemacht hat“, meint die heutige Mainzerin. „Das Training war immer durchdacht, es gab immer ein Ziel.“ Schmidtke schiebt ein: „Der Tagesplan passt in den Wochenplan, der in den Monatsplan und der wiederum in den Jahresplan. André weiß schon im August, was er im Januar trainieren muss.“ Solch detaillierte Konzepte seien nicht der Normalfall, weiß Tegge.

Robert Schmidtke: Thiel, der

Antreiber, der Perfektionist,

der „Mister 100 Prozent“

Dass das fast wahnhafte Streben nach sportlicher Verbesserung mitunter zu Reibereien zwischen ihm und der Mannschaft führt, illustrieren Anekdoten. „Einmal brach er ein Freitagstraining ab und stand plötzlich mit sechs Bier vor meiner Tür. Er musste sich bei mir auskotzen. Dann haben wir analysiert, wie wir trotzdem eine Mannschaft aufs Feld bekommen“, lacht Schmidtke.

Steffen Täubrich, Manager des 1. VC, erinnert sich an eine Heimfahrt nach einem verlorenen Spiel in Norderstedt: „Da haben wir plötzlich in der Pampa im Dunklen gehalten und André hat eine halbe Stunde lang mit der Mannschaft das Spiel ausgewertet. Er wollte das nicht nur im Stillen für sich aufarbeiten.“

Dass Thiel auch locker kann, hat er schon häufig im Training bewiesen. Bei den Fußballeinheiten zur Erwärmung kickt er mit. „Wenn André und Robert mitgespielt haben, ging es immer heiß her“, sagt Kirstin Sparr, die 13 Jahre lang Mittelblockerin bei den Wildcats war.

Steffen Täubrich: Er hat sich enorm verändert

Mittlerweile sei er ruhiger geworden. „Er kann zwar immer noch sein wie ein Vulkan“, sagte Täubrich, doch seit Freundin Swantje Basan und Sohn Barne das Leben außerhalb des Volleyballfeldes bestimmen, wirke Thiel ausgeglichener. „Er hat sich enorm verändert“, sagt der VC-Manager.

Steffen Täubrich muss es wissen. Er begleitet ihn schon mehr als 20 Jahre lang, holte Thiel nach dessen Aus im Turnen zum Volleyball. „Wer generell sportbegeistert ist, der kann auch viel“, antwortete Täubrich auf die Frage, wie ausgeprägt die Volleyball-Fähigkeiten des damals jugendlichen Thiels waren.

Schnell drängte sich Thiel in die Trainerposition. Nach seinen ersten Schritten als Co-Trainer übernahm er 1999 die zweite Frauenmannschaft des 1. VC in der Bezirksklasse, damals 6. Liga. Vier Jahre später hatte er mit der „duften Truppe“ (Täubrich) aus „talentierten Mädels aus der Region“ (Schmidtke) die vereinseigene „Erste“ überholt und war im Jahr darauf als neues Aushängeschild des 1. VC Stralsund durch die Verbands- in die Regionalliga spaziert.

Kirstin Sparr: 1. VC Stralsund

ohne André schwer vorstellbar

Für den wohl sportlich bittersten Moment von Thiels Karriere sorgte der VfL Oythe am 4. April 2009. Im direkten Duell um den Klassenverbleib in der 2. Bundesliga unterlag Stralsund in Vechta trotz Satzführung mit 1:3. Oythe blieb drin, Stralsund musste runter. Es blieb der einzige Abstieg in Thiels Karriere. „Wir fuhren natürlich deprimiert nach Hause“, erinnert sich Anne Tegge. „Aber die vielen Erfolge und die Rückschläge haben uns zusammengeschweißt.“

Dieser Zusammenhalt ist das, was Thiel trotz anderer Angebote in Stralsund hält, glauben seine Weggefährten. „Sportlich passt es einfach. Der Verein vertraut ihm, er kann sich verwirklichen und hat sich ein enormes Standing erarbeitet“, meinen Anne Tegge und Kirstin Sparr unisono. Steffen Täubrich ergänzt: „Er ist mit Leib und Seele Stralsunder. Zudem weiß er um die Kurzlebigkeit im Trainergeschäft.“

Die scheint in Stralsund allerdings außer Kraft gesetzt. Entlassung aufgrund von möglichem sportlichem Misserfolg: ausgeschlossen. „Da haben wir uns in die Augen geschaut und gesagt: Das machen wir nicht“, spricht Täubrich die Jobgarantie aus. Ob die für weitere 20 Jahre hält, steht in den Sternen. Für genug frische Spieltags-shirts für ihren Trainer werden sie beim 1. VC sicher sorgen. Denn Volleyball in Stralsund sei laut Kirstin Sparr ohne André Thiel schwer vorstellbar.

Von Horst Schreiber