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Fussball regional Lutz Bongarts: Ganz nah am Star
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Lutz Bongarts: Ganz nah am Star FC Hansa Rostock

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16:30 27.03.2020
Ein historischer Sprung: Bei der WM 1991 in Tokio verbesserte Mike Powell den Weltrekord auf 8,91 Meter. Das Bild, das Bongarts schoss, wurde World-Press-Foto des Jahres. Quelle: Repros: Lutz Bongarts
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Kühlungsborn/Rostock

Er kam den Stars des Sports so nah wie nur wenige Menschen: Lutz Bongarts. Über seine Arbeit als Sportfotograf weiß der 64-Jährige jede Menge Geschichten zu erzählen. Bongarts redet ohne Punkt und Komma, wenn er über seine Begegnungen und die Erlebnisse mit Fußball-Legende Franz Beckenbauer, Tennis-Idol Boris Becker oder Leichtathletik-Star Mike Powell berichtet. Bongarts’ Anekdoten sind allesamt interessant. Wenn er erzählt, vergehen Stunden wie Minuten.

Wimbledon-Finale 1985. Boris Becker hat das Endspiel erreicht – mit gerade mal 17 Jahren. „Ich hatte damals keine Akkreditierung, wollte aber unbedingt dabei sein“, erinnert sich der Fotograf. Kurzentschlossen flog er nach London. „Ich habe mir auf dem Schwarzmarkt ein Ticket besorgt“, erzählt er. Die 1000 D-Mark, die Bongarts bezahlte, waren gut angelegtes Geld.

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Becker siegte. Der Fotoreporter saß in Reihe fünf. Game, Set and Match nach drei Stunden und 17 Minuten. Becker reißt die Arme hoch. Ein Schrei, Freude pur. Sieben Sekunden lang bleiben Beckers Arme oben, seine Hände zu Fäusten geballt. „Ich hatte meine Kamera in die Arena schmuggeln müssen. Den Leuten, die um mich herumsaßen, hatte ich erklärt, was ich mache. Keiner murrte.“ So schoss er immer mal wieder Bilder. Als Beckers Triumph perfekt war, sprangen alle auf, auch Bongarts. Er hatte Bilder im Kasten, die sonst niemand hatte – aus einer besonderen Perspektive.

Die Sternstunde des deutschen Tennis-Idols ist nur eine von vielen, die der gebürtige Hamburger erlebte. Bei der Fußball-Europameisterschaft 1980 in Italien, dem ersten Großereignis, von dem Lutz Bongarts berichtete, kamen ihm die Kontakte, die er in seiner Jugend in seiner Heimatstadt gesammelt hatte, entgegen.

„Ich hatte zu Horst Hrubesch, der damals für den HSV spielte, einen guten Draht.“ Das „Kopfballungeheuer“ hatte beim 2:1-Finalsieg gegen Belgien beide Treffer für die DFB-Elf von Trainer Jupp Derwall erzielt. Nachdem die Mannschaft den Titel geholt hatte, fuhr Hrubesch nach Dänemark. Er suchte schon damals Entspannung beim Angeln. „Ich war der Einzige, der davon Bilder im Angebot hatte“, erzählt Bongarts und freut sich bis heute immer noch diebisch über den Abdruck in fast allen großen deutschen Zeitungen.

Bongarts, der in Geesthacht bei Hamburg aufwuchs, erbte nach der Wende ein Haus in Kühlungsborn. Er ließ sich an der mecklenburgischen Ostseeküste nieder. Ein umtriebiger Weltenbummler ist er aber geblieben.

Athen, Atlanta, Los Angeles, Seoul, Lillehammer, Albertville und, und, und: Sechs Olympische Sommerspiele und fünf im Winter erlebte der sportbegeisterte Journalist. Der oft extrem stressige Job mit hunderten Flugreisen um die ganze Welt, Gehetze zu Terminen, das Gedränge im Pulk der Sportfotografen um den besten Schuss – für Bongarts war seine Arbeit zuallererst Freude. „Natürlich habe ich mich immer gefreut, dass ich mit meiner Arbeit finanziell erfolgreich war. Den Reiz für mich hat aber etwas anderes ausgemacht: die Geschwindigkeit und die unvergleichliche Dynamik des Sports.“

In seiner Jugend war Bongarts selbst ein passabler Sportler. Als Junior schaffe er es mit der 4x400-Meter-Staffel der LG Wedel-Pinneberg ins Finale der (bundes)deutschen Meisterschaft – und wurde Achter. Der Name des jungen Sportlers stand häufig in den Hamburger Regionalblättern. Als er 19 Jahre alt war, fragte ihn das Hamburger Abendblatt, ob er Texte und Fotos von Wettkämpfen liefern könne. Der Teenager hatte Lust, aber keine Ahnung, wie er heute gesteht. Dennoch zog er mit der vom Vater geborgten Kamera los. „Ein bisschen Taschengeld konnte ich gut gebrauchen. Allerdings passte das meinem Trainer nicht, weil ich mich zu sehr auf die Arbeit und zu wenig auf den Sport konzentrierte.“ Einmal beorderte ihn der Coach sogar übers Stadionmikrofon zum Start. „Ich hatte noch Fotos gemacht und gar nicht bemerkt, dass mein Start bevorstand.“

Nachdem er zu Hause ausgezogen war, musste er seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten. „Fotos wurden damals schon besser bezahlt als Texte. Also habe ich mich darauf spezialisiert.“ Anfangs war er vor allem in und um Hamburg unterwegs. Weil ihn auch der große Sport interessierte, er aber als Pressefotograf noch nicht zugelassen wurde, fotografierte er beispielsweise beim FC St. Pauli oder beim Hamburger SV aus dem Zuschauerbereich – oftmals durch den Zaun. Es kam vor, dass er bessere Fotos als die Konkurrenz hatte. Das sprach sich herum.

Bongarts – gerade Anfang 20 – expandierte, fragte andere Fotografen, ob sie für ihn arbeiten wollen – und gründete eine Fotoagentur. Bis zu 40 Leute waren in Spitzenzeiten bei ihm angestellt. Der Norddeutsche mit dem unverkennbaren Dialekt besorgte bundesweit Aufträge und arbeitete sie gemeinsam mit seinem Team ab. Knapp zwei Millionen eigene Bilder sind über die Jahrzehnte zusammengekommen.

„Technisch war das Fotografieren in den 70er und 80er Jahren um ein Vielfaches aufwendiger als heute“, erinnert er sich. Jeder Film musste einzeln entwickelt, jedes Bild einzeln produziert werden. Datenübertragung in Echtzeit war utopisch.

Die Filme von Bundesligaspielen des FC Bayern wurden beispielsweise am Sonnabend nach Abpfiff – manchmal mit einem Porsche – nach Hamburg gebracht. „Es ging um jede Minute. In unserem Labor wurde entwickelt. Im Anschluss wurden die Fotos per Postzug oder Bahnkurier in die Redaktionen der großen Tageszeitungen transportiert, die in der Nacht druckten und am Sonntag erschienen“, berichtet Bongarts.

Glück im Unglück hatte er beim Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 in Rom. Während der Siegerehrung fielen große Teile des Flutlichts im Olympiastadion aus. „Die meisten Fotografen benutzten damals keine Blitzlichter mehr, weil es meistens hell genug war.. Zum Glück hatte ich meines dabei. So konnte ich Andreas Brehme, Pierre Littbarski und Lothar Matthäus, die eine Stadionrunde mit Pokal drehten, gut erwischen. Der „Stern“ ließ Bongarts und seine exklusiven Bilder aus Rom noch am selben Abend mit einem Learjet abholen. „Ich bekam den Titel und mehrere Doppelseiten im Heft. Es war wie eine Krönung.“

Eine weitere folgte ein Jahr später. 1991 erwischte Bongarts in Tokio einen perfekten Moment. Mike Powell übertraf den mehr als 20 Jahre alten Weitsprung-Fabelweltrekord seines Landsmanns Bob ­Beamon. Der US-Amerikaner Powell landete bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in der japanischen Hauptstadt bei 8,95 Metern. Powell traf den Absprung perfekt, Bongarts die Landung. So entstand das beste Sportfoto des Jahres.

Der schlaksige Norddeutsche, der immer noch gern läuft, kam den Superstars des Sports so nah wie kaum jemand sonst. „Ich fand die Leistungen und die besonderen Momente faszinierend. Ich habe aber stets darauf geachtet, nicht zu viel persönliche Nähe zuzulassen. Ich bin ein Journalist und wollte unabhängig bleiben.“

Die große internationale Bühne hat Lutz Bongarts, der seine Agentur vor einigen Jahren an Getty Images in die USA verkaufte, mittlerweile verlassen. Was nicht heißt, dass er zu Hause auf dem Sofa einrostet. „Ich habe seit Jahrzehnten kein Heim- und Auswärtsspiel des FC Hansa verpasst. Hansa ist eine Leidenschaft. Schon zu DDR-Zeiten bin ich von Hamburg nach Rostock gereist, um im Ostseestadion zu fotografieren“, erinnert er sich. Der Kühlungsborner versorgt bis heute Zeitungen – darunter auch die OZ – mit Bildern des Drittligisten.

Zu Hause in seiner Wohnung hängt kein einziges Sportmotiv. Stattdessen Motive aus dem mecklenburgischen Ostseebad. „Wenn ich daheim bin, suche ich Ruhe und Entschleunigung“, sagt er. Für diejenigen, die den quirligen Altmeister von der Arbeit kennen, ist es schwer vorstellbar, dass er sie findet.

Von Christian Lüsch