Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Fussball regional Urteil im Streit Jens Dowe gegen Pommern Stralsund: Zwei Verlierer
Sportbuzzer Fußball Fussball regional Urteil im Streit Jens Dowe gegen Pommern Stralsund: Zwei Verlierer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:56 17.01.2019
Nach sieben Monaten endete der Trainerjob von Jens Dowe beim FC Pommern. Der Streit danach dauerte fast zwei Jahre. Quelle: Foto: Wenke Büssow-krämer/Arno Zill
Anzeige
Stralsund/Rostock

Regungslos nahmen Jens Dowe und Thomas Meyer das Urteil des Richters im Landesarbeitsgerichts Rostock zur Kenntnis. Nach rund zwei Jahren Rechtsstreit zwischen dem ehemaligen Trainer des FC Pommern Stralsund und dem Verein, bei dem es um die Kündigung des Übungsleiters ging, müssen beide Parteien mit einem Kompromiss leben: Pommern muss tief in die Tasche greifen, Dowe teilweise auf Geld verzichten. Eine Chronologie der Ereignisse.

Dowe erhält Zwei-Jahres-Vertrag

Am 9. Mai 2016 wird Jens Dowe offiziell als künftiger Pommern-Coach vorgestellt. Der Rostocker erhält einen Zwei-Jahres-Vertrag bis zum 30. Juni 2018. Allerdings wird die ursprüngliche Form angepasst: Dowe lässt die Kündigungsklausel streichen. Zudem wird er als sportlicher Leiter für den Herren- und A-Junioren-Bereich angestellt. 108 Arbeitsstunden pro Monat werden im Vertrag verankert. Diese drei Details spielen im späteren Streit entscheidende Rollen. 1300 Euro verdiente Dowe netto – für einen Verbandsliga-Trainer sehr viel Geld, als Haupteinkunftsquelle wenig.

Anzeige

Mit dem neuen Trainer strebten die Verantwortlichen des FC Pommern nach höheren Zielen. Der Aufstieg in die Oberliga bis 2020 wurde als Marke intern ausgerufen. „Das hat mich sportlich gereizt“, gibt Dowe an. Allerdings werden ihm früh die beschränkten finanziellen Mittel für das ambitionierte Vorhaben klar: „Es wurde ein Trainer verpflichtet, aber nicht das nötige Spielerpersonal. Das funktioniert nicht. 250 000 Euro für fünf Jahre standen im Raum. Das ist nicht viel Geld für die Oberliga.“

Der Start in die Saison 2016/17 war durchwachsen. Nach dem 4. Spieltag begann der Absturz bis auf den letzten Tabellenplatz. Dennoch schien es in der ersten Mannschaft voranzugehen. „Sportlich haben wir uns weiterentwickelt“, bemerkt Dowe. Auch Thomas Meyer, der den FC Pommern vor Gericht vertrat und aktuell Abteilungsleiter Fußball beim TSV 1860 Stralsund ist, bestätigt die Arbeit des Trainers: „Qualitativ hat er das vernünftig gemacht.“

Arbeitssoll erfüllt oder nicht?

Das Zerwürfnis beruhte nicht auf der sportlichen Entwicklung der Verbandsliga-Elf. Vielmehr war späterer Streitpunkt beispielsweise seine Tätigkeit als Sportlicher Leiter. Die Vertreter des FC Pommern argumentieren, dass sich Dowe nicht um die sportliche Ausrichtung des Vereins gekümmert habe. Vor allem Dowes Arbeit bei Sichtung der zweiten Männermannschaft und der A-Junioren gefiel dem Verein nicht. „Es gab keinen Kontakt zum Vorstand“, meint Dowe. „Es ist nicht richtig zu sagen, dass es keinen Kontakt gab“, entgegnet Meyer: „Zudem war er sportlicher Leiter und nicht der Vorstand.“

Weitere Hinweise über nicht geleistete Arbeit erhärteten sich. „Wir können Dowe nachweisen, dass er beispielsweise Spielbeobachtungen von anderen Vereinen und der zweiten Mannschaft, die er angegeben hatte, nicht gemacht hat“, sagt Meyer. Am 17. November 2016 folgte die erste Abmahnung des Vereins an Dowe. Dabei sprach der Vorstand dem Trainer rund einen Monat noch sein Vertrauen aus. Doch seit der Abmahnung war das Verhältnis angespannt. Der Trainer wurde verpflichtet, fortan Arbeitsprotokolle zu schreiben. „Schon als Spieler habe ich gemerkt, wenn etwas im Busch ist und als Trainer erst recht. Das hat sich mit der Abmahnung bestätigt. Dann war das Vertrauen auch weg“, verdeutlicht Dowe.

Der Höhepunkt des vereisten Verhältnisses zwischen Trainer und Vorstand wurde eine Woche vor Rückrundenstart erreicht: Ende Januar 2017 erhielt Jens Dowe seine Kündigung auf dem Trainingsplatz. Der Vorwurf: Arbeitszeitbetrug. Die Kündigung war der Anfang des bis vor kurzem andauernden Rechtsstreits, denn Dowe schaltete eine Anwältin ein. Die Kündigung wurde für nichtig erklärt, weil zum einen im Vertrag keine Kündigungsklausel mehr stand, zum anderen das Papier nur von Meyer unterzeichnet war. Die anderen fünf Vorstandsmitglieder hätten ebenso signieren müssen.

Es folgte eine zweite Kündigung im Februar – diesmal in Dowes Briefkasten – die ebenso abgewiesen wurde. Die Kündigungsfrist wurde nicht eingehalten. Erst auf Grundlage des dritten Schreibens vom 11. April wurde vor Gericht verhandelt. Als das Stralsunder Arbeitsgericht die Vorwürfe des Vereins abwies, ging der FC Pommern beim Landgericht Rostock in Berufung.

Beweislast wird zum Problem

Im Fall „Arbeitszeitbetrug“ wurde auch während der Verhandlung im Rostocker Saal schnell klar, dass sowohl Dowe als auch der FC Pommern auf ihren Ansichten beharren. Kläger Dowe meint: „Die Zeiten und Tätigkeiten liegen vor“ und verwies auf die Arbeitsprotokolle. Pommern ist sich hingegen sicher, dass der Ex-Profi keine 108 Stunden erfüllt hat. Oftmals sei Dowe direkt nach dem Training oder Spiel ins Auto gestiegen und nach Hause (Rostock) gefahren. Nachbereitung vor Ort? Fehlanzeige. Zudem sei der Trainer wiederholt zu spät oder gar nicht zu den Einheiten erschienen, hätte etwa Trainingsläufe aus Rostock und per Handy-App koordiniert, dies trotzdem als Arbeitszeit abgerechnet. Dowe wehrt sich, verdeutlicht, dass eine Milchmädchenrechnung von regelmäßigen Arbeitszeiten als Fußballtrainer nicht aufginge und die Vor- und Nachbereitung zu Hause einen großen Teil ausmache. In Sommer- und Winterpause arbeite man selbstverständlich weniger als während Hin- und Rückrunde sowie während der Vorbereitung.

Das Problem für den Richter war die Beweislast. Die Verteidigung sieht Dowe in der Pflicht, die Arbeitsstunden nachzuweisen. Dabei sei die Bezeichnung „Training“ für sieben Stunden Arbeit, wie in den Protokollen angegeben, zu grob. Der Kläger schiebt den Vorwurf zurück: „,Nach meiner Überzeugung können die Zeiten nicht stimmen’, reicht nicht aus, um zu sagen: ,Er hat die vereinbarten Stunden nicht geleistet.’“ Es läge demnach beim FC Pommern, die Nicht-Stunden zu beweisen. Da weder die eine noch die andere Seite wasserdichten Belegen liefern konnte, pochte das Gericht auf einen Vergleich als friedliche Einigung.

So wirklich friedlich war das Ergebnis aber nicht. Nachdem beide Seiten mehrmals den Saal zur Absprache mit den Anwälten verließen und um einen Vergleich feilschten, verkündete der Richter nach über zweistündiger Sitzung: Jens Dowe verzichtet auf 1000 Euro Gehalt und zwei Jahre Urlaubsanspruch. Der FC Pommern muss Steuern und Sozialabgaben, die für Dowes Gehalt fällig aber nach der ersten Kündigung nicht mehr gezahlt wurden, von Februar bis Dezember 2017 nachzahlen sowie dem Ex-Trainer das restliche Gehalt von Januar bis Juni 2018 abzüglich des Verzichts überweisen. Gesamtschaden für den Verein: rund 37 000 Euro.

Viel Geld, zu viel Geld für den Verein, der bei Eröffnung des Gerichtsverfahrens freiwillig 12 000 Euro für Forderungen, die gerichtlich noch nicht eingeklagt waren, hinterlegt hat. Zuvor hat Dowe bereits Geld zwangsvollstrecken lassen, um sich sein Gehalt für das Jahr 2017 zu sichern. „Keine Ahnung, woher wir das restliche Geld nehmen sollen“, gesteht Meyer. Das Geld, das ursprünglich für die zweijährige Amtszeit des Trainers eingeplant war, ist nicht mehr da. Meyer schiebt aber hinterher: „Wir werden das Geld aufbringen. Damit können wir die ordnungsgemäße Abwicklung des FC Pommern absichern.“

Zerwürfnis auf menschlicher Ebene

Neben dem finanziell harten Urteil bleibt für beide Streitparteien eine Image-Niederlage. „Ich habe Jens Dowe als Spieler wirklich sehr geachtet, er war ein Vorbild. Doch jetzt bin ich von ihm menschlich enttäuscht. Wir wissen, dass wir im Recht sind“, erzählt Meyer. Auch Dowe hat das Kapitel abgeschlossen: „Stralsund liegt komplett hinter mir, schon seit Januar 2017.“ Aktuell ist er als Trainer von 1860-Ligakonkurrent Rostocker FC tätig: „Ich kann sie ja verstehen, für so einen kleinen Verein ist das schwer zu finanzieren. Aber dass der Verein wegen der hohen Kosten auf die Tränendrüse drückt, interessiert mich nicht. Es ist peinlich, dass ich meinem Geld hinterherlaufen muss.“ Das Tischtuch bleibt zerschnitten.

Horst Schreiber