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Fussball regional Gewalt im Amateurfußball: Müssen Schiedsrichter Angst haben?
Sportbuzzer Fußball Fussball regional Gewalt im Amateurfußball: Müssen Schiedsrichter Angst haben?
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18:12 28.10.2019
Rote Karte für Gewalt. Im Berliner Amateurfußball sind die Schiedsrichter am Wochenende in den Streik getreten. Quelle: foto: vchalup - stock.adobe.com
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Rostock

Schiedsrichterstreik beim Berliner Fußballverband, böse Attacke auf einen Referee in Hessen, Spielabbruch bei einem Kreisliga-Kick in Groß Miltzow (Mecklenburgische Seenplatte): Der Amateurfußball hat am Wochenende nicht zum ersten Mal für negative Schlagzeilen gesorgt. Müssen die Unparteiischen in Mecklenburg-Vorpommern um ihre Sicherheit fürchten? Nein, sagt Torsten Koop (54), der Chef des Schiedsrichterausschusses im Landesfußballverband (LFV). Die Situation im Nordosten sei „beschaulich“, urteilt der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter: „Wenn ich es mit Berlin vergleiche, leben wir im Paradies.“

Der Berliner Fußballverband hatte wegen der zunehmenden Gewalt im „kleinen“ Fußball nach einer Streikankündigung der Unparteiischen alle Spiele des ­Wochenendes einschließlich der Berlin-Liga abgesagt. Bis jetzt wurden in dieser Saison bereits 109 Vorfälle von Gewalt und Diskriminierung auf den Fußballplätzen der Hauptstadt registriert. 53 Mal richteten sich die Aggressionen direkt gegen den Schiedsrichter. Im Saarland hatten die Referees bereits im September gestreikt.

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Ähnliches sei in MV derzeit nicht zu befürchten, erklärt Koop, der auch dem LFV-Vorstand angehört. In der vergangenen Saison habe es „keine fünf Fälle von Gewalt oder Diskriminierung“ gegeben, die ihm bekannt seien. Allerdings: Vorfälle, die von den Kreisfußballverbänden nicht an den LFV gemeldet werden, werden dort auch nicht registriert. Aktuelle Zahlen für das Land gebe es nicht, teilte der LFV auf Anfrage mit. Ganz ausschließen würde Koop, der von 1995 bis 2004 83 Bundesligaspiele leitete, einen Streik indes nicht: „Mein Herz schlägt natürlich für die Schiedsrichter. Wenn sie angegriffen werden und kein Respekt mehr da ist, kann man wahrscheinlich nur durch solche Maßnahmen ein Zeichen setzen.“ Beim LFV sind derzeit rund 900 Schiedsrichter registriert.

Koops Berliner Kollege Ralf Kisting hat vor einer weiteren Eskalation der Gewalt auf den Fußballplätzen im Amateurbereich gewarnt und ein sofortiges Umdenken gefordert. „Es darf nicht den ersten toten Schiedsrichter in Deutschland geben“, bevor sich etwas ändere, sagte der Berliner Schiedsrichter-Sprecher dem „Deutschlandfunk“.

Bei einem Kreisligaspiel in Hessen musste ein Referee am Sonntag mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden, nachdem ein Spieler ihn niedergeschlagen hatte (siehe Infokasten). In Moers (Nordrhein-Westfalen) stürmte ein Vater (48) bei einem ­B-Jugend-Spiel seines Sohnes (15) auf den Platz und schlug einem gegnerischen Spieler mit der Faust ins Gesicht. Der 15-Jährige wurde mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht.

Aggressives Verhalten und verbale Gewalt von außen hätten zugenommen, sagt Eberhard Hoth, der Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses im Kreisfußballverband (KFV) Mecklenburgische Seenplatte: „Das ist mein Eindruck.“ Aktuell beschäftigt den KFV in Neubrandenburg ein Vorfall beim Kreisligaspiel des MSV Groß Miltzow II und dem SV Motor Süd Neubrandenburg III. Die Partie war beim Stand von 3:1 für die Gastgeber abgebrochen worden, weil der Schiedsrichter laut Polizeiangaben nach einem Feldverweis für einen Neubrandenburger Spieler attackiert worden sei. Der Unparteiische sei von einem anderen Neubrandenburger geschubst und beleidigt worden, hieß es. Die Polizei, die mit sieben Streifenwagen angerückt war, ermittle wegen des Verdachts der Körperverletzung und Beleidigung. Der erfahrene Schiedsrichter sei unverletzt geblieben und die Aufregung habe sich schnell wieder gelegt, teilte die Polizei mit.

Die Neubrandenburger Mannschaft, die ausschließlich aus Syrern besteht, habe sich bereits während der Partie durch den Referee ungerecht behandelt gefühlt, zudem hätten Beleidigungen durch die Zuschauer seinen Spielern zugesetzt, wird der Neubrandenburger Spielertrainer im „Nordkurier“ zitiert. „Ab nach Bagdad, ihr Säcke!“ und „Fahrt nach Hause, fresst einen Döner!“: Diese offenbar aus den Zuschauerreihen stammenden Äußerungen nach dem Spielabbruch sind auf einem Video zu hören.

Man werde den Vorfall kritisch auswerten, erklärt Ulf Krömer, Fußball-Abteilungsleiter des SV Motor Süd Neubrandenburg. Er selbst sei nicht vor Ort gewesen, aber Augenzeugen hätten ihm berichtet, dass der Unparteiische von den Neubrandenburger Spielern nicht angefasst worden sei. Bei dem mehrfach für seine Integrationsarbeit ausgezeichneten Verein spielen Fußballer aus 29 Nationen. KFV-Chef Peter Kiefer kündigte als „Sofortmaßnahme“ an, für die Partien von Neubrandenburg III künftig eine Spielaufsicht bereitzustellen.

Von Sönke Fröbe