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Sportbuzzer Nach St.-Pauli-Klatsche: Härtel zählt die Spieler an
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18:02 25.10.2021
Hatten nach dem 0:4 gegen St. Pauli einiges zu besprechen: Trainer Jens Härtel (l.) und Sportchef Martin Pieckenhagen.
Hatten nach dem 0:4 gegen St. Pauli einiges zu besprechen: Trainer Jens Härtel (l.) und Sportchef Martin Pieckenhagen. Quelle: Christian Charisius/dpa
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Rostock

Es war die höchste Saisonniederlage, und sie wirkte auch einen Tag später noch nach. Bevor der Blick nach vorne zum DFB-Pokalspiel in Regensburg ging (Mittwoch, 20.45 Uhr), wertete Jens Härtel mit der Mannschaft erst mal die Klatsche vom Sonntag beim FC St. Pauli aus. Noch mehr als das 0:4 ärgerte den Hansa-Trainer die Art und Weise, wie seine Mannschaft sich dem Erzrivalen aus Hamburg ohne große Gegenwehr ergeben hat. Das könne er nicht akzeptieren, sagte Härtel. Man habe das Spiel am Montag „knallhart analysiert, es sind klare Worte gefallen“.

Der Trainer zählt seine Spieler an, weil sie sich ausgerechnet in dem aufgeladenen Duell gegen die Kiezkicker über weite Strecken vorführen ließen. „Das Grundproblem war: Es fehlte Aggressivität, es gab keine Intensität, gerade in der Phase, in der wir die Gegentore bekommen haben. Wir müssen viel besser verteidigen, waren viel zu inaktiv.“ Die ersten drei Treffer seien nach demselben Strickmuster gefallen: „Diagonaler Ball hinter die Kette und wir lassen ihn passieren“, ärgerte sich der Coach. Auch ein strukturiertes Spiel nach vorne fand gegen den Tabellenführer kaum statt: Auf ganze fünf Torschüsse brachte es der Aufsteiger in 90 Minuten (St. Pauli: 17). „Wir hatten nicht die Gier, um unbedingt an den Ball kommen zu wollen.“ Am Ende sei es darum gegangen, Schadensbegrenzung zu betreiben: „Das muss man so klar und deutlich sagen.“

Es sei insgesamt viel zu wenig gewesen, was seine Mannschaft beim Tabellenführer abgerufen hat, urteilte der Trainer nach der sechsten Saisonniederlage. So hängten die Kiezkicker den Koggenklub etwa bei der Laufleistung deutlich ab (116,4 zu 111,5 Kilometer). „Das darf an so einem Tag nicht passieren, da darfst du nicht schlechter sein. Wenn der Gegner gewinnt, weil er die bessere Qualität hat, einen anderen Kader oder ein anderes Budget, das müssen wir dann akzeptieren. Aber wir waren nicht bei 100 Prozent, das ist das Ärgerliche. Wahrscheinlich hätten wir auch mit 100 Prozent Leistungsvermögen das Spiel nicht gewonnen, aber dann hätte ich es akzeptieren können. So war das viel zu wenig.“

Aber wie kann es passieren, dass die Profis ausgerechnet in diesem prestigeträchtigen Spiel, dem ersten Aufeinandertreffen der beiden Erzrivalen seit fast einem Jahrzehnt, nicht ans Limit gehen (können)? „Das hängt auch mit dem Spielverlauf zusammen“, so Härtel mit Blick auf den frühen Doppelschlag der Hamburger (12. und 18. Minute). Auch die heiße Atmosphäre im Millerntor-Stadion habe eine Rolle gespielt, analysiert der Trainer: „Dann kommst du in dieses Stadion, in diese Atmosphäre, wo es der eine oder andere nicht geschafft hat, die letzten Prozentpunkte aus seinem Körper herauszukitzeln. Man hat sich ein Stück weit verunsichern lassen. Und dann gingen nach dem 0:2 die Köpfe runter, da fällt jeder Schritt schwerer.“

Zudem sei man von den gegnerischen Fans „eigentlich das ganze Spiel beleidigt und beschimpft“, worden, während Hansa auf das Gästekarten-Kontingent (2000 Tickets) verzichtet hatte. „Ich hätte es mir trotzdem gewünscht, dass wir uns mehr wehren, Motivation daraus ziehen und alles raushauen. Das hätte ich mir gewünscht und das haben wir nicht hingekriegt“, stellte der 52-Jährige fest.

Auch die personellen Schachzüge des Trainers mit drei Veränderungen in der Startelf sind am Sonntag nicht aufgegangen. Beim Stand von 0:2 brachte Härtel nach einer Stunde mit Munsy, Mamba und Duljevic drei frische Offensivkräfte, doch diese Maßnahme verpuffte völlig. „Wenn ich eine halbe Stunde in so einem wichtigen Spiel vor über 20 000 Zuschauern bekomme, lange nicht gespielt habe, dann muss ich die halt nutzen“, meinte er mit Blick auf Haris Duljevic. „Das gilt für alle Jungs, die ein Stück weit hinten dran sind. Deshalb waren wir mit den Wechseln nicht zufrieden“, erklärte Härtel und fügte hinzu: „Man kommt bei 0:2 rein und am Ende geht man mit 0:4 raus. Daran haben die Jungs auch ihren Anteil, das sollten sie dann auch nicht vergessen.“

Viel Zeit, die schmerzhafte Lehrstunde vom Ligaprimus aus den Köpfen zu bekommen, haben die Rostocker nicht. Am Mittwoch reist Hansa per Flugzeug ab nach Regensburg – zum Zweitrundenspiel im DFB-Pokal. Zur zweitstärksten Heimmannschaft der 2. Liga, nach dem FC St. Pauli.

Von Sönke Fröbe