Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Lokalsport Lernen wie bei den Profis – Wie Amateurklubs ihre Sportler durch Videoanalyse besser machen
Sportbuzzer Lokalsport

Lernen wie bei den Profis – Wie Amateurklubs ihre Sportler durch Videoanalyse besser machen

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:15 26.02.2020
Nicht nur beim Fußball schauen Trainer und Spieler beim Videostudium ganz genau hin. Die Handballer des Stralsunder HV bereiten sich vor jedem Spiel in der Oberliga mit Videosequenzen auf den Gegner vor. Quelle: Niklas Kunkel
Anzeige
Rostock

Wenn montags die U-14-Kicker des FC Hansa Rostock ihre kurze Trainingseinheit absolviert haben, geht es keineswegs sofort unter die Dusche. Erstmal versammeln sich die Kicker im Schulungsraum, wo die Trainer Martin Schröder und sein Co Hannes Löhn mit ihren Schützlingen die Partie vom Wochenende analysieren. Immer mit dabei: Laptop, Beamer, Taktiktafel und viele Szenen, die das Trainerduo besprechen will. Bis zu 45 Minuten dauert die Videoschulung, die beim Hansa-Nachwuchs dazugehört, wie der Ball zum Kicken.

„Wir nehmen uns die Zeit. Es ist uns wichtig, dass die Jungs mit- und nachdenken. Wenn wir eine Szene gezeigt haben, besprechen wir die Lösungsansätze und nutzen dafür auch immer die Taktiktafel“, erklärt Löhn, der mehrere Stunden Zeit aufwendet, interessante Szenen zu finden, sie zu sortieren und zu schneiden. „In der Regel schauen wir uns an, wie die Jungs die Spielprinzipien umsetzen, die wir uns im Training erarbeitet haben. In regelmäßigen Abständen machen wir das auch mit einzelnen Spielern, achten dann vor allem auf technische oder individualtaktische Dinge“, berichtet Assistenztrainer Löhn.

Anzeige

Bei seinem Team kommt das gut an. „Manche Jungs kommen zu mir und fragen, wann sie wieder Videos von sich sehen. Sie sehen sich selbst spielen und können ihr Handeln auf dem Platz besser nachvollziehen. Und auch für uns als Trainer ist es ein sehr wichtiges Hilfsmittel“, sagt Löhn.

Videoanalyse immer beliebter – und mit einfachen Mitteln umzusetzen

Die Videoanalyse wird immer beliebter und findet auch in anderen Fußballklubs Einzug. Bei den Herren des FC Förderkader werden regelmäßig Videos für die Spielauswertung genutzt. Dafür ist aber etwas Kreativität gefragt. „Wir haben keinen Schulungsraum. Unser Co-Trainer René bringt einfach seinen Fernseher und Laptop mit und schließt das in der Kabine an. Das reicht völlig aus. Es klappt aus Zeitgründen nicht jede Woche. Aber den Jungs und uns macht es Spaß und die Mannschaft hat sich dahingehend Impulse gewünscht“, erzählt Förderkader-Trainer Stephan Malorny. Als Quelle dient das Online-Portal Sporttotal.tv. „Das Unternehmen stellt ein Kamerasystem mit automatischer Kameraführung zur Verfügung. Viele Teams in der Verbandsliga haben das an ihren Spielstätten eingebaut. Wir haben es bei uns am Kunstrasen installiert. Dadurch ist sehr viel Videomaterial vorhanden und jederzeit abrufbar“, erklärt Malorny.

Fußball-Verband schult B-Lizenz-Anwärter

Martin Mroß, Verbandssportlehrer des Landesfußball-Verbandes M-V, freut sich, dass immer mehr Vereine diese Möglichkeiten nutzen. Auch er baut auf Videoanalysen. Auf den Lehrgängen der Nachwuchsmannschaften werden regelmäßig Spiele und Trainingseinheiten visuell aufgearbeitet. „Dafür steht uns ein Hi-Pod (ein mobiles Aufnahmesystem mit ausfahrbarem Kamerakopf/d. Red.) zur Verfügung. Unser Anspruch ist es, das Videomaterial schnell zu sichten und für die Jungs aufzuarbeiten. Bei Turnieren nutzen wir auch immer einen Tag für individuelle Videoauswertung. Das funktioniert und die Jungs fahren total drauf ab“, freut sich Mroß und ist froh, dass sich immer mehr Trainer für diesen Bereich der Trainingslehre aufgeschlossen zeigen. „Spielszenen zu zeigen und zu besprechen, untermauert das verbale Feedack erheblich. Bei der Ausbildung zur B-Lizenz haben wir mittlerweile 90 Minuten für dieses Thema eingeplant“, erklärt der Landes-Nachwuchstrainer.

An der sportbetonten Schule in Schwerin wird derzeit daran gearbeitet, Einheiten im Frühtraining aufzuzeichnen und mit einer App die Sequenzen zeitversetzt auf einem Tablett anzuzeigen. Auch ein mobiler Pocketbeamer kommt dort in der Turnhalle oder im Kabinentrakt zum Einsatz.

Spieler-Co-Trainer analysiert für die Rostock Piranhas

Doch nicht nur beim Fußball legen sich die Verantwortlichen ins Zeug, um die Akteure besser zu machen. Bei den Rostock Piranhas hat sich beispielsweise Stürmer Christopher Stanley dieser Aufgabe angenommen. Jeden Dienstag werden einige Sequenzen analysiert. Sein Trainer Christian Behncke freut sich, dass der 40-Jährige soviel Verantwortung übernimmt. „Christopher macht das richtig gut. Mindestens einmal pro Woche schauen wir auf unsere Spiele, analysieren Überzahl- oder Unterzahl-Situationen und blicken schon auf die kommenden Gegner“, erklärt Behncke. Der Eishockey-Oberligist nutzt dazu mit „Steva“ ein hockey-spezifisches Analyseprogramm, was die Möglichkeit bietet, jedes Spielphase zu sezieren.

Svandte Schmundt von den Seawolves Juniors, die in der Nachwuchs-Basketball-Bundesliga (NBBL) spielen, schaut sich eigenständig die Partien seines Teams an. „Videoanalyse ist vor allem vor wegweisenden Spielen sehr wichtig. Man kann gegnerische Spielzüge kennenlernen und sich so auf die anstehenden Partien vorbereiten. In der vergangenen Saison haben wir jeden Montag mit der Mannschaft zusammengesessen. In der aktuellen Saison machen wir das vorrangig individuell“, berichtet das Nachwuchstalent. An Material fehlt es nicht. Jedes Team in der Liga muss die Spiele in voller Länge auf dem Online Portal „Sportlounge“ hochladen. „Das ist von der Liga vorgeschrieben“, weiß Schmundt.

Videoanalyse hat Grenzen – vor allem im Amateurbereich

Allerdings hat auch die Analyse ihre Grenzen. „Die Frage ist: Wie viel Informationen gibst du deiner Mannschaft. Du kannst alles totscouten“, meint André Thiel vom Volleyball-Zweitligisten 1. VC Stralsund Wildcats. Mit seiner Damenmannschaft sitzt er erst beim Abschlusstraining zusammen, studiert die Konkurrenz vor der Partie. 20 bis 30 Minute dauert jeweils die Besprechung. Ein Mal pro Woche nimmt er sich in Vorbereitung darauf die Zeit, neben seinem Leben als Familienvater und seinen Beruf als Sport- und Geografielehrer den kommenden Gegner zu studieren und sich auf die Teamsitzung mit seiner Mannschaft vorzubereiten. „Das ist gute Abendlektüre“, scherzt der erfahrene Volleyball-Coach.

Mroß: „Videoanalyse ist kein Hexenwerk“

Allen, die noch Berührungsängste mit dem Thema haben, ermutigt Martin Mroß, es einfach zu versuchen. „Videoanalyse ist kein Hexenwerk. Es gibt viele einfache und auch kostenlose Programme, die sich dafür eignen. Grundsätzlich sollte man schauen, dass die Jungs nicht mit Informationen überfrachtet werden. Fünf oder sechs Szenen reichen eigentlich. Aus unserer Sicht ist der Mehrwert sehr groß. Was man sieht, glaubt man eher“, sagt Mroß.

Von René Warning