Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Sportmix Jens Voigt: Querköpfe wie mich will heute keiner mehr
Sportbuzzer Sportmix

Jens Voigt über den Profi-Radsport: Querköpfe wie mich will heute keiner mehr

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:24 04.09.2020
Ex-Radprofi Jens Voigt (l.) – hier bei seinem Start zur Deutschland-Tour mit Schauspieler Johann von Bülow in Stralsund – kommentiert die Tour de France bei Eurosport. Quelle: Christian Rödel
Anzeige
Rostock/Köln

Jahrzehnte fuhr der gebürtige Grevesmühlener Jens Voigt als Radprofi erfolgreich Rennen. Bei der Tour de France ist der Mecklenburger, der am 17. September 49 Jahre alt wird, wieder dabei – als TV-Kommentator bei Eurosport.

Wie läuft Ihr Tag während der Tour?

Anzeige

Im Moment bin ich in der Nähe von Köln und kommentiere von hier aus mit den Eurosport-Kollegen die einzelnen Etappen. Nach dem Frühstück nutze ich den Vormittag zur Vorbereitung. Ich lese jede Menge Zeitungen, schaue quer durch die sozialen Medien und verfolge, was die Teams alles posten. Ich schaue mir die Ergebnisse an, um gut vorbereitet in die Live-Kommentierung zu gehen.

Normales Geschäft – oder aufregend?

Für mich ist es immer wieder total aufregend. Die Tour ist auch in diesem Jahr ein Überraschungspaket. Ich fand beispielsweise extrem erstaunlich, dass in der ersten Woche keines der Teams ernsthaft attackiert hat. Es sah fast so aus, als wolle niemand gewinnen.

Woran liegt das?

Der Radsport ist viel taktischer geworden. Ganz viele Fahrer haben keine Freiheiten, sich vorn zu präsentieren. Früher konnte man sich auch mal allein vorn zeigen und attackieren. Das macht heute kaum noch einer. Denn wenn Du Deine Körner verschießt und am nächsten Tag Deine Form nicht stimmt, gibt es Ärger. Davor haben viele Angst. Disziplin ist mehr denn je gefragt. Ich will nicht von Mitläufertum sprechen, aber jeder, der in einem ambitionierten Team fährt, muss sich anpassen. Diese Einstellung der Fahrer wird allerdings auch deutlich besser honoriert als während meiner aktiven Zeit.

Wäre das was, worauf Sie heute noch Lust hätten?

Ich müsste mich anpassen, aber Bock darauf hätte ich ganz sicher nicht. Ich bin froh darüber, dass ich früher fahren konnte, wie ich es für richtig gehalten habe. Leute, die nach ihrem Instinkt fahren und spontan agieren – Querköpfe wie mich also –, braucht und will keiner mehr. Im Radsport soll alles kontrolliert und organisiert laufen. Ich denke beispielsweise an den Polen Michał Kwiatkowski vom Team Ineos. Der war 2014 Weltmeister und ist heute ein Arbeiter, der sich in seinem Team unterordnen muss.

Juckt es Sie dennoch manchmal?

Während der ersten Etappen mit diesen vielen Stürzen auf nasser Fahrbahn war ich unendlich froh, da nicht mehr bei zu sein. Ich schaue sehr gern zu und analysiere, was läuft. Auch wenn ich nicht mehr im Sattel sitze geht mein Puls vor dem Start immer noch hoch. Aber ehrlich: Selbst wenn ich wollte – ich könnte nicht mehr mitfahren.

Wer gewinnt die Tour in diesem Jahr?

Mein Tipp ist Primoz Roglic vom Team Jumbo-Visma. Zweiter wird der Kolumbianer Egan Bernal, Dritter Tadej Pogacar aus Slowenien. Roglic hat in Tom Dumoulin einen fast ebenbürtigen Teamkollegen. Er hat die mit Abstand stärkste und dominierende Mannschaft hinter sich. Das Team hat eine Wahnsinnsstärke und eine große Breite. Der schwächste Fahrer wäre in anderen Mannschaften immer noch der ungekrönte König. Wenn sein Team nicht durch Stürze oder vermeidbare Fehler ausgebremst wird, gewinnt Roglic die Tour.

Welche Rolle spielen die Deutschen?

Für Emanuel Buchmann und Maximilian Schachmann, die mit Verletzungen in die Tour gestartet sind, geht es hoffentlich aufwärts. Sie werden gesünder, besser und stärker. Bei Emanuel bin ich auf die Bergetappen gespannt. Ich hoffe, er kann sich weiter verbessern.

Welche Chancen sehen Sie für André Greipel?

Nach seinem Sturz zum Tourbeginn musste sein Knie mit vier Stichen genäht werden. Das hat ihn bisher behindert. Er hat jetzt gesagt, dass er sich endlich wieder wie ein Rennfahrer fühlt. Ich rechne ganz stark damit, dass er sich bei der Tour noch mal zeigen wird.

Sind Sie endlich mehr zu Hause als während Ihrer Renn-Karriere?

Corona hat dafür gesorgt, dass ich als Erwachsener so lange am Stück zu Hause war wie nie zuvor. Seit 20 Jahren hatte es das nicht mehr gegeben, dass ich mal fünf Monate am Stück in Berlin bin. Unser Rasen hat englische Qualität – sieht aus wie mit der Nagelschere geschnitten. Wir haben Zimmer umgeräumt, Wände gestrichen – alles picobello. Meine zwei großen Jungs studieren. Meine vier anderen Kinder gehen noch zur Schule. Ich habe das Homeschooling übernommen. Das war eine extreme Umstellung. Der geborene Lehrer bin ich ganz sicher nicht. Dafür weiß ich aber, wo es im deutschen Schulsystem hakt.

Wie geht es für Sie weiter, wenn die Tour zu Ende ist?

Ich werde weiter für Eurosport arbeiten, den Giro kommentieren und vielleicht auch die Weltmeisterschaft. Darüber hinaus bin ich noch Markenbotschafter bei Trek und Berater bei der Tour „Down Under“ in Australien. Ich habe viele Aufgaben, die mir Spaß machen, mich begeistern und die mir helfen, meine große Familie zu ernähren.

Von Christian Lüsch