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Sportmix Nach Olympia läuten die Hochzeitsglocken
Sportbuzzer Sportmix Nach Olympia läuten die Hochzeitsglocken
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00:00 27.01.2015
Sie sind guter Dinge: Trainer Michael Timm (52) und Artem Harutyunyan (25). Quelle: Sebastian Heger
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London

Michael Timm verfolgt gebannt das Geschehen im Ring. Er greift zum Hocker. „Noch zehn!“, ruft der Trainer seinem Schützling zu. Artem Harutyunyan lässt weiter die Fäuste fliegen. Dann ist Pause. Timm stellt den Hocker in die Ringecke. Harutyunyan setzt sich hin. Christian Morales reicht ihm die Trinkflasche und spült den Mundschutz aus. Timm reibt das Gesicht des Boxers mit Vaseline ein. Jeder Handgriff sitzt. Und das ist wichtig. Für Harutyunyan ist es der letzte Acht-Runden-Härtetest, der ultimative Probelauf für den Kampf seines Lebens.

Artem Harutyunyan trifft am Sonnabend in Nowosibirsk im Finale der APB-Serie (Aiba Professional Boxing) auf Europameister Armen Sakarjan aus Russland. Der Sieger löst das Ticket für die Olympischen Sommerspiele 2016. Diesen Traum leben der 24 Jahre alte Artem und sein Bruder Robert (25) schon lange. Diesem Ziel ordnen sie (fast) alles unter — sogar die Hochzeitsfeier.

Die Frau fürs Leben hat der Halbweltergewichtler (bis 64 Kilo) längst gefunden. Sie heißt Karina, ist 22 Jahre jung und die Tochter von Ex-Weltmeister Artur Grigorian. Seit neun Jahren sind die beiden ein Paar. Im vergangenen Jahr haben sie sich in Venedig verlobt. „Es war sehr schön“, schwärmt Artem, der auf eine Doppel-Hochzeit der Harutyunyan-Brüder hofft.

Die beiden Boxer verbindet vieles. Sie wurden in Jerewan, der Hauptstadt Armeniens, geboren, sind im Hamburger Schanzenviertel groß geworden, haben als Sechsjährige mit Taekwondo begonnen, beim SV Lurup das Box-Abc erlernt und halten ihrem Verein TH Eilbeck noch heute die Treue. Christian Morales und Andy Schiemann entdeckten die talentierten Brüder und holten sie 2010 an den Olympiastützpunkt nach Schwerin. Die gebürtigen Armenier wohnen im Herzen der Landeshauptstadt. Den Haushalt teilen sie sich brüderlich. Artem kocht und kümmert sich um den Abwasch, Robert ist für die Wäsche zuständig. Sie haben eine Firma (hb-boxing.de) gegründet, um sich besser zu vermarkten, und werden von Raiko Morales, dem Cousin des Stützpunkttrainers, gemanagt.

2013 debütierten sie bei der WM. Ihre Kämpfe wurden live im armenischen Fernsehen übertragen. „Ich bin stolz darauf, Armenier zu sein, aber auch froh, dass ich in Deutschland lebe. Das hat mir Türen geöffnet“, sagt Artem, der nur allzu gern seinem Landsmann Arthur Abraham nacheifern möchte: „Er ist ein ganz freundlicher und netter Mensch, eine Art Vorbild, weil er so viel erreicht hat. Er kam aus Armenien nach Deutschland, hat sich hier durchgeboxt und ist Weltmeister. Natürlich möchte man das auch erreichen.“

Aber nicht um jeden Preis. Ein Duell gegen seinen Bruder Robert, der im Leichtgewicht (bis 60 Kilo) zu Hause ist und das Ziel Olympia über den klassischen Amateurweg erreichen will, schließt Artem aus. „Wir kämpfen nie gegeneinander. Das wäre so, als würde ich mich selbst schlagen“, bekräftigt Harutyunyan, der vom Weltverband für die neu geschaffene Profiserie auserwählt wurde.

Von Abrahams Börsen kann er (bislang) nur träumen. Dennoch ist er dankbar. „Ich bin zufrieden, dass ich überhaupt etwas bekomme.“ Er teilt auch aus — an seine Familie.

Artems Sparringspartner Slawa Kerber hockt am Boden ringt nach Luft. Für den extra angereisten Heidelberger ist der Trainingstag beendet. Der nächste Testgegner steht schon bereit — Daniel Jaß. Zwei Runden lang setzt Harutyunyan den Mann aus Frankfurt/Oder — wie Sakarjan ein Rechtsausleger — unter Druck. Dann ist die Generalprobe beendet. Michael Timm klatscht mit seinem Schützling ab. „Super gemacht! Du hast das Konzept voll umgesetzt“, lobt er und nimmt Artem den Kopfschutz ab. „Du musst jetzt nicht mehr powern, nur noch feilen.“ Harutyunyan nickt, dann beginnt er mit Lockerungsübungen.

Neue Serie startet im März
Artem Harutyunyan ist einer von sechs deutschen Auserwählten, die in der neu gegründeten Profiserie des Amateur-Weltverbands Aiba starten dürfen. Mit der APB (Aiba Professional Boxing) soll die Abwanderung der besten olympischen Boxer ins lukrativere Profilager gestoppt werden.
8 Boxer treten pro Gewichtsklasse gegeneinander an. Wie die Profis haben sie feste Börsen und feste Kampftermine. Der Champion qualifiziert sich für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro.


Die zweite APB-Serie beginnt im März. Dann steigt Araik Marutjan (22) vom BC Traktor Schwerin ins Geschehen ein. Der WM-Dritte und Vize-Europameister des Vorjahres hatte die Premieren-Serie aufgrund einer Mandel- Operation verpasst.
Armstrong: Ich würde wieder dopen
Dopingsünder Lance Armstrong würde unter gleichen Umständen wieder zu verbotenen Mitteln greifen. „Wenn man mich ins Jahr 1995 zurückversetzen würde, als Doping allgegenwärtig war, würde ich es wahrscheinlich wieder tun“, sagte der einstige Radsport-Superstar im Interview der britischen BBC. Der Texaner hatte nach langem Leugnen 2013 umfassendes Doping gestanden und daraufhin seine sieben Titel bei der Tour de France verloren. Armstrong versicherte: „Wenn ich 2015 Rennen fahren würde, dann würde ich das nicht wieder tun, weil ich glaube, dass ich es nicht müsste.“
Der 43-Jährige bekannte, dass die Auswirkungen seines Geständnisses „erheblich, schwierig und anstrengend“ gewesen seien und seiner Geduld bedürften. Er wünsche sich, kein Ausgestoßener mehr zu sein und bald wieder ins öffentliche Leben zurückkehren zu können. „Natürlich will ich aus der Auszeit raus, welcher Junge will das nicht?“, fragte Armstrong.
Seinen überharten Kampf gegen Widersacher bedauert der Amerikaner. Die Art, wie er früher mit Leuten umgegangen sei, bezeichnete Armstrong als „inakzeptabel, unentschuldbar“. Er sei zu einigen Menschen „ein Arschloch“ gewesen.
Armstrong wünscht sich, dass für die Jahre seiner Tour-Triumphe ein neuer Sieger bestimmt wird. „Das sage ich nur als Fan“, betonte er. „Es gibt einen großen Block im Ersten Weltkrieg ohne Sieger, einen weiteren Block im Zweiten Weltkrieg, und dann scheint es, als hätte es einen weiteren Weltkrieg gegeben“, sagte Armstrong.
DREI FRAGEN AN...

1 Artem hat in der Vorrunde gegen Europameister Armen Sakarjan verloren. Was spricht diesmal für Ihren Schützling?
Wie heißt es so schön? Aus Niederlagen lernt man. Wir haben die taktische Linie komplett umgestellt, damit sich der Gegner nicht entfalten kann. Ob es am Ende aufgeht, wird man sehen, denn auch Sakarjan wird sich einiges einfallen lassen. Wenn er so boxt wie im ersten Kampf, sehe ich eine reelle Chance für uns.

2 Als Profi-Trainer haben Sie einst 14 Profi-Weltmeister betreut, ein Olympia-Teilnehmer fehlt noch in Ihrer Sammlung. Von daher wäre ein Sieg von Artem auch für Sie etwas ganz Besonderes, oder?

Klar! Das wäre die Krönung meiner Laufbahn. Damit würde eine noch größere Euphorie ausbrechen — nicht nur in Schwerin, sondern im gesamten DBV-Kader. Wir wollen als DBV-Staffel mit einer großen Staffel in Rio vertreten sein. Erik Pfeifer hat‘s vorgemacht. Das wird Artem noch mehr beflügeln. Neben den Harutyunyan-Brüdern haben wir in Schwerin mit Sarah Scheurich, Araik Marutjan und Albon Pervizaj weitere Olympia-Kandiadaten. Florian Schulz ist in Lauerstellung. Wenn es für ihn diesmal noch nicht für Olympia reichen sollte, bin ich nicht traurig. Er ist noch ein sehr junger Superschwergewichtler.


3 Die APB-Serie wurde neu ins Leben gerufen. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?
Die APB ist sehr gut eingeschlagen. Auch die deutschen Boxer haben sich bisher sehr gut präsentiert. Das macht den Jungs unheimlich Spaß, dort zu boxen. Sie haben alle vier Wochen einen Kampf. Das ist ein hartes Programm, denn da kommen die besten acht der Weltrangliste auf einen zu. Das ist jedes Mal fast ein WM-Kampf und geht an die Substanz. Vielleicht sollte man künftig die Pause zwischen den Wettkämpfen vergrößern.



Stefan Ehlers