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Das Tandem-Duo Förstemann/Kruse (Rostock) kämpft um sein Paralympics-Ticket für Tokio 2020

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14:05 28.01.2020
Der sehbehinderte Kai Kruse und Robert Förstemann (v.l.) fahren Tandem im Para-Cycling.
Der sehbehinderte Kai Kruse und Robert Förstemann (v.l.) fahren Tandem im Para-Cycling. Quelle: Imago Images
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Berlin

Robert Förstemann wurde im Berliner Velodrom schon oft gefeiert wie ein Popstar. Wenn er auf seinem Rennrad um die Bahn flog, stand das Publikum meist Kopf. Auch beim 109. Berliner Sechstagerennen bewies der Pistenbomber dieser Tage, dass er auch mit einem „Rucksack“ im Rekordtempo durch die Steilkurven der 250 m langen Holzbahn sicher steuern kann.

In Förstemanns Oberschenkel mit einem Umfang von inzwischen 175 Zentimetern steckt immer noch Dynamit. Was die Zuschauer gleich beim ersten Sprint des neuen Tandem-Paares Robert Förstemann/Kai Kruse bestaunen konnten. Das Doppel vom PSV Rostock raste in 12,578 Sekunden beim Rundenrekordfahren um die Bahn. Das entspricht einem Stundenmittel von 71,519 km/h. „Förste“ atmete noch schwer, als er sagte: „Mit dem Tandem ist es ganz schön anspruchsvoll, sicher um die Bahn zu kommen. Es war trotzdem eine schönes Erlebnis und eine gute Gelegenheit, vor den Weltmeisterschaften zu prüfen, wie viel Dampf wir machen können.“

„Rucksack“ nennen die Tandemspezialisten etwas despektierliche den Hintermann. Kai Kruse (28) strahlte echt glücklich: „Ich bin Robert nicht nur dankbar, dass er uns sicher um die Bahn gesteuert hat. Durch Robert kann ich weiter im Leistungssport bleiben.“ Kruse verfügt lediglich über 10 Prozent Sehfähigkeit. Er ist deshalb auf den 33-jährigen Bundespolizisten und zweifachen Familienvater angewiesen, um weiter seinen Sport Para-Cycling betreiben zu können.

Robert Förstemann raste auf den Radpisten der Welt zu olympischen und WM-Medaillen oder ließ sich als Europa- und deutscher Meister feiern. Inzwischen hat der gebürtige Greizer mit Zustimmung von Ehefrau Jennifer sein Herz für den Behinderten-Sport entdeckt. „Kai ist auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich mit ihm Tandem fahren will. Ich habe überlegt, schließlich ist Tandemfahren nicht so einfach. Dann habe ich zugesagt“, erklärt der Pisten-König. Der sehbehinderte Kruse stammt aus Rangsdorf bei Berlin. Er gilt als großes sportliches Multitalent. Bei den Paralympics 2012 in London ruderte der Physiotherapeut mit dem Vierer zu Silber, vier Jahre später raste er mit Team-Olympiasieger Stefan Nimke (Schwerin) auf dem Rad zu Bronze im Tandemsprint. Nimke beendete mit 41 Jahren seine Laufbahn.

„Also kam Kai auf mich zu. Ich wollte mit meiner Zusagen ein Zeichen für die Inklusion setzen“, erklärt Förstemann. Der Wechsel fiel ihm nicht ganz leicht, denn er musste sich aus dem Bahn-Olympiakader für 2020 zurückziehen und auch auf alle internationalen Einsätze verzichten. „Ich hab ihm zu dem Wechsel geraten“, meint Trainer und Tandem-Exweltmeister Emanuel Raasch (64): „Förstemann kam schnell auf dem Tandem zurecht, obwohl er mit dem 1,92-Meter-Mann Kruse einen ziemlich gewaltigen ‚Rucksack‘ auf dem Rücken hat.“ „Emu“ verriet zudem: „Ein Tandem muss wegen des riesigen Kurvendrucks eine besondere Stabilität aufweisen. Das FES in Berlin (Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten/d. Red.) hielt sich deshalb jetzt an die Baupläne jenes Tandems, mit dem ich 1991 zusammen mit Eyk Pokorny Weltmeister geworden bin.“

Kai Kurse kann übrigens ebenfalls gewaltig zutreten, wovon bereits vier zusammengebrochene Hinterräder (Wert pro Rad: 2000 Euro) zeugen. Das neue Tandem wiegt zwar nur 6,7 Kilogramm – aber es hält. Die Bundespolizei hat Förstemann für das Training freigestellt. „Dafür sind wir dankbar, denn nur mit mir geht Kais sportliche Karriere weiter“, ist das Sprint-Ass überzeugt. Nur wenige Stunden vor dem Abflug zur Para-WM nach Milton in Kanada absolvierte das Duo in Berlin noch einen Test über 1000 Meter. Und das überaus erfolgreich: Mit 1:01,63 Minuten stellten sie einen neuen deutschen Rekord auf.

In Kanada steht am Donnerstag ihr WM-Start auf dem Tandem an. „Dort sind 25 Teams am Start“, weiß Kai Kruse: „Für die geht es nicht nur um WM-Medaillen, sondern auch um die Qualifikation für die Paralympics in Tokio.“ Und in Japan will er mit Helfer Förstemann im Sommer dabeisein.

Von Bernd König