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Fit und Gesund (OZ-Serie) Als Laufneuling sollte man nicht übertreiben
Thema F Fit und Gesund (OZ-Serie) Als Laufneuling sollte man nicht übertreiben
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00:00 30.03.2017
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Rostock

Das Wetter ist schlecht und es ist kalt. Und es ist spät – den ganzen Tag habe ich gearbeitet. Gleich beginnt meine TV-Lieblingsserie. Wenn es um Sport geht, werde ich in puncto Ausreden kreativ. Und ich höre auf mich.

An diesem Donnerstagabend überwinde ich meinen inneren Schweinehund. Schließlich gibt es eine Verabredung mit den Läufern vom Triathlonclub Fiko Rostock. Intervalltraining steht in der Laufhalle im Sportforum auf dem Plan.

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Auf dem Weg zur Halle treffe ich Carsten Tautorat. Der Gewinner des Rostocker Marathons im vergangenen Jahr nimmt mich mit rein. Das rund 100 Meter lange Gebäude ist in künstliches Licht getaucht. Roter Kunststoffboden mit weißen Linien verrät: Hier sind Leichtathleten aktiv.

Zuerst aber geht es wieder raus. Einlaufen. „So drei bis vier Kilometer“, verrät Carsten. Gut, das ist machbar. Schließlich laufe ich regelmäßig. Der Weg führt rund ums Ostseestadion im Hansaviertel.

Das wäre geschafft. Nach und nach kommen die Sportler an der Halle an. Dann heißt es, sich umziehen. Denn während draußen vier Grad Celsius herrschen, ist es in der Halle angenehm warm. Also, raus aus der Jacke und den langen Sachen, das „Läufer-Abc“ wartet.

Die Übungen dienen dazu, locker zu werden. Das ist wichtig fürs Laufen und schont Muskeln und Gelenke. Die Knie beim Laufen hochziehen, hüpfen, Beine kreuzen. Trainer Jan Seemann läuft an der Spitze und gibt die Übungen vor. Gar nicht so leicht, Arme und Beine zu koordinieren. Beim Beinekreuzen wäre ich fast gestürzt. Das erinnert mich an das Fußballtraining damals in der D-Jugend.

Mir geht es immer noch gut. Auch nach der nächsten Aufgabe: Sprints. Rennen, Vollgas, auslaufen. Jan warnt mich: „Am Anfang geht es immer gut, aber es wird nicht leichter.“ Und er wird recht behalten. Das dicke Ende kommt. Wie wird man eigentlich zum Läufer – und vor allem warum?

Was sofort auffällt: Alle erzählen mit breitem Grinsen von ihrer Passion. Und ich merke, wie das ansteckt. Carina Stöwe und Mandy Jochmann aus Rostock haben ein Buch darüber geschrieben, wie man mit dem Laufen anfängt. In „Get ready to run“ machen sie klar, dass es keine Ausreden gibt. „Man kann immer und überall laufen“, sagt Mandy. „Für mich ist das Zeit alleine für mich“, erzählt Carina.

Profi und Sportwissenschaftler Matthias Weippert rät, sich in Gruppen zu verabreden, das motiviere. Einig sind sich alle Aktiven beim Tipp für den Einsteiger: Übertreibe es nicht! „Man sollte sich von Übungseinheit zu Übungseinheit nur um zehn Prozent steigern“, merkt Trainer Jan an. Der Spaß daran kommt von ganz allein.

Deshalb laufe ich kleinere Intervalle. Während die erfahrenen Akteure vier Mal 400 und 800 Meter laufen, bewältige ich Distanzen von 200 und 400 Metern im flotten Dauerlauf-Tempo.

Das klingt wenig, ist es aber nicht. Besonders die vermeintlich hohe Geschwindigkeit schlaucht. Mich beeindruckt, wie sich hier alle motivieren – egal auf welchem Niveau sich der einzelne Sportler befindet. Alle vereint das Laufen. „Trinken ist wichtig, aber trink nicht zu viel!“, ruft Jan im Vorbeilaufen.

Mandy und Carina sagen, man muss sich zuerst fragen, warum man laufen will. Es geht ihnen darum, die Leute langfristig zu begeistern. Die Trainingsgefährten raten mir zu festen Laufterminen und ganzheitlichem Denken. Dazu gehört auch gesunde Ernährung.

„Den größten Anteil sollte Gemüse und Obst einnehmen“, betont Sportwissenschaftler Weippert. Für Carina gilt: „Geh’ liebevoll mit deinem Körper um!“ Wer gesund isst und sich bewegt, fühlt sich gut.

Mandy, neben der ich zeitweise laufe, erzählt, dass sie die Bewegung einfach brauche. Und das bei Wind und Wetter. „Ich mag es, die Natur zu spüren“, versichert sie. Und ergänzt: „Man muss sich immer vor Augen führen, wie gut es einem nach dem Laufen geht.“ Im Gesicht hat sie ein breites Grinsen, als sie davonzieht.

Wenig später bin ich fertig. Aber ich fühle mich gut, denke ich mir, ohne zu wissen, dass es gleich wehtun wird. Sternenförmig ordnen Jan, Carsten und die anderen Sportler Matten an. Darauf legen sie ein dickeres Kissen, ein sogenanntes Balance-Pad. Es folgen Stabilitätsübungen. Auf einem Bein stehen, das andere langsam um den Körper herumführen, wieder angewinkelt in der Luft halten. Das Schwierigste ist, das Gleichgewicht zu halten. Dann „Planking“: Auf die Unterarme stützen, Rücken und Hinterteil gerade in der Luft halten, später abwechselnd über links oder rechts in den Liegestütz gehen. Das schmerzt, meine Arme und mein Bauch zittern. Nach dem abschließenden Dehnen ist das Training vorbei. Drei Tage Muskelkater werden folgen.

Auf dem Parkplatz ruft Carsten: „Wir sehen uns nächste Woche!“

Ich habe Blut geleckt. Carsten, Mandy, Carina, Jan, Matthias und Sani haben mich mit ihrer Euphorie angesteckt. Und ich fühle mich gut und sogar ein bisschen stolz.

Philip Schülermann