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Fit und Gesund (OZ-Serie) Physiotherapeuten werden knapp
Thema F Fit und Gesund (OZ-Serie) Physiotherapeuten werden knapp
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00:00 23.03.2017
Physiotherapeutin Kristina Portwich zeigt Patient Mario Scheinhardt eine Dehnübung.
Physiotherapeutin Kristina Portwich zeigt Patient Mario Scheinhardt eine Dehnübung. Quelle: Foto: Norbert Fellechner
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Rostock

Mario Scheinhardt konnte vor Schmerzen kaum noch laufen: Eine Muskel- und Sehnenverkürzung am rechten großen Zeh wirkte sich auf die gesamte rechte Seite aus:

„Mein Körper versuchte, die Fehlstellung auszugleichen und am Ende taten mir Fuß, Knie und Hüfte weh“, beschreibt der 40-jährige Warnemünder seine Qualen.

Hilfe findet er in der Physiotherapie: Mit Streck- und Dehnübungen will seine Therapeutin Kristina Portwich die Fehlstellung geraderücken. „Schon nach der zweiten Behandlung habe ich mich besser gefühlt“, erinnert sich Scheinhardt. „Es war ein Gefühl, wie wenn ein verdrehter Schlauch entknotet wird.“ Solche Hilfe könnte schon in wenigen Jahren in MV nur noch schwer zu finden sein: Der Physiotherapieverband VDB warnt vor einem dramatischen Rückgang der Physiotherapeuten im Land. Für die Patienten bedeutet das längere Wartezeiten und im schlimmsten Fall Spätfolgen, die verhinderbar gewesen wären.

„In zehn Jahren könnten wir 80 Prozent Physiotherapeuten weniger haben“, sagt René Portwich, VDB-Geschäftsführer und Chef des Kur- und Gesundheitszentrums „vital & physio“, das er in Warnemünde zusammen mit Ehefrau Kristina betreibt. „Die Ausbildung ist in den letzten Jahren um 50 Prozent zurückgegangen“, erklärt Portwich. „Und von einer Berufsschulklasse mit 30 Schülern gehen am Ende nur drei bis fünf auch wirklich in den Beruf.“ Die Folge: Auf 100 ausgeschriebene Stellen in MV kamen 2016 nur 38 Bewerber.

Verschärfend komme hinzu, dass zahlreiche Physiotherapiepraxen nach der Wende gegründet wurden. Deren Betreiber denken nun ans Aufhören. „Viele finden keinen Nachfolger“, so Portwich. Der Hauptgrund für den Rückgang sei das Geld: „Die Kassenvergütungen sind unzureichend: Wir bekommen einen Stundensatz von durchschnittlich 30 Euro.“ Daraus ergebe sich für Berufsanfänger ein Einstiegsgehalt von 1600 Euro brutto – und das, nachdem sie ihre Ausbildung oft selber bezahlen mussten. „Da zieht es natürlich viele in lukrativere Berufe“, sagt der Verbandschef. Eine Alternative seien etwa Wellness-Hotels, wo sich deutlich mehr verdienen lasse.

Der Mangel wirke sich schon jetzt aus, sagt Portwich: Physiotherapeuten seien verpflichtet, eine Behandlung innerhalb von zwei Wochen zu beginnen, sonst verfällt das Rezept des Patienten. „Manche Praxen arbeiten unsauber: Sie nehmen den Patienten an, lassen ihn einmal kommen und der nächste Termin ist dann erst wieder in einigen Monaten.“

Früher seien auch vor allem Abiturienten zum Physiotherapeuten ausgebildet worden, heute greife die Branche immer stärker auf Jugendliche mit Haupt- oder Realschulabschluss zurück. „Das ist schwierig, weil in unserem Fach viel Wissen vermittelt wird.“ Andererseits sei das Studium der Physiotherapie, das ebenfalls angeboten wird, sehr theoretisch. „Hier gibt es in der Praxis keinen wirklichen Bedarf“, so Portwich.

In manchen Reha-Kliniken sinke bereits die Qualität, meint er: „Es herrscht eine hohe Fluktuation, erfahrene Experten sind selten.“ Spezielle Verfahren, die vom Arzt verordnet werden, könnten daher vielerorts gar nicht fachgerecht angeboten werden. Daraus könnten sich beim Patienten wiederum Spätfolgen ergeben, weil er nicht richtig nachbehandelt wurde.

Eine Lösung für das Nachwuchsproblem hat Portwich nicht: „Derzeit werden in der Branche pro Jahr sechs Milliarden Euro ausgegeben. Eine vernünftige Vergütung würde aber 15 bis 18 Milliarden kosten.

Woher soll das Geld kommen?“

Wann hilft Physiotherapie? Experte René Portwich gibt Tipps

Rückenschmerzen und Verspannungen lassen sich durch gezielte Massagetechniken lösen. Auch die manuelle Therapie, die neben der Muskulatur auch das Knochenskelett einbezieht, kann helfen. In der Rückenschule lernen die Patienten Übungen, mit denen sie verhindern können, dass die Schmerzen zurückkommen.

Rehabilitation nach Operationen: Patienten mit Fehlstellungen im Bewegungsapparat, etwa an der Hüfte, machen oft Ausweichbewegungen, um Schmerzen zu vermeiden. Nach Operationen müssen daher viele mit Hilfe eines Physiotherapeuten erst wieder lernen, richtig zu gehen.

Nach einem Schlaganfall werden die Nervenbahnen durch neurologische Krankengymnastik so trainiert, dass der Patient wieder möglichst alleine zurechtkommt, indem er etwa wieder greifen kann.

Lymphdrainage: Krebspatienten, denen Lymphknoten entfernt wurden, oder auch Patienten, die eine Thrombose hatten, leiden danach oft an Stauungen in Armen oder Beinen, weil die Lymphe nicht mehr richtig abfließen kann. Gezielte Physiotherapie kann den Wasserstau lösen, sodass die Lymphe zurück ins Blut fließt.

Vor einer Operation lohnt sich ein Gespräch mit einem Physiotherapeuten, um zu klären, was nachher an Maßnahmen nötig werden könnte. Auch lohnt es sich, schon vor der OP Muskulatur aufzubauen, damit es nachher leichterfällt, das operierte Körperteil wieder zu belasten. Gezieltes Training kann sogar die Notwendigkeit einer OP herauszögern.

Neue Trainingsgeräte können über Chipkarten gesteuert werden, in denen die individuellen Einstellungen des Physio-Patienten gespeichert sind. So wird verhindert, dass er falsche Bewegungen macht und so etwa Bandscheibenprobleme noch größer werden.

Axel Büssem

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