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Fit und Gesund (OZ-Serie) „Wir wollen Gesundheit kaufen, aber das funktioniert auf Dauer nicht!“
Thema F Fit und Gesund (OZ-Serie) „Wir wollen Gesundheit kaufen, aber das funktioniert auf Dauer nicht!“
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00:00 28.03.2017
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Rostock

„Privatpraxis für Ganzheitsmedizin“ steht am Eingang der Villa im Rostocker Bahnhofsviertel. Im Wartezimmer hängen Bilder aus Asien, in einem Glasschrank werden Chi-Café, Heilerde und Kräuter angepriesen. Allgemeinmedizinerin Dr. Susanne Kreft hat vor neun Jahren ihre Zulassung bei der Kassenärztlichen Vereinigung zurückgegeben und einen neuen Weg eingeschlagen.

Direkt nach dem Studium hatte die Rostockerin zusätzlich Akupunktur, Neuraltherapie und Naturheilverfahren erlernt und war regelmäßig zu Weiterbildungen in China. Sie stellt klar: „Ganzheitliche Medizin ist nicht die Summe aller Methoden, es geht darum, den gesamten Menschen, seinen gesamten Körper, seinen Geist und seine Seele einzubeziehen.“

Das deutsche Gesundheitssystem ist ihrer Meinung nach eines der besten europaweit. Dennoch habe es sich in einer Hinsicht verirrt: „Wir glauben, für Heilung müsse der Arzt sorgen. Wir wollen Gesundheit kaufen, aber das funktioniert auf Dauer nicht!“

Studien über den Sinn von Lebensstilveränderungen, über den Wert von Bewegung an frischer Luft oder auch darüber, wie schädlich das Rauchen ist, gibt es reichlich. Doch die Blutdruckpille vom Arzt werde ernster genommen.

Auch sie verschreibt nach wie vor Antibiotika und empfiehlt Operationen, wenn diese notwendig sind. Für sie ist das dann allerdings erst der dritte oder vierte Schritt. Zunächst müsse es um den Patienten als Individuum und um dessen Wohlbefinden gehen.

Die 53-Jährige erklärt, dass die Beziehung zwischen Arzt und Patienten wichtiger ist als die Therapie. „Wenn die Menschen sich entspannen und anfangen, mir zu vertrauen, dann ist das schon die halbe Medizin.“ Die Selbstheilungskräfte des Körpers und der Seele können in ihren Augen nicht hoch genug bewertet werden.

Und der Heiler Hugo Hasse, mit dem sie zusammenarbeitet, bekräftigt: „Ohne diese Selbstheilungsheilkräfte könnten wir nicht einmal einen blauen Fleck wegmachen.“ Von dem, was im Körper des Menschen passiert, könne die Medizin derzeit höchstens zehn Prozent wirklich erklären.

Besonders wichtig ist es Susanne Kreft, ihre Patienten von einem liebevollen Umgang mit ihrem eigenen Körper zu überzeugen. Das erfordere oft eine Menge Beziehungsarbeit. Doch die Mühe lohne sich.

Hasse blickt gerne auf das alte China: „Früher wurden die Ärzte dort für die Gesunderhaltung bezahlt. Wurde jemand krank, bekamen sie Abzüge.“ Ein guter Ansatz, findet er, denn wer Symptome wie Unlust, Erschöpfung oder Schlaflosigkeit nicht ernst nimmt, der müsse langfristig mit schweren Erkrankungen rechnen.

Wie reagieren nun die beiden, wenn in der Praxis mehr als reichlich zu tun ist? Hasse beteuert: „Wir sind nicht gestresst.“ Und Susanne Kreft erklärt: „Stress würde heißen, ich will etwas anders, als es ist. Aber ich will ja hier sein, auch wenn das manchmal viel Arbeit bedeutet.“

Katja Bülow