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Fit und Gesund (OZ-Serie) Zwischen Schmerz und Lachgas
Thema F Fit und Gesund (OZ-Serie) Zwischen Schmerz und Lachgas
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00:00 29.03.2017
Zahnarzt Mirko Schafrik legt einer Patientin die Videobrille an. So kann sie auch während der Behandlung entspannen. Quelle: Fotos: Nicole Hollatz, Stadtarchiv Wismar, Pixabay
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Wismar/Gägelow

Zwei von drei Patienten haben Angst vor dem Besuch beim Zahnarzt. Diese macht sich unter anderem durch Bauchschmerzen, Unwohlsein oder Nervosität bemerkbar. Nichts im Vergleich zu den Menschen, die unter einer Zahnarztphobie leiden. Immerhin bis zu 14 Prozent der Patienten bekommen beispielsweise schon beim Gedanken an eine Zahnarztpraxis panische Zustände mit Zittern und Schweißausbrüchen. Sich entspannt auf den Behandlungsstuhl setzen, tief Luft holen und hoffen, dass die Behandlung gleich vorbei ist – undenkbar!

Der Termin beim Zahnarzt macht vielen Angst – das muss aber nicht sein

Wer Glück hat, findet den Weg in eine auf solche Patienten spezialisierte Praxis oder zu einem Praxisteam, das mit viel Einfühlungsvermögen dafür sorgen kann, dass aus der leichten Angst keine Phobie wird. Wer Pech hat, geht über Jahre nicht zum Kontrolltermin und riskiert Zahngesundheit, Schmerzen und schlimmstenfalls den Verlust der Zähne.

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Der gebürtige Wismarer Martin Möller, der nun in Lübeck arbeitet, erzählt seine Horrorgeschichte vom Zahnarzt, die ihn dazu brachte, jahrelang auf die Kontrolluntersuchungen zu verzichten. „Ich ging regelmäßig zum selben Arzt, bis dieser mir den Backenzahn komplett mit dem Bohrer ausgehöhlt hat. Das war wohl der schlimmste Tag meines Lebens.“ Seine Mutter drängte ihn nach langer Zahnarztabstinenz zum Termin und empfahl einen neuen Mediziner. „Als ich dann das erste Mal dort war, bekam ich gleich zwei Schocks: Erstens sagte mir der neue Zahnarzt, dass nicht der Backenzahn der eigentliche Grund meines vorherigen Leidens war, sondern der von hinten darauf drückende Weisheitszahn. Das Ausbohren hätte also vermieden werden können. Zweitens fragte er mich, ob ich eine Betäubung haben wolle. Da guckte ich ihn erstaunt an und fragte ihn, ob das ein Scherz war. Mein alter Zahnarzt hatte nämlich nicht einmal beim Ausbohren des Backenzahns eine Betäubung gegeben. Die Augen des Zahnarztes hättet ihr mal sehen sollen, als ich ihm das erzählte! Seine Antwort: ,Da hatten Sie ja jemanden vom ganz alten Handwerk’.“

Katrin August aus Jesendorf hat Glück mit ihrem Dentisten. „Ich habe panische Angst vorm Zahnarzt, ich kann gar nichts dagegen machen." Aber: beim Termin ist sie die Chefin, das gibt ihr Sicherheit.

„Mein Zahnarzt sagt, was ansteht, und ich darf entscheiden, wie viel gemacht werden kann, je nach Tagesform.“ Und mit einem charmanten Team in der Praxis ergeben sich Dialoge wie der, den Katrin August erzählt. „Nervös komme ich zur Anmeldung. ,Hallo Frau August, was wollen Sie heute hier?’ Ich fand die Frage reichlich gemein und antwortete: ,Waschen, schneiden, legen?’ Da lacht die Dame und meint: ,Kann ja sein, das sie heute einen Frisörtermin haben. Aber bei uns sind Sie erst nächste Woche dran!’“

Mitunter geht es aber auch ganz anders, wie das Beispiel von Annekathrin Schmidt zeigt. Sie hatte frühmorgens einen Termin und bekam Medikamente, die wohl auch sehr beruhigend wirkten. „Dazu das Vertrauen zu meinem langjährigen Zahnarzt – so funktioniert Praxisschlaf. Dank der Klammer zwischen den Zähnen ging der Mund nicht zu und es ist wohl auch nicht weiter aufgefallen, dass ich eingeschlafen bin. Habe mich jedoch nie getraut zu fragen, ob ich tatsächlich geschnarcht habe, man liegt ja auf dem Rücken . . .“

Viele Kleinigkeiten für das positive Erleben

„Hat es hier nach Zahnarzt gerochen, als Sie reingekommen sind?“, fragt Mirko Schafrik und schmunzelt. Natürlich nicht. Das gehört zum Konzept der Praxis mit Cathryn und Mirko Schafrik im MEZ in Gägelow. „Viele Patienten sind beim Zahnarzt sehr angespannt, hatten vielleicht in der Kindheit traumatische Erfahrungen und Schmerzen und empfinden den Termin schlimmstenfalls als persönliche Bedrohung“, sagt Mirko Schafrik und fügt hinzu: „Sie kommen zum Zahnarzt und erwarten diese Schmerzen von damals, obwohl Schmerzen heutzutage ja wirklich nicht mehr dazugehören.“ Dass Patienten das erste Mal nach 10, 15 Jahren wieder eine Zahnarztpraxis betreten, kennt er auch. „Oft ist vielleicht der neue Partner im Spiel, der sagt: Das geht so nicht mehr“, so der Mediziner. Wenn dann dieser erste Schritt getan ist, sind Zahnarzt und Patient erst einmal froh und gucken, wie es weitergeht.

Egal ob Angstpatient oder jeder andere: Das Team der Gägelower Praxis macht einiges, um beim Patienten ein „wohliges, entspanntes Gefühl“ zu erzeugen. Eine angenehme Wohnzimmer-Atmosphäre statt Wartezimmerflair, entspannende Musik statt nerviges Radiogedudel. Und kein Geruch nach Nelkenöl oder CHKM (Chlorphenol-Kampfer-Menthol) als Schmerzstiller – eben um diese negativen Erinnerungen von vor 20, 30, 40 Jahren gar nicht erst aufkommen zu lassen. „Das erste Gespräch mit einem neuen Patienten führen wir ganz locker im Büro, nicht auf dem Zahnarztstuhl“, berichtet Mirko Schafrik. Er möchte nicht mit dem Bohrer in der Hand über die zahnmedizinischen Probleme, Wünsche und Vorstellungen seines Patienten reden, sondern ein Vertrauensverhältnis aufbauen.

Für das angenehme Gefühl gibt es in der Praxis übrigens einen besonderen Trick: eine moderne Videobrille, die dem Patienten gerade bei längeren Terminen hilft, mittels Musik und entspannenden Filmen abschalten zu können. „Die Entspannung reduziert den Schluckreflex, gerade wenn der Patient sehr aufgeregt ist. Der Kiefer entspannt. Wir alle wissen doch, wie anstrengend es ist, den Mund 30, 45 Minuten offen zu halten. Wir versuchen in der Praxis, die Gedanken umzulenken und eine positive Stimmungslage zu erzeugen.“ Die unangenehmen Geräusche der Behandlung bleiben außen vor, gegen die Schmerzen helfen moderne Schmerzmittel oder auch Lachgas. Große Eingriffe können unter Vollnarkose durchgeführt werden, gerade bei Angstpatienten, die lange nicht beim Zahnarzt waren. Aber: „Dann ist nur das getan, was dringend notwendig war. Langfristiges Ziel ist es, die Ängste abzubauen.“

Hier kann Angstpatienten geholfen werden

Zahlreiche Zahnärzte in der Region helfen mit verschiedenen Angeboten, das ungute Gefühl oder gar die Phobie vor dem Zahnarztbesuch zu mildern. „Patientenängste sind natürlich, Helden werden heute nicht mehr gebraucht!“, schreibt etwa die Kalkhorster Zahnärztin Antje Rath über den angstbefreienden Einstieg.

Sie behandelt in ihrer Praxis beispielsweise ganz entspannt mit Lachgas und nimmt mit einer „leichten Hand“ entsprechend Rücksicht auf die Patienten und ihre Ängste.

In Grevesmühlen wirbt Zahnarzt Thomas Klemp mit entspannender Wohnzimmer-Atmosphäre statt weißer Praxiswände – eine ideale Voraussetzungen zur Behandlung von Angstpatienten.

In Wismar sind die Zahnärztinnen Dr. Franziska Geißler und Carina Cramer im Ärztehaus des Burgwall-Einkaufszentrums ebenfalls auf Angstpatienten spezialisiert. Dank dieser Ausrichtung für das Gebiet der Kinderzahnheilkunde soll gerade bei den Knirpsen die Angst vor dem Zahnarzt gar nicht erst entstehen. Echte Angstpatienten können in einer „Narkose-Sanierung“ sich in Tiefschlaf versetzen lassen und so die Zahnsanierung überstehen. Besser sei es, so die beiden Ärztinnen, gerade Angstpatienten so aufzubauen, dass sie die Angst überwinden. Carina Cramer bietet darüber hinaus eine besondere Möglichkeit an, potenziell auftretende Schmerzen zu lindern. Sie arbeitet mit Hypnose und kann so auf schmerzstillende Medikamente verzichten. Dabei versetzt sie den Patienten in eine Tiefenentspannung.

Nicole Hollatz

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