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Hanse Sail „Stettin“-Unfall: Hanse Sail bald ohne große Schiffe?
Thema H Hanse Sail „Stettin“-Unfall: Hanse Sail bald ohne große Schiffe?
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11:28 15.08.2018
Der Eisbrecher „Stettin“ war 2017 wieder zu Gast bei der Hanse Sail. Ob er 2019 auch kommen wird, ist offen - sagt Technikvorstand Helmut Rohde. Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

Die Behörden hätten „falsche Schlüsse“ aus dem Unglück zwischen der „Stettin“ und der Fähre „Finnsky“ gezogen, sagt jetzt Helmut Rohde, Mitglied im Vorstand des historischen Dampfeisbrechers. Im Interview mit der OSTSEE-ZEITUNG spricht er Klartext – über die Zukunft der „Stettin“, der Sail und der Traditionsschiffe: „Der ,Stettin‘ droht das Ende – und vielen anderen alten Schiffen auch.“

Herr Rohde, die Sail 2018 ist Geschichte. Wie ist das Fest für die „Stettin“ gelaufen? Helmut Rohde: Wir waren mit der gleichen Lust und Freude wie die vergangenen 27 Jahre dabei. All die Jahre haben wir in Rostock viel Zuspruch – vor allem nach unserem Unfall. Dafür und für die Spenden vieler Rostocker können wir uns nur bedanken. Aber: Diese Sail war für uns auch extrem spannungsgeladen. Es herrscht viel Unsicherheit – über die Zukunft unseres Eisbrechers und der Sail.

Was genau macht Ihnen denn solche Sorge? Die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) hat vor wenigen Tagen den Untersuchungsbericht zu unserem Unfall auf der Hanse Sail 2017 vorgelegt. Und der hat eine Menge Unruhe ausgelöst – auf der „Stettin“, bei den Verantwortlichen der Sail und in der gesamten Szene. Denn der Bericht entspricht aus unserer Sicht in vielerlei Hinsicht schlichtweg nicht der Realität.

Aber die BSU fällt doch gar kein Urteil, gibt alle Beteiligten eine Mitschuld – selbst der Wasserschutzpolizei. Warum die Aufregung?Weil die BSU den Unfall mit der generellen Sicherheit der „Stettin“ in Verbindung bringt. Die Gutachter empfehlen, uns die Klassifizierung als Traditionsschiff zu entziehen – und stattdessen als Fahrgastschiff einstufen. Die BSU unterstellt uns – und damit im Grunde allen Traditionsschiffen – unsicher zu sein. Das aber ist – Entschuldigung! – Blödsinn. Gerade die „Stettin“ ist eines der sichersten Traditionsschiffe überhaupt.

Die Anforderung an Fahrgastschiffe sind strenger. Welche Bedingung wäre für die „Stettin“ denn besonders problematisch? Das große Thema ist die so genannte Leck-Stabilität. Die EU schreibt vor, dass ein Fahrgastschiff so gebaut sein muss, dass es nicht untergeht – selbst wenn einzelne Abteilungen unter Deck nach einem Unglück volllaufen.

Aber das macht doch auch Sinn … Bei Passagierschiffen, die weltweit unterwegs sind, trifft das durchaus zu. Diese Anforderungen sind für ein Traditionsschiff wie die „Stettin“ – ein schwimmendes Kulturdenkmal – aber nicht anwendbar und für die allermeisten Traditionsschiffe völlig irrelevant.

Der Bericht der BSU hat aber formal doch keine Konsequenzen … Streng genommen nicht. Die Berufsgenossenschaft (BG) Verkehr ist die Sicherheitsbehörde. Und die sieht das Ganze komplett anders als die BSU. Die Stellungnahme der BG Verkehr kann klar dem BSU-Bericht entnommen werden. Und zudem: In der Öffentlichkeit hat der Bericht schon Konsequenzen, unser Fahrgäste und Charterer sind durchaus verunsichert.

Wenn die Behörden ein Exempel an der „Stettin“ statuieren – was dann? Dann bedeutet das für uns das Aus. Und weil gleiches Recht für alle gelten muss, wären auch alle anderen alten Stahl-Schiffe betroffen: Den Eisbrecher „Wal“ zum Beispiel, den Tonnenleger „Bussard“ und all die anderen alten Arbeitsschiffe. Wir dürften zwar noch fahren – aber mit maximal zwölf Fahrgästen an Bord. Wie sollen wir so den Unterhalt finanzieren?

Ausfahrten bei der Hanse Sail würde es dann nicht mehr geben? Nein, dann wären bei der Sail nur noch Segelschiffe vertreten, von denen eine sehr große Anzahl unter Holländischer Flagge fahren. Denn für diese gelten schon jetzt Ausnahmeregelungen. Das ist doch der Irrsinn: Holz- und Segelschiffe müssen geforderte Leck- Stabilität nicht einhalten. Nun stellen Sie sich aber mal vor, die Fähre „Finnsky“ hätte 2017 nicht uns, sondern eines der vielen kleinen Segelboote gerammt, die mit uns im Konvoi gefahren sind. Über die katastrophalen Folgen möchte ich nicht spekulieren. Für mich ist es unverständlich, dass die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung in ihrem Untersuchungsbericht auf diese „Beinahe-Unfälle“ in keiner Weise eingegangen ist.

Sie fahren nach dem Unfall immer noch mit einem „Flicken“. Der zwei Meter lange Riss wurde zwar verschlossen, aber ein Werftaufenthalt steht noch aus. Richtig. Die „Stettin“ fährt seit einem Jahr mit einer vorläufigen Reparatur an der Stelle. Das ist auch so genehmigt. Die Genehmigung gilt bis Januar. Dann soll es in die Werft gehen. Wir wissen aber noch nicht, wie wir das bezahlen sollen.

Was kostet denn die Reparatur?Die Schadenshöhe steht noch nicht fest, kann aber insgesamt siebenstellig werden. Das kann der Verein nicht aufbringen. Wir brauchen Unterstützung – sonst droht der „Stettin“ der wirtschaftliche Ruin.

Sie sagen, die „Stettin“ war unschuldig am Unfall. Werden Sie die Reederei der „Finnsky“ verklagen? Ob und wie der Unfall juristisch aufgearbeitet wird, ist noch offen. Der Untersuchungsbericht der BSU hat vollkommen unberücksichtigt gelassen, dass die „Finnsky“ mit rasanter Rückwärtsfahrt und ohne Ausguck rücksichtslos auf der verkehrten Fahrwasserseite in die ihr hilflos ausgelieferte Schiffsparade der Hanse Sail hineingesteuert ist. Im Manöver befindlich hat sie dabei ihre Ausweichpflicht verletzt. Aufgrund der Verkehrslage konnten wir nicht ausweichen. So steht es nicht im BSU-Bericht, aber so war es. Wir bestehen auf Schadenersatzansprüche, die auf professionellem Wege zwischen den Parteien geklärt werden müssen.

Andreas Meyer