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OZ-Kunstbörse Grafikerin und Fotografin Sarah Fischer: „Ich bin kein Skizzentyp“
Thema K OZ-Kunstbörse Grafikerin und Fotografin Sarah Fischer: „Ich bin kein Skizzentyp“
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13:22 27.09.2019
Künstlerin Sarah Fischer in ihrem kleinen Atelier in Greifswald. Quelle: Thomas Häntzschel
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Greifswald

Standortverlagerung. Sarah Fischer ist so gut wie verschwunden. Für ein paar Monate zieht die Greifswalder Künstlerin nach Barcelona. Die 31-Jährige hat ein Arbeitsstipendium vom Kunst-Kultur-Zentrum der katalonischen Metropole bekommen, wo 27 Mal so viele Menschen leben wie in der Hansestadt.

Auseinandersetzung mit Gegenständen des Alltags

Standortverlagerung – so bezeichnet Sarah Fischer eine Reihe ihrer Kohlezeichnungen. Drei von ihnen sind auf der Kunstbörse zu sehen: Zart erzählende Bilder, gezeichnet mit Kohlestift auf transparentem Papier. Teilweise mit irritierenden Effekten, etwa wenn eine Schnecke über eine Tastatur kriecht.

Arbeiten von Sarah Fischer

„Es geht um die Auseinandersetzung mit Gegenständen des Alltags, um Verbindungen von Natur und Technik“, sagt die Künstlerin, die im niedersächsischen Hameln aufwuchs. Assoziationen spielen bei ihr eine Rolle, es geht um ein Spiel mit der Wahrnehmung, um Zusammenhänge und Verbindungen, wo wir noch keine gesehen haben oder zunächst nicht vermuten.

Der Betrachter muss die Bilder entschlüsseln

Der Mensch spielt in den fein gezeichneten Bildern selten eine Rolle. Und ist doch stets gegenwärtig. Die Technik, etwa die Tastatur eines Computers, als Handschrift des Homo sapiens. „Technik ist Mensch“, bringt es Sarah Fischer auf den Punkt. Manchmal übernimmt die Gestalt eines Vogels die Hosenrolle für menschliche Aktivitäten. Ist doch klar.

„Man muss die Bilder entschlüsseln, bei manchen wird es schwieriger, vielleicht entdeckt man auch ganz andere Dinge“, orakelt Sarah Fischer und lässt das Klare, das greifbar schien, in einer Zehntelsekunde verschwimmen. Noch deutlicher wird das bestimmt Unbestimmte bei ihren fotografischen Collagen.

Altes Diamaterial kombiniert mit neuen Fotografien

Hauptmerkmal ihrer „Projektion“-Serie sind verschiedene Ebenen, die zusammengetackert ein Ganzes zeigen. „Ich kombiniere altes Diamaterial mit neuen Fotografien, projiziere beides auf eine Leinwand, manipuliere die Lichtstrahlen von Beamer und Diaprojektor“ – das Ergebnis sind Bildbestandteile eines neuen Bildes.

Im Vorbeigehen erschließt sich hier nicht viel, das Auge muss gefordert werden. Dann sieht es zum Beispiel einen Menschen, der von einer Welle gleich begraben wird. „Ist es wirklich eine Welle?“, fragt verunsichernd die Künstlerin. Nahezu unbemerkt lotet sie en passant den Sinn der Betrachter für Humor und Ironie aus. Ist auf der „Projektion 4#“ eine Landschaft in einem Bett zu sehen oder umgedreht?

Grafikerin und Fotografin

Sarah Fischer lächelt in ihrem Atelier in einem Greifswalder Klinkerbau. Das Atelier ist ein kleiner Raum mit einem großen Fenster und einem batteriebetriebenen Miniradio auf dem Fensterbrett. Die Grafikerin und Fotografin trägt türkisfarbene Socken, eine legere, schwarze Hose, Shirt und Strickjacke. Vor der Tür liegen Fahrradhelm und Straßenschuhe. Vor ihren Füßen ein Schafsfell gegen die Kühle aus dem Boden, auf der Arbeitsplatte steht der Laptop. Manchmal hört sie zurzeit Musik der Schweizerin Sophie Hunger während der Arbeit.

Zur Person

Sarah Fischer wurde 1988 in Bad Dürkheim (Rheinland-Pfalz) geboren und wuchs in Hameln (Niedersachsen) auf. In Greifswald studierte sie Bildende Kunst am Caspar-David-Friedrich-Institut und Skandinavistik.

Förderungen und Stipendien erhielt sie unter anderem vom Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop, vom Kunstverein Röderhof e.V. (Sachsen-Anhalt) oder von der Frieda 23 in Rostock.

Vor einem Jahr erhielt sie den Kunstpreis der Mecklenburgischen Versicherungsgruppe für Bildende Kunst in MV – Schirmherr des Preises war der Maler und Objektkünstler Günther Uecker.

Seit gut einem Jahrzehnt lebt sie in der Stadt am Ryck. Sie kam wegen des Studiums (Skandinavistik und Bildende Kunst), blieb und ist seit zwei Jahren freischaffende Künstlerin. „Ich bin nicht so ein Skizzentyp“, sagt sie. „Ich schreibe mir unterwegs Eindrücke auf, manchmal fotografiere ich Dinge.“

Ihr Traum: Eine Radtour durch Europa

Unterwegs – das ist Sarah Fischer beinahe täglich, meist nachmittags in Greifswald. „Die Stadt ist wertvoll für mich, hier habe ich mein vertrautes soziales Umfeld.“ Das Homebase einer Einzelkämpferin, die irgendwann mal eine Radtour durch Europa starten möchte. Im vergangenen Sommer war sie per Rad zwei Wochen in Schweden unterwegs. Allein. „Das schärft den Blick“, meint sie. Um nachzuschieben: „Ich bin nicht allein.“ Da ist sie wieder, die mehrschichtige Wahrnehmungsweise der Sarah Fischer.

Im Februar wird sie aus Barcelona heimkehren. „Wenn ich woanders bin, nehme ich vieles wahr, was ich zuvor nicht kannte“, erzählt die Künstlerin. Aus Katalonien wird sie neben frisch erlernten spanischen Vokabeln vieles mitbringen, „was ich nicht sofort verarbeiten kann“. Das brauche Zeit. „Meine Arbeitsprozesse sind eher langsam.“ Man könnte auch sagen: mehrschichtig und wohldurchdacht.

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