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OZ-Kunstbörse Maler Jürgen Schäfer: Der Kritiker der Moderne
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13:08 27.09.2019
Der Maler Jürgen Schäfer (77) in seinem Atelier in Groß Brütz am Neumühler See bei Schwerin Quelle: Thomas Häntzschel
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Groß Brütz

Der Blick aus den großen Fenstern des Backsteingebäudes am Neumühler See geht ins Dickicht des Waldes. Es riecht nach Kaminofenfeuer, Kaffee und Farbe. Hier könnten sich abends Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen, wenn Jürgen Schäfer vor der Staffelei sitzt – und sie tun das wohl auch.

Ein Naturidyll, in dem der 77-Jährige hier seit 1986 lebt, wohnt, malt, arbeitet, denkt. Für romantische Betrachter des Künstlerberufs sicherlich die Idyllvorstellung des Malers, der in der Abgeschiedenheit der Natur hockt und sich in zutiefst romantischer Atmosphäre der Abbildung derselben hingibt. In altruistischer Hingabe an die Kunst und völliger Kontemplation.

Messerscharfer Analytiker

Blödsinn, würde Schäfer ironisch lächelnd zu derartigen Petitessen sagen. Der Mann will einfach nur seine Ruhe und sich nicht allen Strömungen des Zeitgeistes aussetzen. Aber seine künstlerische Beschäftigung gilt nicht der ideellen Abbildung der Natur: des Waldes, des Wildes, der Blümchen, Gräser, Sträucher und Bäume. Jürgen Schäfer ist ein messerscharfer Analytiker gesellschaftlicher Entwicklungen, die er in seiner Abgeschiedenheit intensiv verfolgt, und widmet sich am liebsten der Kritik der Moderne und Postmoderne, der er misstraut.

„Die Moderne“, sagt er, „folgt dem Konzept der Zerstörung“. Destruktion, Abstraktion, das Verschwinden von Können und Kunst aus der Kunst, völlige Beliebigkeit und Perversion seien ihre stilprägenden Elemente.

Arbeiten von Jürgen Schäfer

Das heißt nicht, dass Schäfer die Klassische Moderne in der Malerei als gescheitert ansieht oder ablehnt. Deren Formenvorrat sieht er noch lange nicht als erschöpft an. Nur die albernen bis pornografischen Auswüchse eines Kunstmarktes, der sich längst vor dem Altar des Kommerzes hat abschlachten lassen, verachtet dieser Künstler. Performances, völlige Abstraktion bis hin zur Beliebigkeit eines Strichs oder einer Fläche sind ihm ein Graus. Da wird Reden über Kunst zu einer Clownerie, als würde man zu Architektur tanzen wollen.

Bei Jürgen Schäfer kommen Humor, Intellekt, Können und intensive Auseinandersetzung mit Inhalt und Form zusammen. Der Maler wurde 1941 in Leipzig geboren. Er studierte in Leipzig Kunst auf Lehramt, bevor er an die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst wechselt und unter anderem bei den Professoren Harry Blume, Hans Mayer-Foryet und Wolfgang Mattheuer studiert. Schäfer illustrierte für den Eulenspiegel-Verlag in Berlin das Buch „Im Namen der Hüte“ von Günter Kunert und war 1978 Teilnehmer der VIII. Kunstausstellung der DDR.

Akte werden nicht verkauft

Im Jahr 1985 kauften die Kölner Sammler Irene und Peter Ludwig Werke von Schäfer an, die nun über die Ludwig-Stiftung als Erbverwalter an Museen in Nürnberg und Leipzig als Dauerleihgabe weitergereicht wurden. 1986 zog er in das abgeschiedene Haus am See im Wald bei Schwerin.

Die Dauerleihgabe scheint ein Anfang zu sein. Denn Schäfer ist einer jener Maler, der sich sehr schwer damit tut, eines seiner Babys abzugeben. Er verkauft zwar Werke, aber ungern welche, die sich mit seinem Thema auseinandersetzen und schon längst keine Akte – das ist zu persönlich. Schäfer würde sich als Lebenstraum wünschen, dass ein großes Museum sein Konvolut ankauft, in seiner Gesamtheit bearbeitet und ausstellt. Anders lässt es sich ja auch kaum verstehen.

Arbeiten sind Auseinandersetzungen mit dem 20. Jahrhundert

Die großformatigen Arbeiten in Öl auf Leinwand sind Auseinandersetzungen mit dem 20. Jahrhundert, mit dem Zeitgeist, mit dem Wechsel der Herrschaftssysteme. Bei Schäfer hieße das, die Macht des Terrors, die Macht der Ideologie, die Macht des Geldes. So kühl und chirurgisch dürfen Künstler über die herrschenden Systeme im Deutschland des 20. und 21. Jahrhunderts denken, ohne in irgendeine Ecke geschoben zu werden.

Im Zentrum seiner Kunst steht das Individuum im Verhältnis zum System. Die Zartheit des Menschen, seine Verletzlichkeit wird monströsen roboterartigen Riesen gegenübergestellt – und seltsam gebückten Figuren, die an eine Mischung aus Kafkas Buchhaltern und den Agenten aus der Kinoserie „Matrix“ erinnern.

Zur Person

Jürgen Schäfer, geboren 1941 in Leipzig, studierte von 1961 bis 1965 Pädagogik in Leipzig. Anschließend arbeitete er in Böhlen als Lehrer für Kunsterziehung und Geschichte.

Bereits 1966setzte er sein Kunststudium fort – an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Seine Lehrer waren Fritz Fröhlich, Harry Blume und Hans Mayer-Foreyt, zuletzt auch Wolfgang Mattheuer.

Ab 1971 lebte Jürgen Schäfer als freischaffender Künstler in Leipzig, zeigte seine Werke in Ausstellungen, erfüllte für die Stadt Leipzig Auftragsarbeiten. 1976 illustrierte er Günter Kunerts (1929-2019) Buch „Im Namen der Hüte“ mit Holzschnitten. 1978 beteiligte er sich an der VIII. Kunstausstellung in Dresden.

Der Malerist bis heute freischaffender Künstler, er lebt in Groß Brütz bei Schwerin.

Einer der letzten großen Maler aus der DDR, der in seiner Abgeschiedenheit nicht aus der Zeit gefallen ist, sondern sich mit den Mitteln der Leipziger Schule immer wieder neu in sie hineindenkt und -arbeitet. Als kleinen Scherz erlaubt es sich der Maler, auf Flohmärkten oder in Antikläden kitschige Ölgemälde im Stile des Röhrenden Hirschen, der übers Biedermeiersofa gehört, anzukaufen und neu zu bearbeiten. Da werden die romantischen Landschaftsideale in Öl mit Monumenten über das Ich bearbeitet, übermalt. Oder, wie Schäfer sagt: „ein ganz klein wenig korrigiert.“

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