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OZ-Kunstbörse Maler Rayk Goetze: „Das Bild hat immer recht“
Thema K OZ-Kunstbörse Maler Rayk Goetze: „Das Bild hat immer recht“
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13:10 27.09.2019
Der Maler Rayk Goetze (55) in seinem Atelier in der Leipziger Baumwollspinnerei vor dem Gemälde „Pietà“. Quelle: Volkmar Heinz
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Leipzig

„Ich bin zwar König in meinem Reich, aber meine Untertanen sind aufsässig. Ich peitsche diese Revolten nicht nieder, doch bin ich sauer auf die Figuren. In der Regel ist das Bild jedoch schlauer als der Maler.“ Das Reich, in dem Rayk Goetze herrscht, ist ein zeitloses, bevölkert von unendlichen Figuren jeglicher Zeiten, Epochen, Stile, Systemen, Zeitläuften, Moden. Ein jedes hat seinen Platz und wieder auch nicht.

„Das Bild hat immer recht“, sagt der Leipziger Maler mit Rostocker Wurzeln, der gar nicht erst versucht, im Tübke’schen Gestus exakt wie ein malerischer Buchhalter Ausdruck zu finden und Bilder von links oben nach recht unten zu malen. Seine Werke sind in ihrer Ausstattung reich an Accessoires, aber im Typus getragen von Coolness, Gelassenheit, Lässigkeit und zugleich sortierte Chaosanordnungen. Da wirkt der Mensch hinter dem Maler durch.

„Gleichgewicht schaffen zwischen künstlerischem Wollen und Willen des Bildes“

Goetze sagt aber, bei aller Diskussion mit jedem Bild werde es letzten Endes so gemacht, wie er es will. Dann müssen all die Frauenfiguren, Wächter, Christusmanifestationen, Kerle, Krieger, Models, Harlekine, Handwerker, Madonnen oder Hunde, die seine Bilder bevölkern, stramm stehen. Es gehe im künstlerischen Prozess darum, „ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen dem eigenen künstlerischen Wollen und dem Willen des Bildes“, erklärt der 55-Jährige. Da sei im Sinne des Bildes „eine friedliche Koexistenz“ enorm wichtig. „Ich will Herr im eigenen Hause bleiben“, sagt Goetze.

Arbeiten von Rayk Goetze

Gar nicht so einfach bei all der Komplexität und all den Bildebenen. Da wird kreativ erschaffen, destruktiv zerstört, übermalt, wieder übermalt, collagiert, weggekratzt, neu hinzugefügt – zuweilen in bis zu zehn Schichten. Damit wird das Werk aber nicht unbedingt figurativer, sondern entwickelt sich vom Figurativen über die Abstraktion zur Fläche und Destruktion.

Beispiel ist das Werk „Set“ von 2017, das eine Nachrichtensprecherin zeigt, die nicht mehr zu sehen ist. Allein der Spot, der auf sie zeigt, gleichsam über ihr schwebt, bleibt erhalten. Das Bild war sozusagen fertig, bevor die Sprecherin Platz nehmen durfte. Der Spot als Platzhalter einer Figur, die aus der Geschichte zurückgetreten ist, während ihre Geschichten, ihre News, die medialen Schlagzeilen sie umkreisen.

Porträts und bildreiche Geschichten

Platzhalter sind ein zentraler Punkt im Werk Goetzes. In seinen Porträts und bildreichen Geschichten verschwinden die Gesichter recht oft oder werden verhüllt. Was bleibt, ist der Ausdruck, die Haltung. Der ewige Dreisatz von Raum, Zeit, Ruhe. Festgehalten im Faltenwurf des Kleides einer verschwindenden Frauenfigur, der die Renaissance aufruft. In der kriegerhaften Haltung des schreitenden Mannes, die mythologische Bezüge berührt. Oder der geschwungenen Ausformung eines weichen Gesichtszuges, der barock anmutet.

Der Gegenentwurf zur Gesichtslosigkeit im Bild ist bei Goetze das konkrete Porträt, das jedoch keinen realen Bezug hat. Die Gesichter sind womöglich algorithmische Erinnerungen aus verschiedenen Quellen: TV, Internet, Zeitschriften, Film, eigenes Erleben, historische, literarische, biblische, mythologische, kunstgeschichtliche Reminiszenz. Das Gesicht als Platzhalter eines psychischen Ausdrucks, einer seelischen Haltung – des Individuums, der Gesellschaft, der Menschheit.

Goetze sagt: „Die Oberfläche erzählt etwas über Licht und Schatten und darunter tritt etwas auf der inneren Ebene zutage, ohne dass damit ein konkreter Mensch gemeint ist.“ Bei Goetze geben sich das Gegenständliche und Nichtgegenständliche, An- und Abwesenheit, Blick und Lichtblick, Rhythmus und Wiederholung die Hand – in seriellen Blöcken. Gegensätzlich, nicht gegenständlich.

Eine anspruchsvolle, intellektuelle Malerei, die vom Handwerk, vom Strich kommt und sich inhaltlich zwar nicht sperrt, es dem Rezipienten aber auch nicht leicht macht. Das mag auch an der Biografie liegen. Rayk Goetze ging nach seiner Kindheit in Stralsund und Rostock auf die Sportschule in Potsdam. Einer, der seit der Jugend ein hohes Maß an Resilienzfähigkeit besitzt. Später: Kampfschwimmer bei der Volksmarine.

Zur Person

Rayk Goetze wurde 1964 in Stralsund geboren. Nach dem Umzug der Familie verlebte er seine Schulzeit zum Teil in Rostock. Von 1975 bis 1981 ging er auf die Sportschule Potsdam, bis 1984 absolvierte er eine Ausbildung zum Schiffbauer mit Abitur. Anschließend ging Goetze als Kampftaucher zur Volksmarine. Nach der Wende studierte er ab 1991 Malerei als Schüler von Neo Rauch und Arno Rink an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. 1997 legte er sein Diplom bei Rink ab.

2019 waren Goetzes Arbeiten in einer Ausstellung der Warnemünder Galerie Joost van Mar, in der Rostocker Kunsthalle und der Petrikirche zu sehen. Außerdem stellte er 2019 in der Spinnerei Leipzig aus. Am 6. September eröffnete er die Schau „Héroine“ in der Galerie Charron in Paris. 2018 stellte Goetze in der Galerie von Kristine Hamann in Wismar aus und 2010 war er während eines dreimonatigen Stipendiums im Rostocker Schleswig-Holstein-Haus aktiv. Seine Arbeiten sind in Ausstellungen in Berlin, Leipzig, Potsdam, Hamburg, Baden-Baden, Stockholm, Wien oder Montevideo zu sehen.

Nach der Wende studiert Goetze an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig als Schüler der Professoren Arno Rink und Neo Rauch. Beides scheint im Werk durch. Die Auseinandersetzung mit der Kreatürlichkeit, wie bei Rink, ebenso wie die Farben- und Formenvielfalt und zeitlose Bezüglichkeit Rauchs. Wobei Goetze, anders als Rauch, noch weit über die Renaissance hinausgeht und von der griechischen Mythologie über die christliche Ikonographie bis hin zur geometrischen Formgebung der Moderne Zeichen der Zeit in seine Bilder baut, ohne eklektisch zu sein.

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