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OZ-Kunstbörse Maler Reinhard Meyer: Bilder als ungeduldige Reaktion auf den Augenblick
Thema K OZ-Kunstbörse Maler Reinhard Meyer: Bilder als ungeduldige Reaktion auf den Augenblick
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13:07 27.09.2019
Reinhard Meyer in seinem Atelier in Zinnowitz. Quelle: Thomas Häntzschel
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Zinnowitz

Das Atelier von Reinhard Meyer ist selbst ein Bildnis: Stapel von gerahmten Bilder neben Türmen von kleineren, auf Holz gezogenen Leinwänden. In Kartons und Schubladen dämmern Aberhunderte Collagen. Dazwischen ein ergrautes Sofa, ein alter Sessel.

Die große Arbeitsplatte ist übersät von Flaschen mit Acrylfarben, daneben Unmengen Pinsel, ein Haufen mit aus Zeitungen ausgeschnittenen Bildern. Der Fußboden gezeichnet von Farbklecksen, Farbspritzern und der Zeit. Kein Ort der Gemütlichkeit, sondern ein unmaskierter, roher Maschinenraum der Malerei.

„Meine Werke sind meine Erklärungen.“

Reinhard Meyer lebt seit fast 40 Jahren in der Bäderstilvilla mitten in Zinnowitz. Draußen flanieren Urlauber an dem Usedomer Kunsthaus vorbei, drinnen „wütet“ der Künstler rastlos, suchend, freundlich. „Ich male nicht für die Dekoration, ich male für mich“, sagt der 68-Jährige, der in Wolgast aufwuchs.

Arbeiten von Reinhard Meyer

„Ich beginne jeden Tag nach dem Frühstück und dann entwickeln sich die Bilder“, erläutert er seine Arbeitsweise. Keine Skizzen, keine Planungen, kein Konzepte, keine Themen. „Wiederholungen mag ich überhaupt nicht.“ Wie seine Bilder entstehen, könne er nicht sagen. „Meine Werke sind meine Erklärungen.“

Vier Bilder von Reinhard Meyer sind bei der OZ-Kunstbörse dabei, allesamt Acryl auf Leinwand, vom relativ kleinen „Boot im Licht“ bis zum größeren „Konzert“. Letzteres hat einen biografischen Bezug: Meyer ist auch Schlagzeuger, der fast wöchentlich in seiner Galerie zusammen mit seiner Frau Brigitte (ebenfalls Malerin und Musikerin) und Sohn Robert (Maler und Musiker) zu hören ist.

Seine Bilder wirken forsch, nur wenige sind so harmonisch wie das „Boot im Licht“. Das Gros ist ungeduldig, reagiert auf den Augenblick. Obwohl sie sich einer gehörigen Abstraktionsstufe bedienen, zeigen sie stets Konkretes. „Sachen ohne Inhalt gehen bei mir nicht“, sagt der Maler.

„Was in meinem Kopf ist, das muss raus“

Reinhard Meyer muss das, was in seinem Kopf ist, abarbeiten. Das sagt er selbst. „Das muss raus, ansonsten werde ich von meinem schlechten Gewissen geplagt.“ Doch warum diese quantitative Intensität, die auf Außenstehende beinahe wie besessen wirken könnte? Der Maler zeigt auf ein paar Collagen und antwortet: „Ich habe bei der Arbeit das Gefühl der Freiheit, den Eindruck, dass ich die Zeit festhalten könnte.“ Er stellt sein altes, verstaubtes Atelierradio an. NDR Kultur, klassische Musik, leise.

Freiheit ist für Meyer ein besonderer Begriff: Fast vier Jahre saß er in DDR-Gefängnissen, als politischer Häftling. Acht Monate davon im üblen, bei allen Soldaten extrem gefürchteten Militärgefängnis in Schwedt (Brandenburg). „Es mag seltsam klingen, aber ohne diese Zeit, würde ich heute nicht so malen“, sagt der Autodidakt.

Zur Person

Reinhard Meyer wurde 1951 in Wolgast geboren. 1974 sitzt er während seines Militärdienstes in der NVA eine achtmonatige Haftstrafe im berüchtigten Militärgefängnis in Schwedt (Brandenburg) wegen politischer Gründe ab. Später saß er drei Jahre und drei Monate in verschiedenen Haftanstalten wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Nach der Wende wurde er rehabilitiert.

Ein Kunststudium war damals nicht möglich, sein Handwerk erlernte er autodidaktisch. 1999 erwarb er in Zinnowitz das Haus, in dem er seit 1980 mit seiner Frau Brigitte, ebenfalls Malerin, lebt. 2002 eröffnete er dort eine Galerie.

1994erhielt Reinhard Meyer ein Arbeitsstipendium der Stiftung Kulturfonds Berlin. Seine Bilder waren in zahlreichen Galerien zu sehen, unter anderem in Amsterdam, Wernigerode oder Katzow.

Eine reguläre künstlerische Ausbildung konnte sich Meyer seinerzeit aufgrund seines „Widerstandes gegen die Staatsgewalt“ abschminken. „Ich habe ohne Anleitung verschiedene Stile aufgesogen.“ Der Weg als Autodidakt sei schwer gewesen, aber „ich bin froh über diese Zeit“. Verbitterung würde anders klingen.

„Ich habe ohne Anleitung verschiedene Stile aufgesogen.“

Er male gesellschaftskritische Bilder, sagt Meyer, der durch seine Agilität jünger wirkt, als er ist. Beispielsweise zeigt sein Bild „Der angelegte Wald“ akkurat ausgerichtete Baumreihen „Sollte so ein Wald angelegt sein?“ fragt der Zinnowitzer. Er denkt an die Klimademonstrationen. „Ich habe noch nie von einer Demo gehört, die fordert: Wir wollen Kunst!“

Die Ironie lässt sich der schwarzhaarige Mann in Malerklamotten kaum anmerken. Ein Bild heißt „Einsamer Mensch in der Stadt“. Ein anderes „Zarathustra“. „Mit Nietzsche sollte man sich beschäftigen!“ Ist er konfessionell gebunden? „Nein, aber ich setze mich mit der Bibel und dem Koran auseinander.“ Was ist mit Kino? „Gehe ich nicht, ist mir zu laut. Aber ich schaue gern französische Filme“, sagt er in seiner typisch, knappen Satzform, die wie seine Pinselstriche daherkommen: nicht mehr als nötig, so viel wie nötig. Verfügt der Künstler über ein Handy? „Nein, das lenkt nur ab und ist unwichtig für mich, ich habe ein Haus und jeder kann kommen.“

Und wie viele Zeichnungen und Collagen lagern bei Reinhard Meyer? An der Galerietür klingelt es, Gäste möchten hinein. „Das weiß ich nicht, ich habe den Überblick verloren.“ Jetzt lächelt der Maler.

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