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OZ-Kunstbörse Medienkonzeptkünstler Maix Mayer: Spurenelemente der Ost-Moderne
Thema K OZ-Kunstbörse Medienkonzeptkünstler Maix Mayer: Spurenelemente der Ost-Moderne
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13:12 27.09.2019
Medienkonzeptkünstler Maix Mayer (59) im Gastatelier der Stadt Rostock bei seinem Aufenthaltsstipendium 2019. Quelle: Thomas Haentzschel
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Leipzig

Wenn Maix Mayer von seinen Projekten, seiner Kunst, seiner Arbeit redet, muss man sich konzentrieren. Das gleicht zuweilen dem Versuch, einen Schneemann in Afrika zu installieren. Kann kein Mensch – außer Mayer.

Bei seinem kunsttheoretischen Ansatz treffen Intellekt auf Humor, Ost auf West, Historie auf Gegenwart, urbane Ballung samt all ihren gesellschaftlichen Folgephänomenen auf ländliche Idylle und provinzielle Leere samt all ihren Leerstellen. Irgendwann in diesen Erzählungen übermannt einen das Gefühl, nicht mehr folgen zu können. Dann lächelt Maix Mayer milde und sagt: „Kommst noch mit?“

Arbeiten von Maix Mayer

Bei seiner Kunst ist es exakt umgekehrt. Wer meint, seine Werke intuitiv, mit einem flüchtigen Blick, vielleicht im Vorbeigehen erfassen zu können, läuft ins Leere. Da ist dann nix außer intellektuellem Gestrüpp. Zum Werk von Maix Mayer gehören das gesprochene wie geschriebene Wort, die Erklärung, das kontemplative wie akademische Hineinsinken in die inhaltlichen Komplexe, die oft aus Widersprüchen zusammengesetzt sind.

Serien zu Müther-Bauten

Der Medienkonzeptkünstler stammt aus Leipzig, wo er lebt und arbeitet. Er hat in Rostock Meeresbiologie studiert und das Diplom der Marinen Ökologie abgelegt. In Leipzig legte Mayer ein Studium der Bildenden Kunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst nach, das er mit Diplom abschloss, bevor er in Poznan (Polen) im Fach Neue Medien promovierte.

Seitdem vermisst er die Moderne mit seinen filmisch-fotografischen Mitteln. Bekannt sind seine Serien zu den Bauten des Beton-Schalentragwerkentwicklers Ulrich Müther in der DDR, die er in dem dreiteiligen Werkkomplex „barosphere“ einfließen ließ. Für Mayer ein Wahrzeichen der ostdeutschen Moderne: Teepott Warnemünde, Mehrzweckhalle Lütten Klein oder Messehalle am Schutower Kreuz in Rostock, Buchladen in Baabe, Rettungsturm Binz oder ZK-Ferienheim in Sellin auf Rügen oder die Gaststätte „Kosmos“ in der Planetensiedlung Magdeburg, um einmal über Mecklenburg-Vorpommern hinaus zu gehen.

Ästhetisch-intellektuelle Spielereien

Diesem nationalsinnstiftenden Wahrzeichen der sozialistischen Moderne fügt er andere hinzu wie das Passagierschiff „Völkerfreundschaft“ oder die Dahlien-Knolle „Juri Gagarin“. Hier zeigt sich, wie der kreativ-wissenschaftliche Intellekt Mayers auf einen augenzwinkernd feinen Humor trifft.

Diese Knolle wurde zu DDR-Zeiten zur Ehrung des Kosmonauten aufgelegt. Sie ist längst in Vergessenheit geraten, aber Mayer hat einen älteren Herrn, der sie jedes Jahr im Frühjahr pflanzt, vor dem Arbeiterwohlfahrtsheim im Juri-Gagarin-Ring in Erfurt fotografiert. Derlei ästhetisch-intellektuelle Spielereien liebt Mayer. Er sagt, er sei auf Spurensuche im öffentlichen Raum, er fahndet nach Spurenelementen der Ost-Moderne, die die DDR überdauert haben.

Aktuell in Rostock. Mayer weilt von Anfang September bis Ende Oktober im Atelier des Rostocker Kunstvereins zu einem Aufenthaltsstipendium der Hansestadt. Dabei will er sich im Zusammenhang mit den urbanen Strukturen seines Moderne-Zyklus in Rostock beschäftigen. Mayer untersucht die Selbstdarstellung der Hansestadt auf alten Postkarten. Besonders seien da die 60er-Jahre und 70er-Jahre, ein Zeitraum, der Mayers eigene Jugend umfasst und jenen, in dem sich Rostock zunehmend als moderne Stadt verstanden und vermarktet habe.

Zur Person

Maix Mayer wurde 1960 in Leipzig geboren. Er studierte Meeresbiologie an der Wilhelm-Pieck Universität Rostock und legte 1987 sein Diplom der Marinen Ökologie ab. 1999 folgte ein Studium der Fotografie und 2002 ein Studium der Bildenden Kunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB).

2013 promovierte Mayeran der Universität der Künste Poznan im Fachbereich Fotografie. Der Künstler ist als Gastprofessor in Leipzig und an der Kunstakademie Szczecin in Polen tätig. Seine filmischen und fotografischen Arbeiten wurden in Sydney (MocA), Leipzig (Grassi), Amsterdam (Stedelijk) oder Sao Paulo (Museu Brasileiro da Escultura) gezeigt. 2019 stellt Mayer in Rostock, Leipzig, Berlin, Renthendorf bei Jena und Dresden aus. Seit 1. September ist Mayer zu einem Aufenthaltsstipendium in Rostock.

Was dabei herauskommt, werde der Stipendiats-Prozess zeigen, sagt er: „Das wird eine audiovisuelle Arbeit“, sagt er. Ein zweites Thema innerhalb dieses Komplexes sei das Gelände der Ostseemesse. Dafür will er sich mit dem Mütherbau am Schutower Kreuz beschäftigen – einem Bau, der in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend in Vergessenheit geraten ist. „Das Müther-Thema möchte ich voranbringen, auch für ein Buchprojekt“, so Mayer. Seinen Schaffensprozess stellt er am 16. Oktober im offenen Atelier in Rostock (Amberg 13) ab 18.30 Uhr vor.

„Ein Schneeman für Afrika

Für die Kunstbörse hat Mayer Werke aus seinem Afrika-Komplex „Afronautic Tales“ gewählt. Als Zitat an den DDR-Film „Ein Schneeman für Afrika“ aus dem Jahr 1977 hat er in Leipziger Parks Schneemänner fotografiert. Die hat er in Bildern mit Motiven von Tingatinga-Malern komponiert. Dieser Malstil ist in den 60er-Jahren in Tansania von dem Straßenmaler Edward Saidi Tingatinga (1932-1972) geprägt worden, der aus Mangel an Material auf Fahrradlacke zurückgriff und die afrikanische Tier- und Pflanzenwelt sowie dörfliche Szenen festhielt.

Humor und Intellekt des Maix Mayer – er verbindet auf der Spurensuche in der Moderne Sphären, die in unterschiedlich materialisierten Bildebenen verschiedenster Kulturen als neue Collagen zusammengefügt werden – genrelos.

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