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OZ-Kunstbörse Papierkünstlerin Hildegard Mann: „Malerei, die ins Dreidimensionale geht“
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13:09 27.09.2019
Hildegard Mann in ihrem Atelier in Groß Boden Quelle: Thomas Häntzschel / nordlicht
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Groß Boden

Den Weg zur Kunst beschritt Hildegard Mann relativ spät. Noch bis zu ihrem 52. Lebensjahr lehrte sie nämlich die Fächer Sport, Philosophie und Französisch. Und das mit großer Leidenschaft, wie sie betont. Eine Krankheit zwang sie jedoch dazu, vorzeitig Abschied von ihren Schülern zu nehmen. „Im Nachhinein war diese Trennung vom Beruf sogar ein großes Glück“, meint die 74-Jährige. „Sie eröffnete mir die Möglichkeit, mich vollständig der Kunst zu widmen“, ergänzt sie.

Künstlerisch interessiert war die geborene Wolfenbüttelerin allerdings schon immer. Dass sie dennoch nicht, so wie es ihr Wunsch war, Kunstgeschichte studierte, sondern sich an der Universität Heidelberg einschrieb, um Lehrerin zu werden, tat sie den Eltern zum Gefallen. Denn diese empfahlen ihrer Tochter, einen „soliden Beruf“ zu ergreifen.

Mit dem Austritt aus dem Schuldienst begann das zweite Leben

Mit dem Austritt aus dem Schuldienst vor nunmehr 22 Jahren begann das zweite Leben der Hildegard Mann. Ein Leben, in dem sie das gefunden hat, was sie immer suchte: „Ich kann jetzt schöpferisch sein, mich ausschließlich auf die Kunst konzentrieren.“

Arbeiten von Hildegard Mann

Seit gut 36 Jahren leben sie und ihr Mann Armin (75), den sie während des Studiums kennenlernte, in Schleswig-Holstein. In Groß Boden, nahe Ratzeburg, kaufte das Paar einen alten Bauernhof. Ein Refugium, in dem die Künstlerin Ruhe, Platz und Muße findet.

Ihr Mann hat ihr direkt auf dem ehemaligen Heuboden ein Atelier geschaffen. Wenn sie die kreative Unruhe packt, macht sich Hildegard Mann über die steile Treppe schnurstracks auf den Weg nach dort oben: „Wenn ich eine Idee habe, muss ich sie sofort umsetzen. Was in mir ist, bricht sich so künstlerisch Bahn.“

Ihre Ideen, so bekennt sie, schöpfe sie aus dem politischen und sozialen Zeitgeschehen, aber auch aus der Natur. Am großen Tisch im Dachraum setzt sie ihre Eingebungen um. Unter langen Papierbahnen, die von der Decke hängen, inmitten farbenfroher, feine Papierarbeiten und jeder Menge Material kann sie schaffen und dabei die Welt um sich vergessen. Das ist das Reich der Hildegard Mann.

Malerei, die ins Dreidimensionale geht“

Während ihres Studiums um das Jahr 2000 an der Lübecker Kunstschule modellierte sie zunächst Köpfe und Ganzkörper aus Gips. Aber schon bald faszinierte sie ein anderes Material, das ihren Vorstellungen mehr entgegenkommt – das Papier. Seine Wirkungen und Möglichkeiten lernte sie auch bei einem Workshop im Ludwigsluster Schloss kennen – bekannt ist das Schloss unter anderem für sein Interieur aus Pappmaché. Im Papier fand sie ihr Medium, mit dem sie, ähnlich der Bildhauerei, in den Raum arbeiten kann. Sie nennt es: „Malerei, die ins Dreidimensionale geht.“

Die Künstlerin bedient sich dabei mit Vorliebe des handgeschöpften, faserreichen und durchscheinenden Japan-Papiers. Zart und robust zugleich, eröffnet es ihr viele Möglichkeiten. Mit dem Pinsel verleiht Hildegard Mann ihm zunächst vorwiegend leuchtende Farben, ehe sie es reißt, klebt und Papierreliefs daraus formt. Und sie setzt darauf, vom Eigenleben des Materials überrascht zu werden: „Ich empfinde es inzwischen als besonderen Reiz, dass es sich mir auch mal widersetzt.“

„Es ist ein besonderer Reiz, wenn sich mir das Papier widersetzt“

So mag sie es, wenn Faltungen, Kniffe oder kinetische Scheiben nicht dauerhaft akkurat in Form bleiben, sondern immer wieder, je nach Temperatur, Feuchtigkeit oder Luftbewegung, ihre Form und Position verändern.

Das ist besonders bei ihrer Auseinandersetzung mit der Farbe Schwarz erlebbar. So tritt die Künstlerin doch in verschiedenen Arbeiten den Beweis an, dass Schwarz alle Qualitäten von Buntfarben besitzt, indem sie bewusst den Einfluss der äußeren Faktoren nutzt, vor allem das Spiel von Licht und Schatten. Das gibt ihren Reliefs und Mobile-Objekten eine erstaunliche Tiefe und Plastizität. Schwingend, wellenförmig, scharfkantig oder verflochten, überraschen sie mit immer neuen Formen und Farbschattierungen. „Mich interessiert besonders, was Oberfläche ausmacht. Für mich liegt in ihr schon die Tiefe“, sagt sie.

Diese Erkenntnis nutzt sie konsequent bei Reliefs aus ungewöhnlichem Papiermaterial: Zigarettenfilter. Mit diesen Papierhülsen, farbig bemalt und auf festem Untergrund aufgebracht, erreicht Hildegard Mann beeindruckende Effekte. Vermitteln diese durch farbliche Abstufungen und räumliche Staffelung doch den Eindruck, in die dritte Dimension zu wirken.

Zur Person

Hildegard Mann (74) lebt in Schleswig-Holstein. Die frühere Lehrerin fand erst nach ihrem Ausscheiden aus dem Beruf zur Kunst.

Seitdem waren ihre Werke in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen. Seit Ende der 90er-Jahre zeigte Hildegard Mann Arbeiten unter anderem in Lübeck, Bargteheide und Reinfeld. Seit den 2000er-Jahren war sie auch verstärkt in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs. Sie beteiligte sich zum Beispiel an Ausstellungen des Künstlerbundes MV und zeigte ihre Werke in Rostock und Ahrenshoop.

Zuletzt waren Arbeiten von Hildegard Mann in der Ausstellung „Vom Groben zum Feinen“ des Künstlerbundes in der Kunstmühle Schwaan zu sehen.

Ein besonderes Thema ist für sie jedoch die Sprache. Auch deshalb, weil ihr das Sprachstudium vermittelte, welche Wirkung Worte haben. „Vor allem das, was nicht gesagt wird, das, was zwischen den Zeilen zu lesen ist, was hinter den Worten steht, möchte ich sichtbar machen“, sagt die Objektkünstlerin. Bei Arbeiten unter dem Titel „Zwischenzeilen“ durchfeuchtet sie Papierstreifen, zerreißt sie und fügt sie so zusammen, dass sich unterschiedlich lange und breite Stücke ergeben. „So wie ich emotional drauf bin, so entwickelt sich der Schriftzug. Mal zart und zögerlich, mal dynamisch und kraftvoll.“

So gewinnt der Betrachter den Eindruck, dass sich hier Wort an Wort, Satz an Satz reiht. Anschließend bringt Hildegard Mann das „Geschriebene“ auf Acrylglas auf und setzt eine weitere Glasscheibe davor. An der Ausstellungswand erweckt der Schattenwurf der Zeilen den Eindruck, als sei dort das zu lesen, was zwischen ihnen steht. Geheimnisvoll und immer wieder neu.

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