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Reformation Auf den Spuren der Reformation in Stralsund
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00:00 01.11.2017
In der Nikolaikirche zeigte Annette Huth, zuständig für Kirchenöffnung und Tourismus, Spuren der Reformation. FOTOS (2): ALEXANDER MÜLLER
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Stralsund

Es reicht manchmal eine zufällige Begebenheit, um das Rad der Geschichte in Gang zu setzen. Als eine Gruppe junger Männer am 10. April 1525 eine Magd in der Stralsunder Nikolaikirche belästigte, ahnten die Halbstarken nicht, welche gewaltigen Umwälzungen sie damit in Gang setzen würden. Gestern, am 500. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag, wurde diese zentrale Geschichte der Reformation in Stralsund bei zahlreichen Veranstaltungen erzählt.

Ein Funke genügte, um vor 500 Jahren große Tumulte in der Hansestadt auszulösen / Festempfang zum Jahrestag von Luthers Thesenanschlag

Die besagte Magd hatte die Aufgabe, auf den Spind ihrer Herrin in der Nikolaikirche aufzupassen. Doch als die ungehobelten Männer der Frau zu Leibe rückten, rannte diese aus dem Gotteshaus und schrie: „Die Martiner brechen die Spinde!“ In der damals unruhigen Zeit, in der die Ungerechtigkeiten der geistlichen wie auch weltlichen Herren angeprangert wurden, brachte dieser Satz das Fass zum Überlaufen. Ein Tumult brach in der Stadt aus, bei dem das Inventar der Kirchen und Klöster kurz und klein geschlagen wurde. Kurz darauf waren die alten Kirchenherren vertrieben und Stralsund protestantisch.

Knapp ein halbes Jahrtausend später appellierte gestern Andreas Sommer, Pfarrer der Katholischen Kirche Heilige Dreifaltigkeit, bei einem Festakt vor rund 100 Gästen im Stralsunder Rathaus an die Gemeinsamkeiten von Katholiken und Protestanten. „Ich bin dankbar, in so einer Zeit leben zu dürfen. Wo wir erleben, wie wir voneinander lernen, miteinander Christ zu sein“, sagte Sommer. Weil gerade angesichts des Zuzugs von Flüchtlingen viele Menschen Angst vor dem Fremden hätten, sei es Aufgabe aller Christen zu zeigen, dass man trotz aller Unterschiede gut gemeinsam leben könne.

Helga Ruch, Pröpstin des Pommerschen Evangelischen Kirchenkreises, betonte in ihrem Vortrag, dass die Reformation kein nur rückwärtsgewandter Begriff sei, der ein geschichtliches Ereignis in der Vergangenheit meint. „Reformation beschreibt vielmehr die Notwendigkeit steter Erneuerung. Wenn bei all dem Feiern im Lutherjahr herausgekommen wäre, dass wir als Kirche und Gesellschaft nur lebendig und anziehend sein können, wenn wir auch bereit zur Veränderung sind, dann hätte es sich mehr als gelohnt“, sagte sie.

Das Jubiläumsjahr der Reformation wurde in Stralsund mit rund 40 Veranstaltungen gefeiert. Gestern kamen rund 800 Gäste zum Gottesdienst in die Stralsunder Marienkirche. In den Monaten davor reichte das Spektrum von Ausstellungen über Theateraufführungen bis hin zu Konzerten. Einige Beispiele für diese enorme Vielfalt sind das Theaterstück „Die zehn Gebote“ – von Flüchtlingen in der Stralsunder Kulturkirche aufgeführt – und das Musical der Mariengemeinde „Da schwätzt ein ungelehrter Esel“, das die Ereignisse der Reformation in der Hansestadt aufgreift (siehe Infokasten).

In der Nikolaikirche wandelte gestern Annette Huth, in der Gemeinde zuständig für Kirchenöffnung und Tourismus, mit etwa 30 Gästen auf den Spuren der Reformation. Dabei zeigte sie auch das kleine Tor, das hinauf zur Kanzel führt. Wer sich dort hindurchzwängen will, muss dafür den Kopf senken. Die lutherische Interpretation dieses Tores lautet also: Auch jene, die das Wort Gottes verkünden, sind nur kleine Rädchen im großen Lauf der Welt.

Stralsunds Reformator und der ungelehrte Esel

Als zentrale Figur der Reformation in Stralsund gilt der Mönch Christian Ketelhot (um 1492-1546). Viel zitiert wurde sein Satz „Da schwätzt ein ungelehrter Esel!“ Dies ist auch der Titel eines Musicals von Stralsunder Jugendlichen, die Ketelhots Geschichte zu einem Theaterstück gemacht haben. Ausgesprochen haben soll Ketelhot den Satz, nachdem er in der Katharinenkirche (dem heutigen Meeresmuseum) von der Kanzel herab vor der ganzen Gemeinde von Prior Westphal in einer Predigt als Ketzer und entflohener Mönch beschimpft wurde. Wenig später hielt Ketelhot seine erste Predigt unter freiem Himmel vor dem Hospitaler Tor am St. Jürgen Friedhof. Er prangerte immer wieder die Missstände in der Stadt an.

Alexander Müller

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