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E-Sports: Mit Daddeln zum Millionär
E-Sports: Mit Daddeln zum Millionär
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05:00 23.01.2018
Vom Nerd-Hobby zur Massenbewegung: E-Sports ist ein Millionengeschäft. Die Stars der Szene füllen ganze Stadien mit Fans, die ihnen beim Daddeln zuschauen wollen.
Vom Nerd-Hobby zur Massenbewegung: E-Sports ist ein Millionengeschäft. Die Stars der Szene füllen ganze Stadien mit Fans, die ihnen beim Daddeln zuschauen wollen. Quelle: Paul Zinken
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Rostock

Sie nennen sich KuroKy oder Miracle, sind kaum älter als 20 und haben sich mit Computerspielen wie „Dota 2“ oder „Counter Strike“ zu Millionären gezockt. Das Geschäft der Profi-Gamer, E-Sports, boomt und gilt als am schnellsten wachsende Sportart der Welt. Die Stars der Szene werden bei internationalen Turnieren in ausverkauften Stadien gefeiert wie Popstars, über Streaming-Dienste verfolgen Millionen Fans ihre Wettkämpfe.

Michael Dyck zählt zu den Pionieren der deutschen Gaming-Szene. Er hat als Profi mit seinem Team Enro Griffins viele Pokale abgeräumt. In seiner Talentschmiede trainieren Zocker Taktiken, die ihnen mal viel Geld einbringen könnten.

Das E-Sports-Bootcamp von Michael Dyck (46) misst nur wenige Quadratmeter und ist doch für so manchen das Eintrittstor zur großen – und lukrativen – PC-Spiele-Welt. In der Nähe von Rostocks Hauptbahnhof, im Hinterzimmer seines Computerladens in der Goethestraße hat Dyck ein Trainingscenter für Gamer eingerichtet. Die Wände sind pechschwarz, teils mit Schaumstoff isoliert. Die Neonlichter einer Handvoll Rechner und Tastaturen blinken bunt ins Dunkel. „Hier habe ich schon Leute aufgebaut, die heute mit Zocken einen Haufen Kohle verdienen oder in den IT-Abteilungen großer Konzerne sitzen“, sagt Dyck. Er selbst spiele mit E-Sports keinen müden Cent ein. Im Gegenteil: Damit andere, meist Jugendliche, bei ihm in virtuelle Welten abtauchen können, muss Dyck vorne am – realen – Ladentresen ran.

Das Geschäft mit E-Sports boomt

Mit PC-Zubehör, Hardware-Reparaturen und einer Paketannahmestelle verdient Michael Dyck das nötige Geld für die Erfüllung seines Lebenstraum. Genau das ist das E-Sports-Bootcamp nämlich für ihn. Dyck war früher selbst Profispieler, trumpfte mit seinem Team, den Enro Griffins, bei nationalen Turnieren auf. Heute soll die nächste Generation bei ihm clevere Taktiken lernen. Dyck ist Präsident des E-Sports-Vereins Enro Griffins. Dessen Vereinsheim ist Dycks Computerladen. Eine Talentschmiede für Gamer und Treff für jene, die sonst keinen Platz fänden. Selbst Mörder, die resozialisiert werden sollten, hätten hier schon vor dem Bildschirm gehockt, sagt Dyck. Der Rostocker versteht sich als eine Art Sozialarbeiter, als Ersatz-Papa für Teenies, „denen zu Hause keiner zuhört“. Die wolle er von der Straße holen, ihnen eine sinnvolle Beschäftigung geben. Mit Baller- und Strategiespielen? Ja, sagt Dyck. „Zocken ist eine gescheite Sache.“ Weil man dabei Teamgeist lerne und damit Karriere machen könne.

Das haben andere auch erkannt: Fußball-Bundesligisten bauen eigene E-Sports-Abteilungen auf. Großkonzerne nutzen die Player, um Hard- und Software zu vermarkten. Weil sich mit professionellem Computerspielen richtig Kasse machen lässt, findet die E-Sports-Szene in Deutschland zunehmend Anerkennung. Das lässt Michael Dyck redselig werden.

Kampf gegen Klischees

In den vergangenen Jahren war das anders. Zu oft seien virtuelle Ballereien mit realen Gewalttaten in Verbindung gebracht, Gamer als potentiell gefährliche Sonderlinge abgestempelt worden. Das Klischee vom „dicken Nerd, der im Keller hockt und Menschen umlegen will“ ärgere ihn, sagt Dyck. Allerdings würden viele Hobby-Gamer zu viel Fastfood essen und sich zu wenig bewegen. Das wolle er ändern. Den Spielern in seinem Vereinsheim lehrt Dyck – ein Mann mit Schultern wie ein Schrank – , dass gesunde Ernährung und Bewegung in Spielpausen wichtig ist. Um stundenlanges Daddeln und die damit verbundenen Adrenalinkicks auszuhalten. Zudem sei eine Sportskanone beliebter bei Sponsoren. „Ein Adonis als Werbefigur verkauft sich besser als ein Obelix.“ Er achte er darauf, dass seine Zocker es nicht übertreiben. Süchtig werden soll bei ihm keiner. Das Risiko, sagt Dyck, sei aber gering, solange „man einen geregelten Tagesablauf und Freunde in der wirklichen Welt“ habe.

Einst belächelt, heute ein Massenphänomen: Der weltweite Siegeszug des E-Sports freut Michael Dyck. Doch er sieht ihn auch kritisch. Zu seiner aktiven Zeit sei man „stolz wie Hulle“ gewesen, beim Turnier die Konkurrenz zu schlagen. „Heute geht’s nur noch ums Geld.“ Die besten Gamer wechseln von Team zu Team, je nachdem, wer ihnen am meisten biete. „Dieses Söldnertum kann ich nicht leiden. Ich mag Spieler mit Herz“, sagt Dyck. Für die hat der dreifache Vater im Enro-Griffins-Vereinsheim immer einen Rechner frei.

AB

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