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00:00 03.02.2018
Mario Gruschvitz verzichtet bewusst auf einen Internetanschluss. Seinen Computer nutzt er nur zur Textverarbeitung. Quelle: Foto: Uwe Driest
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Bergen

„Ich kann nur zu bestimmten Zeiten ins Internet, sonst ist es quälend langsam“ klagt Christel Thürke. Sie lebt auf Hiddensee und musste selbst auf den Anschluss schon ein halbes Jahr warten. Ähnlich geht es Anita Bürger aus Venzvitz. Sie arbeitet für das Magazin einer Rügener Hotelgruppe und kann ihre Arbeit in den heimischen vier Wänden südlich von Poseritz erledigen. Theoretisch. Das Home Office scheitert jedoch an der Internetverbindung. Mit einer Geschwindigkeit von „schwindelerregenden“ 300 Kilobyte versorgt sie der Anbieter ihrer Wahl .

Leben offline

20 Prozent der Deutschen sind im Durchschnitt offline. Während die Zahl in Hamburg bei nur 14 Prozent liegt, ist MV mit 28 Prozent Offline- Spitzenreiter.

Gründe dafür sind Zufriedenheit mit klassischen Medien, Delegierung an Kinder oder Freunde, Desinteresse oder Sicherheitsbedenken oder schlicht das Alter.

„Bei mir ist es oft einfacher, zum Postkasten zu gehen, als die E-Mails abzurufen“, sagt Anita Bürger. An manchen Tagen fährt sie den Rechner mehrmals hoch, in der Hoffnung auf Besserung. Wenn sie dann bei der Störungsstelle anruft und einen Mitarbeiter sprechen möchte, heißt es oft: „Die Wartezeit beträgt zur Zeit 90 Minuten“. „Wenn ich dann nervlich am Ende bin oder viele Fotos zu versenden habe, fahre ich immer ins Hotel meines Arbeitgebers“, so Bürger. „Es kann ja manchmal ganz schön sein, wenn man nicht jederzeit erreichbar ist ist, aber das würde man natürlich ganz gern selber entscheiden.“

Mehr oder weniger freiwillig ist etwa jeder fünfte Deutsche vom Internet abgehängt. Die typischen Offliner sind Studien zufolge weiblich, älter und leben überwiegend in Ostdeutschland. Dem Klischee entspricht Mario Gruschvitz nur zum Teil. Der 55-Jährige wohnt in der Hermann-Matern-Straße in Bergen-Süd und traf seine Entscheidung gegen einen Internetanschluss ganz bewusst. Ein Leben ohne Radio, Fernsehen und Telefon mag sich der gelernte Ingenieur zwar nicht vorstellen, aber schon sein Handy hat noch Tasten zum Drücken.

Zwar steht immerhin ein Computer im Wohnzimmer von Mario Gruschvitz, den nutzt er aber nur für gelegentliche Schreibarbeiten. „Wenn ich mich vertippe, fällt die Korrektur leichter als bei einer Schreibmaschine“, sagt er. Das Internet brauche er nicht. Es würden darin zu viele Dinge geschehen, die ihn abschrecken. „Manchmal hat man den Eindruck, im Netz tummeln sich vor allem Hacker, Betrüger und Pädophile.“

Dass das Internet gerade für ihn als Schwerbehinderten, der zudem im fünften Stock wohnt, auch Vorteile bieten könnte, sieht er schon. Aber auch den Weg zur Bank legt er gern zurück. „Vielleicht würde ich auch neue Informationen über meine Krankheit erhalten, die sollten sich aber auch unter Ärzten herumsprechen“, findet er. Auch auf den Austausch mit Leidensgenossen in Foren kann er verzichten, und in den Sozialen Netzwerken „schreibt doch jeder nur unqualifiziert, was ihm gerade einfällt“. Das diene in der Regel nur der Selbstbestätigung, und die sogenannten „Freundschaften“

würden in der Regel oberflächlich bleiben.

„Gerade Kindern und Jugendlichen entgehen heutzutage durch die permanente Präsenz im Netz echte Begegnungen mit echten Menschen“, glaubt Gruschvitz. „Ich habe es schon erlebt, dass so ein Jugendlicher selbst bei Familienfeiern nicht hochguckt und das Essen auf dem Teller kalt wird.“

Von medialen Informationskanälen abgeschnitten zu sein, kennt Mario Gruschvitz schon aus DDR-Zeiten. „Wir konnten hier ja kein Westfernsehen empfangen, und ARD hieß damals ,Außer Rügen und Dresden’“.

Seine durch Internet-Abstinenz gewonnene Zeit nutzt er vor allem zur Lektüre seiner Tageszeitung – und in den Regalen stehen dicke Schmöker von Ken Follett bis Charlotte Link. Ob dann nicht ein E-Book angesagt wäre? Netter Versuch – er habe jedoch lieber ein Buch in der Hand. Und setzt hinzu: „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es mein Leben bereichern würde, wenn ich vom Auto aus die Heizung in meiner Wohnung anstellen kann.“

Soziologen stellen eine allmählichen Trendwende gerade auch unter jungen Menschen fest. Immer mehr Nutzer der nachwachsenden Generation würden sich vornehmen, in Zukunft öfter bewusst offline zu sein. So betrachtet, liegt Mario Gruschvitz dann wieder voll im Trend.

Uwe Driest

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