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Verfällt unsere Sprache durch WhatsApp, Facebook und Co.?

Kommunikation: Verfällt unsere Sprache durch WhatsApp, Facebook und Co.?

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14:19 30.01.2020
So könnte es aussehen, wenn sich zwei Jugendliche über WhatsApp verabreden. Quelle: Frank Söllner
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Rostock

„Kb auf lern“, „späta party?“ oder „Lol bin noch schule“: Solche Wortfetzen sind in den Chats Jugendlicher gang und gäbe. Dort ist Grammatik und Zeichensetzung egal – es herrscht Rechtschreib-Anarchie. Sprachpuristen und Lehrer bangen daher schon seit Jahren um die sprachlichen Fähigkeiten der jungen Leute. Eine Expertin kann jedoch beruhigen: Die digitale Kommunikation könne sogar die Kompetenzen im Sprachgebrauch fördern.

Die Jugend bleibt gelassen

WhatsApp, Email, Twitter – ständig tippen Jugendliche und auch Erwachsene kurze Nachrichten in ihre Smartphones. Die bewusste Entscheidung für eine Ausdrucksweise je nach Situation und Gesprächspartner meinen zumindest einige Schüler der Borwinschule in Rostock noch treffen zu können. „Ich kann es unterscheiden, ob ich im Chat mit Freunden schreibe oder einen Aufsatz im Deutschunterricht“, so Anna Maria Hamann (18).

Anna Maria Hamann (18) kann sich je nach Situation und Gesprächspartner anders ausdrücken. Quelle: Leonie Drees

In Chats verwenden sie und ihre Klassenkameraden bewusst einen Slang mit Abkürzungen wie thx (“thanks“), lol (“laughing out loud“) oder u (“you“). „Weil wir öfter miteinander schreiben, haben wir uns einfach viel mehr angewöhnt, Abkürzungen zu verwenden“, vermutet eine Mitschülerin. „Ich glaube, das ist einfach Faulheit“, ergänzt Anna Maria. Ihre Generation sei aber auch nicht die Erste, die zu solchen Mitteln greift: „Auch in den Emails meiner Eltern sind mir schon Abkürzungen wie LG und MFG aufgefallen.“

Persönliches Gespräch oder Twitter – Jugendliche differenzieren

Prof. Dr. Konstanze Marx, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Greifswald, spricht sogar von einer Erweiterung der Kompetenzen durch den Gebrauch der sozialen Medien. „Früher war es kaum üblich, Schriftsprache für den informellen Austausch zu nutzen. Heute geht das und noch dazu auf unterschiedlichen Plattformen. Auf diesen herrschen wiederum unterschiedliche Kommunikationsbedingungen, an die wir uns anpassen.“

So werde Twitter eher im Nachrichtenstil oder auch ironisch genutzt, wohingegen WhatsApp als Ersatz der mündlichen Kommunikation von Angesicht zu Angesicht diene. „Jugendliche und auch Erwachsene können dabei situationsbedingt entscheiden, an wen sie sich richten.“ Genauso sei es bei einem persönlichen Gespräch. „Sie würden sich ja auch mit ihrem Vorgesetzten anders unterhalten als mit Ihren Kindern oder Freunden“, stellt Marx fest.

Erik Wendlandt (19) aus Stralsund ist bei sich selbst noch keine Sprachveränderung durch die neuen Medien aufgefallen. Quelle: Christian Rödel

Erik Wendlandt (19) aus Stralsund hat die Auswirkungen auf die deutsche Sprache durch das Chatten noch nicht gespürt:„An mir selbst ist eine Sprachveränderung durch die neuen Medien noch nicht aufgefallen, aber an anderen schon, wenn sie seltsame Abkürzungen benutzen.“ Auch Lukas Gesien (17), Zwölftklässler am Innerstädtischen Gymnasium (ISG) aus Rostock, vernachlässigt die grammatischen Regeln bei der Online-Kommunikation. „Beim Chatten bin ich zwar ein Kommaverfechter, die Unterscheidung von Groß- und Kleinschreibung fällt aber meistens hinten über.“

Sprachwissenschaftlerin gibt Entwarnung

Vor allem die Jüngeren, bei denen Grammatik und Rechtschreibung noch nicht gefestigt ist, könnten gar kein anständiges Deutsch mehr lernen, lautet der Vorwurf von einigen Sprachbewahrern. Sprachwissenschaftlerin Marx kann diese Kritik nicht teilen: „Studien können nicht belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen mangelhafter Rechtschreibung und der Nutzung sozialer Medien gibt. Grundschüler müssen schließlich erst die Schriftsprache erlernen, bevor sie überhaupt Texte auf WhatsApp verfassen können.“ Wenn Rechtschreibprobleme auftreten, solle man das weniger auf die neuen Medien schieben, meint Marx.

Auch im Kollegium des Innerstädtischen Gymnasiums (ISG) in Rostock wird das Thema des vermeintlichen Sprachverfalls heiß diskutiert. Dort wurden allerdings andere Beobachtungen gemacht: „Wir stellen fest, dass das Wissen über die richtigen grammatischen Regeln und die Orthografiekenntnisse in den letzten Jahren abgenommen haben“, beklagt Christian Taszarek, Deutschlehrer am ISG. Bei höher werdenden Ansprüchen an den Unterricht und bei vielen Themenfeldern bleibe für seine Schüler zudem weniger Zeit für die Übung der Grammatik und Rechtschreibung. „Das Entscheidende ist aber, dass Schüler die kontextgebundene Kommunikation unterscheiden können“, so Taszarek. Seine Schüler seien dazu in der Lage.

„Abkürzungen und Anglizismen aus den sozialen Medien sind unproblematisch, wenn sie noch allgemeinverständlich für Jung und Alt sind“, so Tobias Wilmes (32) aus Stralsund Quelle: Christian Rödel

Emojis als Ersatz für Sprache

Eine weitere Bedeutungsebene in der Welt der Kurznachrichten sind Emojis. An den kleinen Bildchen kommt man in Online-Chats nicht vorbei. Ihr Repertoire geht inzwischen weit über die einfache Darstellung von Gesichtern hinaus: Vom Gehirn über Dinosaurier bis zu drei Affen, die nichts sehen, hören und sagen – heute gibt es für fast jede Situation das passende Bild. Emojis dienen dabei häufig als Ersatz für Satzzeichen oder sie verdeutlichen die Atmosphäre des Textes, so Sprachwissenschaftlerin Konstanze Marx. Ihre Bedeutung sei aber immer vage, daher funktionieren sie nicht als eigene Sprache.

Für den Schüler Lukas Gesien (17) dient WhatsApp als Kommunikationsmittel um schnelle Absprachen zu treffen. Quelle: Leonie Drees

Der Schüler Lukas Gesien (17) nutzt die kleinen Piktogramme häufig um seine Aussagen zu unterstützen. „Bei Nachrichten kann man einiges falsch oder zweideutig verstehen. Dann können Emojis beeinflussen, wie es verstanden werden soll.“ Den Tränen lachenden Smiley verschicke er besonders oft.

Von Leonie Drees