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11:36 23.01.2018
Marco Wagner (39) und Freundin Lisa Krüger (23) haben zu Hause gar keinen Empfang. Sie müssen zu MCDonalds fahren, um etwa Onlinebanking zu erledigen. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Kirch Baggendorf

Liebe oder Internet? Vor dieser Wahl stand Marco Wagner vor einem halben Jahr. Der 39-Jährige folgte dem Ruf seines Herzens und zog von Rostock zu seiner Lebensgefährtin Lisa Krüger und seinen künftigen Schwiegereltern. Raus aufs Land, und das so richtig: Kirch Baggendorf im Landkreis Vorpommern-Rügen liegt zwischen Grimmen und Tribsees. Die Gemeinde Gransebieth, zu der das Dorf gehört, zählt keine 600 Einwohner. Wenige Menschen, noch weniger Internet. „Wir sind hier völlig abgehängt“, sagt Marco Wagner.

Der Ex-Großstädter ist nun ein glückliches Landei. Das gemeinsame Kind soll Anfang Mai zur Welt kommen, die Hochzeit ist bereits fest geplant. Wenn da nicht die Sache mit dem fehlenden Netzanschluss wäre.

„Früher hatten wir wenigstens noch etwas Internet“, erzählt Lisa Krüger (23). Über die Telefonleitung mit einem 56k-Modem – in den 1990er-Jahren, als sie noch nicht geboren war, war das Stand der Technik – konnte die Physiotherapeutin vor ein paar Jahren noch gemächlich durchs Netz schleichen. „Zum E-Mails lesen reichte das damals noch“, sagt Lisa Krüger. Doch inzwischen klappt das nicht mehr, die Uralt-Technik hat vorm gewachsenen Datenhunger des Netzes längst kapituliert.

Und wie ist das Leben ohne Internet so? „Wir informieren uns aus der Zeitung und dem Fernsehen“, sagt Wagner. Das reiche für vieles, seine Demnächst-Schwiegereltern vermissen nichts. Mit dem Handy telefonieren ist auch nur bei gutem Wetter möglich. „Jungen Leuten reicht das nicht“, meint der neue Landbewohner. Filme oder Serien gucken bei Netflix? Vom Sofa aus Shoppen bei Ebay? Leider nicht möglich in Kirch Baggendorf.

Wagner ist gelernter Kraftfahrer und macht gerade in Stralsund eine Umschulung zum Kfz-Mechatroniker. Der Ex-Rostocker hatte sein Leben weitgehend digitalisiert – Bankangelegenheiten, einkaufen – vieles erledigt er im Netz. Das geht jetzt auch noch. Aber nur, wenn er sich ins Auto setzt und in einer Viertelstunde zum Pommerndreieck an die A 20 fährt. Denn dort gibt es bei McDonalds freies Wlan.

Die junge Familie fühlt sich ausgeschlossen. „Gerade auf dem Land wäre Einkaufen im Netz wichtig“, sagt Lisa Krüger. Im Dorf gibt es nicht einmal ein Lebensmittelgeschäft. Für jede Kleinigkeit fährt man nach Stralsund oder nach Grimmen. Günstigere Sachen gebe es oft ebenfalls nur im Internet. Es ist einfach ungerecht, meint Lisa Krüger, sie muss weit fahren und dann auch noch mehr bezahlen. Marco Wagner bastelt in seiner Freizeit an Autos. Die nötigen Ersatzteile bestellt er im Internet – was seit seinem Umzug stets mit einem Besuch beim Hamburger-Schnellrestaurant am Pommerndreieck verbunden ist.

Auch für ihr Berufsleben vermissen beide das Netz. Er muss für seine Umschulung regelmäßig online Ausbildungsinhalte recherchieren. Sie informiert sich beispielsweise über Weiterbildungen, die wichtig seien, um im Job weiterzukommen. „Meistens kann man sich dafür nur noch online anmelden“, sagt sie. Vor ein paar Tagen fand Lisa Krüger eine Mahnung in ihrem Briefkasten, weil sie einen Kurs nicht bezahlt hatte. Die Rechnung, die dem vorangegangen war, kannte sie noch gar nicht. Die war per E-Mail gekommen, die Physiotherapeutin war mangels Gelegenheit nicht dazu gekommen, die Datei herunterzuladen. „Die Post ist bei uns schneller als das Internet“, sagt die junge Landbewohnerin und lacht.

Bis Ende 2019 soll endlich das schnelle Internet auch in Kirch Baggendorf Alltag werden, im Rahmen des Bundesprogramms zum Breitbandausbau. Damit das ersehnte Glasfaserkabel unter die Erde kommt, müssen Straßen aufgerissen werden – was innerhalb des vergangenen Jahres gleich zweimal in der Umgebung geschehen sei. Nun muss der Bagger bald wieder ran. „Ich kann nicht verstehen, dass solche Arbeiten nicht koordiniert werden“, kritisiert Wagner.

Dass es beim versprochenen Zeitplan für den Breitbandanschluss bleibt, mag er nicht so recht glauben. „Mir fehlt das Vertrauen“, sagt der angehende Familienvater. Aber schön wäre es natürlich trotzdem, eines Tages dicke Windelpakete im Internet ordern zu können. Dann hätte sich der Umzug noch mehr gelohnt als jetzt schon.

Neue OZ-Serie zur Digitalisierung in MV

Wie viel Internet braucht ein Mensch? Dieser Frage geht die OZ in der neuen Serie „MVverNETZt“ nach. Wir zeigen die Funklöcher in MV, testen die realen Übertragungsraten, treffen Betroffene, die bislang von der digitalen Welt fast oder komplett abgehängt sind, und stellen Menschen vor, für die ein Breitband-Zugang überlebenswichtig ist.

Ist Ihr Internet zu langsam? Wir suchen Familien und Firmen, die gern flottes Netz hätten, darauf aber warten müssen. Rufen Sie an (03 81 / 36 53 83) oder schreiben Sie uns:

reporter@ostsee-zeitung.de.

Gerald Kleine Wördemann

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