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Greifswald 30 Jahre Mauerfall: „Helden waren wir alle nicht“
Vorpommern Greifswald 30 Jahre Mauerfall: „Helden waren wir alle nicht“
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15:12 10.11.2019
Thomas Meyer, Hulda Kalhorn und Arndt Noack berichteten beim Forum im Dom, was ihnen aus Anlass des 30. Jahrestages des Mauerfalls durch den Kopf geht. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von NDR-Redakteur Mattes Klemme. Quelle: Petra Hase
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Greifswald

Erlebt hat Hulda Kalhorn die friedliche Revolution in der DDR nicht. „Nach dem Mauerfall hat es noch elf Jahre gedauert, bis ich geboren wurde“, sagt die 19-Jährige, jüngstes Greifswalder Bürgerschaftsmitglied (Alternative Liste). Trotzdem sei ihre Generation von den Ereignissen noch immer betroffen, spüre sie die Nachwehen der jahrzehntelangen Trennung der Deutschen. Spüre sie, wie sich Menschen hierzulande unzufrieden, ja zurückgelassen fühlen. „Ich würde mir daher wünschen“, so Kalhorn, „dass es wieder so einen Geist gibt wie vor 30 Jahren, der die Menschen im Denken und Handeln vereint und sie nicht in ihrem eigenen kleinen Horizont belässt.“

Die junge Frau gehörte neben dem Physiker und Bürgerschaftsmitglied Thomas Meyer (Bürgerliste) sowie Arndt Noack, Pastor a.D., zu den Podiumsgästen des Forums „Erinnerung – Gegenwart – Zukunft“, das am Sonnabend mehr als 200 Besucher im Dom St. Nikolai vereinte. Initiiert von der Stadtökumene in Kooperation mit der Hansestadt Greifswald, der offenen Jugendarbeit der drei evangelischen Altstadtgemeinden (Just) und dem Koeppenhaus wolle man gemeinsam an die dramatischen Wochen und Monate um den 9. November 1989 erinnern, so Dompastor Tilman Beyrich. Und so lud er gemeinsam mit Pastorenkollegen in guter Tradition zum Friedensgebet, zu Musik und bewegenden Gesprächen.

Mensagespräche und Friedensgebete

Wann genau die politische Wende nach Greifswald kam, weiß Thomas Meyer, der sich damals in der Bürgerbewegung Neues Forum engagierte, nicht mehr so ganz genau: „Nach Pommern kommt ja alles etwas später“, erheiterte der 65-Jährige die Zuhörer. Im Friedenskreis der Christuskirche und im Gesprächskreis um den damaligen Pfarrer und späteren Oberbürgermeister Reinhard Glöckner hätten sich zunehmend Menschen zusammengefunden, die etwas an den Verhältnissen in der DDR verändern wollten. Den 9. November jedoch habe er noch plastisch in Erinnerung: „Damals fand eines der berühmten Mensaforen statt“, so Meyer. Als die Nachricht von der offenen Grenze kam, habe man spontan die Nationalhymne der DDR angestimmt und danach jene der BRD.

Eine spannende, eine bewegende Zeit, versicherte auch Arndt Noack, der damals Studentenpfarrer in Greifswald war. Unter dem Dach der Kirche, die einen gewissen Schutz geboten habe, fand man sich zu Friedensgebeten zusammen. „Nicht nur das Bildungsbürgertum, sondern Menschen aus allen Schichten“, erinnerte er sich. Dennoch: „Helden waren wir alle nicht“, sagte der 67-Jährige, wenngleich er heute noch jenen Studenten Respekt zollt, „die mit ihren Aktivitäten auch ein Stück ihrer Karriere riskierten. Da war schon viel Mut.“

Doch was bleibt und wie gehen wir heute angesichts eines rauer werdenden Windes in der Politik mit dem Erlebten um, fragte NDR-Journalist Mattes Klemme, der das Podiumsgespräch moderierte. „Mir macht Sorge, dass die Tagespolitik heute sehr getrieben ist. Der Hass dominiert“, gab Meyer zu bedenken, der sich wie Kalhorn ein Stück jenes Geistes vom Herbst 1989 zurückwünschte. „Ziel war damals eine solidarische Gesellschaft – nicht auf Kosten anderer und nicht auf Kosten der Natur“, sagte Arndt Noack. Deshalb brauche man heute wieder eine Wende, um sich daran zu erinnern.

Was bedeutet Freiheit heute?

Und wie sehen das andere? Was bedeutet den Menschen heute die Freiheit? Wofür würden sie heute auf die Straße gehen? Antworten auf diese und andere Fragen gibt eine von Gertrud Fahr in Zusammenarbeit mit Helfern erschaffene Installation im Dom, die den Titel „Wendezeichen“ trägt. Die Idee zu der Kartenaktion als Beitrag zum Jahrestag des Mauerfalls wurde im Koeppenhaus geboren. „Denn wir brauchen eine strukturelle Debatte darüber, wie wir das Trauma der Wiedervereinigung beheben“, sagte Projektkoordinatorin Kati Mattutat.

Auch Greifswalds Oberbürgermeister Stefan Fassbinder (Grüne) ermunterte mit seiner Rede die Anwesenden, das Erlebte zu rekapitulieren. Erinnerung könne sehr heilsam sein, sofern man ehrlich zu sich selbst sei. „30 Jahre danach sind längst nicht alle Wunden verheilt“, erklärte schließlich Hinrich Kuessner, einer der damaligen Aktivisten, später Minister und Landtagspräsident von MV. Gespräche über jene Zeit seien notwendiger denn je – deshalb schlage er vor, mit „Erinnerungszeichen“ jene Orte ins Gedächtnis zurückzuholen, die damals für die friedliche Revolution so bedeutsam waren.

„Erinnerung – Gegenwart – Zukunft“ lautete der Titel einer Veranstaltung, die am Sonnabend im Dom St. Nikolai stattfand.

Von Petra Hase

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