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Greifswald Ärztemangel beim Rehasport
Vorpommern Greifswald Ärztemangel beim Rehasport
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16:01 15.02.2019
Wassergymnastik beim Reha-Sportverein Greifswald. Die Kapazitäten sind begrenzt, die Wartelisten entsprechend lang.
Wassergymnastik beim Reha-Sportverein Greifswald. Die Kapazitäten sind begrenzt, die Wartelisten entsprechend lang. Quelle: Birgitt Teschke
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Greifswald

Aktiv sein, etwas für die Gesundheit tun, Geselligkeit leben. Der Rehabilitationssportverein Greifswald gehört mit 768 Mitgliedern und doppelt so vielen Kursteilnehmern zu den größten Sportorganisationen in der Stadt. Doch zunehmend plagen ihn Sorgen. „Wir stehen mit dem Rücken mittlerweile an der Wand, können dem Bedarf nicht mehr entsprechen, weil Übungsleiter und Ärzte fehlen. Ändert sich nichts, müssen womöglich Gruppen schließen“, sagt Geschäftsführerin Birgitt Teschke.

Akut betroffen seien derzeit die elf Herzsportgruppen des Vereins. In ihnen sind Menschen mit unterschiedlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen aktiv, die eine ärztliche Verordnung für die Kursteilnahme bekommen haben. Die bundesweit geltenden Richtlinien für den Rehasport schreiben vor, dass diese Gruppen neben einem Trainer auch von einem Arzt betreut werden. Doch genau das wird zunehmend zur Herausforderung. „Demnächst wird uns nämlich wieder eine Ärztin aus Altersgründen verlassen. Damit steht die Existenz einer weiteren Herzsportgruppe mit 20 hochmotivierten Teilnehmern auf dem Spiel. Vor Jahren hatten wir noch 15 dieser Gruppen“, verdeutlicht Teschke. Besserung sei nicht in Sicht. Im Gegenteil: „Der Altersdurchschnitt der sechs Ärzte, die uns die Treue halten, liegt bei 76 Jahren“, sagt sie.

Und die Situation bei den Übungsleitern sei nicht viel besser. „Wir haben zwar mit Sebastian Horning und Laura Braun kürzlich zwei junge, motivierte Trainer gewinnen können“, freut sich die Vereinsgeschäftsführerin. Damit gebe es für die 64 Gruppen momentan 18 Übungsleiter. Den Bedarf decke das jedoch nicht. Für Kurse der Wirbelsäulengymnasitik bestehe beispielsweise sechs Wochen Wartezeit, für die Wassergymnastik fünf Monate. Wobei letzteres auch mit den begrenzten Schwimmbecken-Kapazitäten in Greifswald zu tun habe. Noch düstere Aussichten malt Birgitt Teschke für den Herzsport: „Tut sich nichts, werden die Patienten, die nach einer Herzoperation oder mit chronischen Herzerkrankungen zu uns kommen, wohl bald sechs bis acht Monate auf eine Kursteilnahme warten müssen“, befürchtet sie.

Mike Volkert, Vorsitzender des Rehasportvereins, sieht die mangelnde Bereitschaft von Ärzten zur Betreuung der Herzsportgruppen ebenfalls mit großer Sorge: „Das Dilemma ist ja, dass laut Reha-Verordnung immer ein Arzt anwesend sein muss. Da gibt es keinen Spielraum“, sagt er.

Das bestätigt Christin Ufer vom Vorstand des Deutschen Rehasportvereins mit Sitz in Berlin und meint deshalb: „Werden die Richtlinien nicht verändert, nehmen die Angebote bald überall ab.“ Denn mit dieser Not am Arzt, der übrigens kein Kardiologe sein muss, stehe Greifswald nicht alleine da. Ufer spricht von einem bundesweiten Phänomen. Zwar gebe es durchaus regionale Unterschiede, doch grundsätzlich mangele es sehr vielen Vereinen an Ärzten. „Viele sind einfach nicht mehr bereit, für geringes Geld ehrenamtlich zu arbeiten“, sagt sie. Das sieht Mike Volkert anders: „Es geht nicht ums Geld. Ich habe schon mit vielen Ärzten gesprochen. Das Problem ist: Gehen sie nach ihrem Arbeitsleben in Rente, sind sie so erledigt, dass sie nur noch die Freizeit genießen wollen.“

Simone Tammert gehört zu den Übungsleitern des Reha-Sportvereins Greifswald. Quelle: Birgitt Teschke

Doch Fakt ist: „Menschen mit Herzerkrankungen brauchen dringend Bewegung. Das ist das A und O“, sagt Prof. Wolfgang Motz, Direktor der Klinik für Kardiologie Karlsburg. Fehle die Bewegung, komme es nicht nur zu Gewichtsproblemen, sondern auch zu Muskelschwund, wachse zudem die Gefahr weiterer Erkrankungen. „Herzsportgruppen sind deshalb immens wichtig, müssen erhalten werden“, sagt Motz und versichert gegenüber OZ, mit Kollegen das Thema der fehlenden Ärzte anpacken zu wollen: „Da müssen wir unbedingt etwas tun.“

Menschen wie Joachim Copius begrüßen derlei Engagement, auch wenn der Greifswalder seine Aktivitäten im Rehasportverein aufgrund des fortgeschrittenen Alters mittlerweile einschränken muss. Seit 20 Jahren besucht der heute 88-Jährige verschiedene Kurse. Anlass war für ihn, wie für andere Mitstreiter auch, ein Herzinfarkt. „Damals wurde mir von den Ärzten sportliche Betätigung empfohlen“, sagt der emeritierte Geschichtsprofessor. Die tue ihm nach wie vor gut, halte ihn fit. Doch nicht nur das schätze er an den Kursen. „Wir unternehmen auch nach dem Sport mal etwas zusammen“, sagt Copius. Und so habe der Sport auch immer eine soziale Komponente, stärke die Gemeinschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Petra Hase