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Greifswald Gedenken an Neonazi-Opfer in Greifswald: „Wir alle haben versagt“
Vorpommern Greifswald Gedenken an Neonazi-Opfer in Greifswald: „Wir alle haben versagt“
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16:26 26.11.2019
Bei der Gedenkveranstaltung für den im Jahr 2000 von Neonazis erschlagenen Obdachlosen Eckard Rütz legen die Teilnehmer Kränze nieder und entzünden Kerzen am Gedenkstein des Verstorbenen. Quelle: Flemming Goldbecher
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Greifswald

Ernste Gesichter und betretenes Schweigen prägten die Szenerie vor dem alten Mensagebäude der Universität Greifswald am Montagabend. Etwa 100 Menschen hatten sich Am Schießwall versammelt, um dem im Jahr 2000 ermordeten Obdachlosen Eckard Rütz zu gedenken. Sie legten Kränze an seinem Gedenkstein nieder und entzündeten Kerzen. Ein Redner des Bündnisses „Schon vergessen?“ erinnerte an die grausame Tat vor 19 Jahren.

Drei Neonazis, von denen zwei 16 und einer 21 Jahre alt waren, hatten den wehrlosen Rütz mit Baumstützpfählen zu Tode geprügelt. Sie alle wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt. Während der Gerichtsverhandlung äußerte sich einer der Täter zum Mord am damals 42-jährigen Rütz mit den Worten: „Er hat dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche gelegen.“

Die drei Täter wurden später vom Landgericht Stralsund wegen versuchten und vollendeten Mordes zu Freiheitsstrafen zwischen sieben und zehn Jahren verurteilt.

„Wir alle haben versagt“

So etwas könne nur passieren, wenn die Gesellschaft wegsieht, ist sich Delphine Wollenberg vom Regionalzentrum für demokratische Kultur Vorpommern-Greifswald sicher. In ihrer Rede forderte sie die Mitglieder der Gesellschaft zu mehr Zivilcourage auf: „Es gab keine Rettung für Eckard Rütz, weil wir alle versagt haben, sein Leben und seine Würde zu schützen.“ Zudem betonte sie die Gefahr von Rechts: „Nazis sind in allen Positionen der Gesellschaft vertreten. Wir müssen uns ihnen entgegenstellen, wo wir können!“

Michael Mahlburg, Pastor der Jacobikirche, stimmte Wollenberg zu und mahnte darüber hinaus zur Vorsicht: „Es ist kaum vorstellbar, was hier vor 19 Jahren passiert ist, aber es kann jeden von uns jederzeit treffen.“

Aktionswoche thematisiert Todesstrafe

Die Gedenkveranstaltung am Todestag von Eckard Rütz bildete den Auftakt der Aktionswoche „Cities for Life“ – Greifswalder Aktionswoche gegen die Todesstrafe. Am 27. November findet im Foyer des Theaters Vorpommern um 17 Uhr eine Lesung von Schauspielern aus Abschiedsbriefen von zum Tode verurteilten Widerstandskämpfern gegen das Nazi-Regime statt. Am 28. November gibt es um 19 Uhr im St. Spiritus einen Vortrag des Rechtsanwalts Jochen Lansky mit dem Titel „Zur Todesstrafe in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“. Einen Tag später lädt der Dom St. Nikolai zwischen 21 Uhr und Mitternacht zu Orgelmusik ein. Während der gesamten Aktionswoche wird ebenfalls im Dom die Ausstellung „‚Lasst mich ich selbst sein‘ – das Leben der Anne Frank“ gezeigt. Am Sonnabend gibt es um 12 Uhr ein Friedensgebet mit Glockengeläut im Dom St. Nikolai.

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Von Flemming Goldbecher

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