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Greifswald Anwohner begrüßen mehr Sicherheit im neuen EWN-Zwischenlager
Vorpommern Greifswald Anwohner begrüßen mehr Sicherheit im neuen EWN-Zwischenlager
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16:31 18.05.2019
Wie langfristig muss ein Zwischenlager sein? Claudia Schulz (li.) und Ulrike Berger (beide Grüne) im Gespräch mit EWN-Geschäftsführer Henry Cordes.
Wie langfristig muss ein Zwischenlager sein? Claudia Schulz (li.) und Ulrike Berger (beide Grüne) im Gespräch mit EWN-Geschäftsführer Henry Cordes. Quelle: Anne Ziebarth
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Lubmin

Der große Ansturm blieb aus bei der Veranstaltung des Entsorgungswerks für Nuklearanlagen (EWN). Obwohl man ja nicht alle Tage die Pläne für den Bau eines neuen atomaren Zwischenlagers vorgestellt bekommt, kamen bis zum frühen Nachmittag nur rund 50 Interessenten zur Infoveranstaltung auf dem Firmengelände, um ihre Fragen zum geplanten Bau des Zwischenlagers „Estral“ zu stellen. Der Bau des Zwischenlagers im nordöstlichen Bereich des Geländes ist nötig geworden, weil die Sicherheitsrichtlinien für die Aufbewahrung von radioaktivem Abfall nach der Katastrophe 2011 im Atomkraftwerk Fukushima verschärft wurden. Das neue Lager könnte 2026/27 in Betrieb genommen werden.

Viele Anwohner sehen Neubau positiv

Bei den meisten Anwohnern stieß das Vorhaben auf gute Resonanz. „Ich war damals gegen das geplante Kohlekraftwerk von Dong“, sagt etwa Hans Kittlaus (79) aus Lubmin. „Bedenken wegen der Radioaktivität habe ich bei diesem Bauprojekt aber nicht, ich denke die Sicherheitsstandards sind gut.“ Auch Maik Laubin aus Kröslin sieht den Estral-Bau positiv. „Alles, was die Lagerung des radioaktiven Abfalls sicherer macht, ist doch zu begrüßen“, sagt auch Maik Laubin aus Kröslin, der mit seiner ganzen Familie nach Lubmin gekommen ist. „Ich habe gehört, dass die Halle 8 derzeit nicht hundertprozentig gegen Gefahren aus der Luft geschützt ist.“ In der Halle 8 lagern die 74 Castor-Behälter mit hochradioaktivem Material, die künftig im neuen Zwischenlager Platz finden sollen.

Sicherheitsstandards erfüllt – trotzdem langfristig Neubau

Die Halle 8 sei sicher und erfülle alle Anforderungen, betont EWN-Geschäftsführer Henry Cordes. Das habe man mit temporären baulichen und personellen Maßnahmen sichergestellt – über Details könne er aus sicherheitstechnischen Gründen allerdings keine Auskunft geben. Nach einer Überprüfung sei man aber zu dem Entschluss gekommen, dass langfristig der Bau eines neuen Zwischenlagers die beste Option wäre. So ein Neubau ist ein kostspieliges Anliegen. „Wir sind erst in der Generalplanung, müssen also abwarten, was für Ergebnisse im Planungsprozess herauskommen“, so der 54-Jährige. „Wir gehen von einem zweistelligen Millionenbetrag aus.“

Das Entsorgungswerk für Nuklearanlagen plant den Bau eines neuen Zwischenlagers für die Lagerung von 74 Castorbehältern mit radioaktivem Inhalt. Quelle: EWN

Platz für „heiße Zelle“ wird vorgehalten

Eine sogenannte „heiße Zelle“ beinhalten die Pläne nicht. In dieser Vorrichtung könnten defekte Castorbehälter isoliert und über Roboterarme repariert werden. „Wir benötigen sie nicht“, sagt Henry Cordes und verweist auf ein Reparatursystem, bei dem defekte Castordeckel entweder ausgetauscht oder durch einen weiteren Verschluss eingekapselt werden können. „Sollte der Gesetzgeber das in 10 bis 15 Jahren anders sehen, können wir das Zwischenlager aber nachrüsten. Der Platz für eine heiße Zelle ist eingeplant.“ Sicherlich dürften auch finanzielle Gründe eine Rolle spielen. Der Bau einer heißen Zelle allein koste einen „mittleren zweistelligen Millionenbetrag.“

Grünen fordern langfristiges Konzept für Zwischenlager

Das lässt Ulrike Berger von den Grünen nicht gelten. „Die Endlagerung wird uns Milliardenkosten verursachen“, sagte sie. „Es ist nicht einzusehen, dass an einer heißen Zelle gespart wird.“ Man könne ja nicht davon ausgehen, das langfristig nur Schäden an der Castordeckeln auftreten würden. „Vielleicht ja auch am Boden oder an den Seiten“, sagt sie. „Wir wollen nicht, dass defekte Castoren durch die Republik gekarrt werden, nur weil es hier keine heiße Zelle gibt.“ Die Kritik richtet sie hauptsächlich an die Bundesregierung. „Wir brauchen ein deutlich langfristiger ausgerichtetes Konzept für Zwischenlager. Bis zum Jahr 2047 laufen die Genehmigungen aus und bis dahin sehe ich kein Endlager in Deutschland. Der Verzug ist zu groß.“ Heike Labahn aus Freest hält überhaupt nichts von den Plänen eines Zwischenlagers und glaubt nicht an ein schnelles Endlager. „Wenn das Zeug einmal eingelagert ist, kümmert sich doch keiner mehr drum“, befürchtet sie. „Vorpommern darf nicht auch noch zur Atom-Reste-Region werden. Wir sind in so vielen Bereichen Schlußlicht.“

Das Entsorgungswerk für Nuklearanlagen plant den Bau eines neuen Zwischenlagers für die Lagerung von 74 Castorbehältern mit radioaktivem Inhalt (Gebäude ganz rechts, Bildmitte). Quelle: EWN

Keine neuen Castorbehälter im Zwischenlager

„Ich finde den Neubau gut“, meint hingegen Udo Kuse aus Greifswald. „Wichtig ist mir vor allem, dass die Anzahl der hier gelagerten Castorbehälter auch in Zukunft nicht zunimmt“, sagt er. „Ich habe hier erfahren, dass das neue Lager für rund 100 Jahre ausgelegt ist und befürchte, so lange muss es auch halten. Ein Endlager ist doch noch lange nicht in Sicht.“ Eine größere Anzahl von Castorbehältern im Estral ist laut den Planungsunterlagen ausgeschlossen, es sei aber nach Angaben der Geschäftsführung von EWN gut möglich, dass sich der Anteil von schwach- und mittelradioaktivem Material auf dem Gelände noch erhöht. Die Aufbereitung und Dekontamination von solchem Abfall gehört zum Geschäftsfeld des Unternehmens EWN. Die Genehmigung bestehe für eine Menge von 15.000 Tonnen, derzeit sei man bei gerade einmal 10 Prozent der Summe. Diese Abfälle werden aber nicht dauerhaft gelagert. „Nach der Anlieferung und Aufbereitung werden die Abfälle wieder an den Eigentümer zurückgesandt“, so Henry Cordes.

Die EWN Entsorgungswerk für Nuklearanlagen GmbH ist ein bundeseigenes Unternehmen und verantwortlich für den Rückbau der Kernkraftwerke Greifswald und Rheinsberg, die Entsorgung der dabei anfallenden radioaktiven Materialien und den sicheren Betrieb des Zwischenlagers Nord. In geringem Umfang werden Aufträge von Dritten im nuklearen Rückbau und Entsorgung ausgeführt.

Das neue Zwischenlager Estral ist als ein monolithischer Stahlbetonbau mit 1,80 Meter dicken Außenwänden geplant. Das Gebäude wird 135 Meter lang, 65 Meter breit, 25 Meter hoch und bietet Platz für die 74 Castorbehälter mit radioktivem Material, die bisher in der Halle 8 gelagert werden. Die Umlagerung wurde erforderlich, um neue Sicherheitsstandards für Zwischenlager zu erfüllen, die nach dem Unglück von Fukushima 2011 erhöht wurden.

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Anne Ziebatrh