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Atom-Thema Neue Studie zu Sicherheitsrisiken im KKW
Vorpommern Greifswald Atom-Thema Neue Studie zu Sicherheitsrisiken im KKW
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06:38 10.10.2016
In einer Blockwarte des Kernkraftwerks Nord bei Lubmin. Quelle: Peter Binder
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Lubmin

Der Super-GAU des sowjetischen Kernkraftwerks Tschernobyl im Frühjahr 1986 erschütterte die Welt. Riesige Gebiete wurden radioaktiv verseucht, über 400000 Menschen umgesiedelt. Über Europa und Asien wehten wechselnde Winde eine radioaktive Wolke bis nach Amerika.

In der Bundesrepublik wurde danach das Ministerium für Umwelt-, Naturschutz und Reaktorsicherheit gegründet. Auch in der DDR führte das Ereignis zu kritischen Diskussionen, obwohl die große Mehrheit der Ostdeutschen die Kernenergie nicht in Frage stellte.

Bis 1986 hielten die Verantwortlichen des Kernkraftwerks bei Lubmin eine „solche Havarie für theoretisch zwar möglich, aber praktisch für ausgeschlossen“, schreibt der Historiker Sebastian Stude in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Zeitgeschichte regional“. „Unter Hinweis auf einen anderen Reaktortyp (Graphit-Reaktor in Tschernobyl / Druckwasserreaktoren in Lubmin/eob) und angeblich individuelles menschliches Fehlverhalten schloss man öffentlich zwar weiterhin die Möglichkeit eines Super-GAUs wie in Tschernobyl am Greifswalder Bodden aus. Insgeheim aber entwickelten die Betriebsleitung und die Staatssicherheit verschärfte Sicherheitsmaßnahmen und Katastrophenplanungen.“ Unter anderem wurden Sicherheitstechnik der Firma Siemens importiert und der Radius für Katastrophenplanungen von zehn auf 30 Kilometer vergrößert. Damit lag auch Greifswald nunmehr in diesem Bereich.

Sebastian Stude hat für seinen Aufsatz „Das geheime Risiko. Das Kernkraftwerk Tschernobyl und das Ministerium für Staatssicherheit“ umfangreiche Akten der Stasiunterlagenbehörde ausgewertet. Demnach gab es spätestens seit den 1980er Jahren interne Analysen, in denen Risiken „ebenso deutlich benannt wurden wie die Tatsache, dass die ostdeutschen Kernkraftwerke internationale Sicherheitsstandards nicht erfüllten“. Aber, so die Verantwortlichen mit Blick auf die in Betrieb befindlichen Blöcke eins bis vier: „Ein sicherer Betrieb wird dennoch gewährleistet durch: strikte Einhaltung der Vorschriften und Grenzwerte bei Vorhandensein hochqualifizierten Personals; Einsatz effektiver Prüf- und Diagnosetechnik; sorgfältige Wartung, Instandhaltung und Rekonstruktion zur Erhöhung des Sicherheitsniveaus.“ Eine Aufklärung der Bevölkerung sah man nicht als notwendig an. Drei Katastrophenszenarien unter dem Decknamen „Heidewind“ wurden schon vor 1986 erarbeitet. Bei wenig Wind und damit geringer Verteilung des radioaktiven Materials ging man von einer Strahlenbelastung im Umkreis von einem Kilometer von bis zu 24000 rem (240 Sievert) und im Umkreis von 20 Kilometern von zehn Sievert aus. Derlei Belastungen sind in der Regel tödlich.

Sebastian Stude verweist auf weitere Gefährdungen der nuklearen Sicherheit vor der Tschernobyl-Katastrophe und nennt Beispiele der Jahre 1975, 1976 und 1982. Das MfS sei stets im Nachgang aktiv geworden und habe Ursachen und Schuldige gesucht.

Der Super-GAU in Tschernobyl führte dazu, dass große Mengen Frischmilch und frischer Salat und Rhabarber in der DDR unverkäuflich waren. Laut den MfS-Berichten waren viele Menschen besorgt und verunsichert. KKW-Generaldirektor Rainer Lehmann sprach 1987 vor DDR-Ministern von Restrisiken wie äußerer Gewalteinwirkung und ließ Modellrechnungen durchführen. Schon der Einsatz konventioneller Waffen ermögliche eine nukleare Havarie mit schwerwiegenden Folgen, hieß es.

Die MfS-Dienststelle

1981befahl Stasi-Chef Erich Mielke die Gründung einer eigenständigen Objektdienststelle des KKW. Sie zählte 1989 mit Schreibkräften, Wache und Reinigungskraft 25 offizielle und über 300 inoffizielle Mitarbeiter. Zu den Aufgaben gehörte laut dem Leiter die Kontrolle der Westkontakte der Kernkraftwerker, die Verhinderung von Spionage, Sabotage, Betriebsstörungen oder Havarien, die Durchsetzung von Ordnung, Sicherheit, Sauberkeit und Disziplin sowie die Umsetzung der staatlichen Personalpolitik. Nur zuverlässige Menschen sollten im KKW arbeiten.

Eckhard Oberdörfer

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