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Greifswald Greifswalder lebt künftig völlig autark
Vorpommern Greifswald Greifswalder lebt künftig völlig autark
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13:03 30.06.2019
Dr. Thorsten Altvater vor dem früheren Wohnhaus des Müllers, das in Ver- und Entsorgung autark ist Quelle: Eckhard Oberdörfer
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Greifswald

 Zwei Jahre hat Architekt Frank Bräsel Anträge geschrieben und auf Genehmigungen gewartet. Solche Genehmigungen sind zum Beispiel nötig, um von Anschlusszwang an die städtischen Abwasser- und Regenwasser in Greifswald befreit zu werden.

Gebaut wird nur 40 Wochen. Noch im Sommer kann der Kieferorthopäde Dr. Thorsten Altvater in sein Haus an der Stralsunder Landstraße einziehen. Es ist in Ver- und Entsorgung autark und damit etwas ganz Besonderes. Auch für Frank Bräsel, „In Klein Bünzow habe ich so ein Konzept in kleinerem Umfang schon mal umgesetzt“, erzählt er.

Architekt Frank Bräsel erläuterte das Konzept für das frühere Wohnhaus des Müllers Quelle: eob

Die Idee ökologischen Bauens für autarkes Wohnen ist faszinierend. Das belegen die vielen Besucher, die am Tag der Architektur am Sonnabend mehr darüber erfahren wollten.

Vor einem Jahrzehnt hat Thorsten Altvater das etwa 1880 gebaute Wohnhaus des Müllers neben der Holländerwindmühle kurz vor der Stadtgrenze erworben und verwirklicht hier nun seinen Traum. Das Haus wird inklusive historischer Fassade saniert. Auch das ist Altvater wichtig.

„Ich wollte ohne fossile Brennstoffe auskommen und die mit dem Grundstück gegebenen Möglichkeiten nutzen“, erzählt der Eigentümer über die Anfänge. Von dieser Grundidee aus entwickelte sich das Konzept. Für den Strom sorgt die Photovoltaikanlage auf dem Dach, für die Wärme die Ausnutzung der Temperaturunterschiede im Boden. Eine große Batterie und ein 800-Liter-Wasser-Speicher sichern in Mangelzeiten die Versorgung. Etwa eine Woche könne man beispielsweise mit dem Strom der Batterie auskommen, schätzt Bräsel. Trinkwasser kommt aus eigenem Brunnen. Das Abwasser wird in drei Stufen biologisch geklärt und über einen Graben Richtung Ryck geleitet. „Nicht benötigter Strom fließt in eine Cloud“, erläutert Bräsel. Das heißt, er wird kostenlos ins Netz eingespeist. Altvater hat dort ein virtuelles Konto und kann bei Bedarf kostenlos Strom in gleicher Menge aus dem Netz beziehen.

Dass der Bauherr nach vielen Jahren in der Summe sogar Geld spart, weil er nichts an Ver- und Entsorger bezahlen muss, davon ist Frank Bräsel allerdings nicht überzeugt. Und in innerstädtischen Eigenheimgebieten wie an der Heinestraße lasse sich dieses Autarkiekonzept auch nicht umsetzen, meint er.

Wiedergeburt eines besonderen Denkmals

Zum Tag der Architektur konnten sich Besucher auch durch Ines Yitnagashaw und Michael Claven vom Architekturbüro Tangram durch eines der wertvollsten Greifswalder Bürgerhäuser führen lassen, das gegenwärtig seine alte Schönheit zurückerhält.

Das Denkmalhaus Steinbeckerstraße 35 Quelle: eob

Das 1803 unter Einbeziehung einiger älterere Teile für Baltzer Peter von Vahl errichtete Gebäude Steinbeckerstraße 35 präsentiert sich bereits wieder mit seiner klassizistischen Fassade. Sie war in der DDR beseitigt worden. Bis in die 1990er Jahre befand sich in dem Eckhaus ein Fleischerladen, daran werden auch weiter Fliesen erinnern. Nachfolgende Besitzer ließen das Haus verfallen. Das Dach stand Jahre offen.

Ines Yitnagashaw (links) erläutert das Konzept vor historischen Wandmalereien Quelle: eob

2014 erwarb ein Greifswalder das Haus, der auch schon andere Denkmale gerettet hat. Er lässt es nun aufwendig sanieren. Allein die Restaurierung der klassizistischen Wandmalereien kostet eine sechsstellige Summe. Größere Teile werden sichtbar bleiben, der Rest wird übertüncht. „Daraus ergeben sich besondere Anforderungen an Mieter“, so Yitnagashaw. Bohren an der Wand ist nicht erlaubt. Schuhe dürfen aus Brandschutzgründen nicht vor der Tür stehen. „Das wird kontrolliert.“ Die schöne alte Holztreppe kann bleiben, obwohl sie nach heutigen Maßstäben nicht mehr als Rettungsweg gelte. Darum wird der Zugang zu den insgesamt sechs Wohnungen vom Erd- bis zum Dachgeschoss über eine Stahltreppe in einem Laubengang vom Hof aus erfolgen.

Ausstattungsreste in einem der Säle Quelle: eob
Die Wandmalereien des 19. Jahrhunderts unter der Decke bleiben sichtbar Quelle: eob

Im Innern ist erlebbar, wie wohlhabende Bürger im 19. Jahrhundert lebten. Mehrere Jahrzehnte wohnte in der Steinbeckerstraße 35 der Greifswalder Bürgermeister Carl Gesterding, der Begründer der neueren Greifswalder Stadtgeschichtsschreibung. Das Haus hat zwei große Säle.

Denkmalmittel flossen nicht für das Haus, informiert Yitnagashaw. Städtebaufördermittel gibt es nur für Fassade und Wandmalerei. Trotzdem ist die Kaltmiete mit acht Euro pro Quadratmeter für diesen Standort vergleichsweise niedrig. Im Innern bleibt auch mehr historisches Holz erhalten, als viele Beobachter nach dem starken Schwammbefall infolge der eindringenden Nässe erwartet hätten. Ines Yitnagashaw setzt seit vielen Jahren mit Erfolg auf die thermische Schwammbekämpfung. Dafür wird das Holz mit Spezialfolie eingehüllt und auf 70 Grad erhitzt. „Die Sporen sind danach noch da“, so Yitnagashaw. „Aber wenn für die richtigen Bedingungen gesorgt wird, kommt der Schwamm nicht zurück.“

Erinnerungen an die Fleischerei, die Kacheln bleiben Quelle: eob

Ab 2020 kann der Saal in der Stralsunder Straße genutzt werden

Tangram saniert auch das Kultur- und Initiativenhaus Stralsunder Straße 10/11 (Straze), ebenfalls ein hochrangiges Denkmal, das schon kurz vor dem Abriss stand. Es war die zweite Führungsstation am Tag der Architektur. Ein Mitte des 19. Jahrhunderts gebauter Saal mit Bühne vergleichbarer Raum wie an der Stralsunder Straße ist ganz Mecklenburg-Vorpommer nicht bekannt, so Yitnagashaw. Ein vergleichbarer Saal in Greifswald in der Baderstraße (Preußenhof) wurde nach der Wende abgerissen, ein anderer in der Loefflerstraße (frühere Kleiderwerke) brach in sich zusammen.

Am Tag der Architektur wurde der aktuelle Stand des Sanierungs- und Neubauvorhabens Stalsunder Straße 10/1 vorgestellt, rechts Michael Claven Quelle: eob

Im Saal Stralsunder Straße fanden bis nach 1900 Theateraufführungen, große Konzerte, Bälle und Tagungen statt. „Der Saal war auch ein Treffpunkt für die Demokratiebewegung des 19. Jahrhunderts“, sagt Thomas Schmidt, der die Arbeiten an der Straze koordiniert. „Tangram leistet hervorragende Arbeit“, fügt er hinzu.

Viele Arbeiten werden in Eigenleistung erledigt. 25 Vereine und Projekte tragen die Straze. Im bereits fertiggestellten Wohnbereich – so etwas wie eine große WG – leben bereits 35 Menschen, darunter elf Kinder. „Wir sind offen für Menschen jeden Alters“, betont Thomas Schmidt. „Die Gestaltung ist sehr variabel.“

Überall an den Wänden der Straze gibt es übrigens Nisthilfen und Nistkästen. Sie werden gut angenommen, obwohl nicht immer die eigentlich erwünschte Tierarzt in diesen eine Heimat findet.

Restaurant mit Terrasse geplant

Im Saal mit der schönen Balustrade sollen später etwa 800 Menschen Platz finden können. Eine später eingezogene Mauer Richtung Stralsunder Straße bleibt stehen. In diesem Bereich finden zum Beispiel die Nähwerkstatt „Kabutze“, eine Druckwerkstatt und Vereine mit ihren Büros Platz. Auf dem Gelände gibt es ferner einen Neubau. Denn zum Nutzungskonzept gehören auch ein Restaurant, das über große Türen vom Saal erreichbar ist, eine Terrasse, Seminar- und Schulungsräume. „Wir hoffen, dass wir mit dem Saal im Sommer 2020 fertig sind“, informiert Yitnagashaw. Wann die historische Fassade ihren Zierrat zurückbekommt, stehe noch nicht fest. 120.000 Euro kostet das laut Schätzungen, und die müssten erst zur Verfügung stehen. Auch die Außenanlagen müssen noch gestaltet werden. Thomas Schmidt hofft aber, dass es 2020 weiter gehen kann.

Bibliothek eines Nobelpreisträgers

Aber schon vorher wird auf jeden Fall eine besondere Bibliothek der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Es handelt sich um etwa 7.000 Druckwerke des Alternativen Nobelpreisträgers von 1986, Robert Jungk (1993 bis 1994). Er gilt als einer der Begründer der internationalen Friedens- und Umweltbewegung. Die Bücher befinden sich bereits im Besitz der Straze.

Blick zur Empore Quelle: eob
Blick zur Bühne Quelle: eob

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Eckhard Oberdörfer

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