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Greifswald Unimedizin lässt Wolgast weiter ausbluten
Vorpommern Greifswald Unimedizin lässt Wolgast weiter ausbluten
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07:00 23.02.2019
Anke Kieser, Vorsitzende der BI zum Erhalt des Wolgaster Kreiskrankenhauses (r.) und Vorstandsmitglied Rosemarie Thiele, vor dem Wolgaster Kreiskrankenhaus. Quelle: Cornelia Meerkatz
Wolgast

Das Kreiskrankenhaus als funktionierende Einheit der Grund- und Regelversorgung – für dieses Ziel kämpft seit 2015 die „Bürgerinitiative für den Erhalt des Kreiskrankenhauses Wolgast“. Aus der Initiative ist längst ein eingetragener Verein geworden, der an die 50 Mitglieder zählt. Die OZ sprach mit der Vorsitzenden Anke Kieser und Vorstandsmitglied Rosemarie Thiele über aktuelle Sorgen, die Arbeit der Kinderportalpraxisklinik, die Abhängigkeit zur Unimedizin und Einflussmöglichkeiten des Kreises.

Kampf für den Erhalt des Wolgaster Kreiskrankenhauses – aber die Einrichtung existiert ja und investiert wurde auch. Sind Ihre Forderungen da nicht überzogen?

Anke Kieser: Ganz im Gegenteil, die Forderungen sind nicht überzogen, sondern müssen weiterhin mit Nachdruck erhoben werden. Wir als Bürgerinitiative sehen, dass die Universitätsmedizin Greifswald als Eigentümer das Kreiskrankenhaus weiter ausbluten lässt.

Rosemarie Thiele: Wenn wir uns nicht aktiv in die Belange um die Entwicklung des Krankenhauses einmischen würden, hätten Unimedizin und auch Politik längst andere Tatsachen geschaffen. Dabei wird im Kreiskrankenhaus Wolgast, was die medizinische Betreuung angeht, sehr gute Arbeit von den Ärzten, Schwestern und Pflegern geleistet. Und gerade weil hier Qualität abgeliefert wird, halten wir an unseren Forderungen fest.

Sie sprachen vom Ausbluten und der wachsenden Abhängigkeit von der Unimedizin Greifswald. Gibt es dafür Belege?

Kieser: Chefärzte gehen weg, ebenso Fachärzte. Die Wolgaster Patienten kann man nicht nur mit Assistenzärzten oder ausländischen Ärzten, die unsere Muttersprache oftmals nicht besonders gut sprechen, behandeln. Oftmals werden Patienten weiter nach Greifswald geschickt und es stellt sich die Frage, wie sich das auf die Auslastung auswirkt.

Thiele: Wir möchten dabei klar stellen, dass wir die Kompetenz der Ärzte weder hier noch in Greifswald in der Unimedizin in Frage stellen. Wir sind überzeugt, dass jeder bei der Behandlung der Patienten sein Bestes gibt.

Kieser: Wir sehen das Ausbluten auch in der Schließung des Labors und dem Wegfall ambulanter Leistungen. Wir haben große Befürchtungen, dass Servicebereiche wie Reinigung, Küche und Sterilisation ausgegliedert werden.

Dann hat sich in Ihren Augen also im zurückliegenden Jahr nichts zum Guten gewandelt?

Kieser: Nur bedingt. Die Abhängigkeit von der Unimedizin ist noch größer geworden. So sind beispielsweise Auszubildende, die in Wolgast ihre praktische Ausbildung erhalten, mit ihren Ausbildungsverträgen an die Unimedizin Greifswald gebunden. Wenn die Ausbildungsverträge mit Wolgast abgeschlossen würden, wäre eine Bindung zu Wolgast erreicht, die für die Wahl des Berufsortes am Ende der Ausbildung motivierend und nützlich sein kann.

Und wie verhält es sich mit der Portalpraxisklinik? Viele Eltern, die einst an den Montagsmahnwachen teilgenommen haben, sagen inzwischen, dass ihre Kinder hier gut versorgt werden und zeigen sich mit dem Erreichten zufrieden.

Kieser: Wir sind froh, dass es die Portalpraxisklinik gibt und unser Kampf erfolgreich war. Das Land in Person von Gesundheitsminister Harry Glawe hat da Wort gehalten. Leider war lange Zeit bei Einwohnern und Touristen die Existenz der Portalpraxisklinik nicht genügend bekannt. Unsere Initiative hat aus diesem Grund Flyer herstellen lassen und diese dann an die Hotels und öffentlichen Einrichtungen verteilt.

Thiele: Die Hoteliers waren sehr dankbar dafür. Aber wir weisen darauf hin, dass derzeit die Nächte nicht abgedeckt sind, um Kinder zu behandeln. Es gibt dankenswerter Weise Honorarärzte in der Portalklinik, die für eine Rufbereitschaft auf freiwilliger Basis in der Nacht zur Verfügung stehen. Insofern sind wir glücklich, dass der Testzeitraum für die Klinik um weitere drei Jahre verlängert wurde und dass sich nun auch eine Kinderarztpraxis direkt im Krankenhaus ansiedelt.

Die Geriatrie des Kreiskrankenhauses hat einen derart hohen Zulauf, dass oftmals die Betten nicht ausreichen. Sie aber haben am Platz der Jugend ein Banner aufgehängt: „Das Krankenhaus darf kein Altersheim werden“. Widerspricht sich das nicht, ein beachtlicher Teil der Mitglieder der Bürgerinitiative sind um die 70 und älter ...

Kieser: Das Banner sollte provozieren. Natürlich sind wir nicht blind. Wir sehen in den eigenen Reihen und Familien, dass der geriatrische Bedarf da ist. Aber das Kreiskrankenhaus soll nicht das Hauptaugenmerk darauf legen. Geriatrische Patienten gibt es in jedem Krankenhaus, auch der Unimedizin.

Thiele: Kinder und geriatrische Patienten müssen wohnortnah behandelt werden, wie wissenschaftliche Studien belegen. Es macht also keinen Sinn, alte Menschen von Greifswald zur Behandlung nach Wolgast zu bringen. Denn gerade Partner und Freunde dieser Patienten sind oftmals nicht mobil und habe so keine Möglichkeit, die Kranken zu besuchen. Aber um wieder fit zu werden, braucht man diese sozialen Kontakte.

Auf der letzten Sitzung des Sozialausschusses des Kreistages wurde durch Vertreter der BI öffentlich kundgetan, dass die Forderung nach Wiedereinrichtung der Geburtshilfe erst mal nicht weiter verfolgt wird. Wieso nicht?

Thiele: Typisch, dass diese Aussage hängengeblieben ist. Der Hintergrund ist aber ein anderer: Wir haben uns 2017 an den Gesundheitsminister von MV gewandt um eine Bundesratsinitiative durch den Landtag an den Bundesrat zu richten. Notwendig für eine wohnortnahe Geburtshilfe ist eine auskömmliche Finanzierung, für die der Bund die Grundlagen schaffen muss. Bei Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung ist zur Zeit Geburtshilfe kein Muss. Zugleich haben wir gesehen, dass es in der Region zwar mehr Geburten gibt, aber die Geburtenzahl für ein Zentrum der Maximalversorgung wie in Greifswald nicht ausreicht. Deshalb verfolgen wir eine Geburtenstation in Wolgast derzeit nicht vordergründig. Aber aufgegeben ist das Ziel nicht.

Die Bürgerinitiative ist im neu geschaffenen Beirat des Krankenhauses vertreten. Fühlen Sie sich dort mit Ihren Forderungen wahrgenommen?

Kieser: Der Beirat hat aus unserer Sicht keine ausreichende Entscheidungskompetenz. Deshalb ist eine Grundforderung der Bürgerinitiative ein eigenständiger Aufsichtsrat. Denn oftmals erhalten wir auf unsere Anfragen vom Vorstand der Unimedizin keine Antworten.

Und wie sieht der Landkreis das Ganze? Immerhin ist er ja Mitgesellschafter des Krankenhauses, wenn auch nur mit fünf Prozent.

Kieser: Wir sind sehr froh, dass der neue Landrat offen auf uns zugegangen ist und unsere Position teilt, was die zunehmende Einflussnahme durch die Unimedizin betrifft. Auch Herr Sack hat bereits Befürchtungen geäußert, dass dieses Krankenhaus durch Greifswald an die Wand gefahren wird. Der Landkreis will deshalb Einfluss zurück. Das begrüßen wir sehr. Wir haben weitere Kontakte vereinbart, außerdem haben wir Kontakt zu den Kreistagsfraktionen.

Thiele: Die Äußerungen des Landrats und sein Interesse für unser Wirken ermutigen uns, für dieses Kreiskrankenhaus weiterzukämpfen.

Wie stellen Sie sich denn das Kreiskrankenhaus Ihrer Wünsche vor?

Kieser: Wir wollen in Wolgast ein eigenständiges Krankenhaus mit eigenständigen Entscheidungsbefugnissen. Zum Haus sollen Innere Medizin, Chirurgie mit den Abteilungen Allgemein- und Unfallchirurgie sowie Orthopädie, die Geriatrie mit der geriatrischen Tagesklinik und die ITS/Anästhesie gehören, ebenso die Notaufnahme, die Kinderportalpraxisklinik mit 24-Stunden-Besetzung und eventuell ein medizinisches Versorgungszentrum mit weiteren Praxen. Außerdem sollten ambulante Leistungen wie Physiotherapie wieder angeboten werden. Eine wohnortnahe Geburtshilfe bleibt weiter unsere Zielvorstellung.

Und die Mahnwachen am Montag bleiben, auch wenn es inzwischen eine sehr überschaubare Teilnehmerzahl geworden ist?

Kieser: Sie werden weitergehen. Nur wer seine Forderungen öffentlich kund tut, wird wahrgenommen. Gleichzeitig setzen wir als Vorstand der BI natürlich auf Gespräche – sowohl mit der Unimedizin als auch mit dem Land und dem Landkreis.

Außerdem möchten wir die Gelegenheit nutzen, auf unsere Veranstaltung am Donnerstag den 7. März um 18.30 Uhr im Wolgaster Museum „Kaffeemühle“ hinzuweisen. Gezeigt wird der Film „Der marktgerechte Patient“ mit anschließender Gesprächsrunde.

Cornelia Meerkatz

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