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Greifswald Die konservative Moderne in Pommern
Vorpommern Greifswald Die konservative Moderne in Pommern
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11:46 27.11.2019
Hans Poelzig ist der Architekt des Bankgebäudes am Wolgaster Markt. Quelle: OZ
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Vorpommern

Die Welt feiert in diesem Jahr den 100. Geburtstags des Bauhauses. Pommern, Mecklenburg, West- oder Ostpreußen gelten nicht als Zentren der damit verbundenen Entwicklung. Dabei entstanden in Pommern die ersten Werke von Bauhaus-Gründer Walter Gropius (1883 bis 1969).

Aber das ist bei Weitem nicht alles. Der Norden ging in der Weimarer Republik und auch danach einen eigenen, bisher allerdings wenig erforschten Weg. Darauf wies Prof. Rafał Makała von der Technischen Universität Berlin in einem Vortrag zum Thema „Bauhaus aus Backstein?! – Die ‚andere Moderne‘ in Nordostdeutschland 1918–1939“ im Pommerschen Landesmuseum hin. In Dörfern und Städten lassen sich dafür auch im bei Deutschland verbliebenen Teil Pommerns der Moderne verpflichtete Neubauten finden, die aber auch an die regionale Tradition der Backsteingotik anknüpfen. Es wurden also eigene Wege modernen Bauens verwirklicht. Eindrucksvoll sind beispielsweise die Speicher, die die Silhouetten an den Häfen in Stralsund, Jarmen oder Demmin mitprägen. Man muss auch nicht nur nach Stralsund als der bedeutendsten Stadt in jener Zeit schauen, um weitere Gebäude dieser anderen Moderne zu finden.

Greifswalder Landrat empfahl Bauhausarchitekten

Das sogenannte Gewerkschaftshaus (links) auf dem Alten Markt wurde nach Plänen des Stettiners Adolf Thesmacher gebaut Quelle: HST

Das 1931 im Auftrag der Sparkasse des Kreises Greifswald errichtete Haus der Wolgaster Zweigstelle stammt von dem namhaften Bauhausarchitekten Hans Poelzig (1869–1936). Das Haus war in diesem Jahr im August sogar Denkmal des Monats in Mecklenburg-Vorpommern. Die Empfehlung für das Gebäude am Markt kam übrigens vom Greifswalder Landrat Werner Kogge (SPD), ohne den auch die berühmten Freester Fischerteppiche nicht denkbar sind, die in seiner Amtszeit kreiert wurden.

Dass der Schriftzug „Sparkasse des Landkreises Greifswald“ in Frakturschrift angebracht wurde, ärgerte Poelzig, weil es der sehr klaren Formensprache des Hauses mit seiner zweckmäßigen Raumaufteilung widersprach. Heute steht Deutsche Bank am Haus. Der Wolgaster Bau sorgte damals für ein großes Medienecho, es gab viele Kritiker. Der Entwurf war indes mit dem pommerschen Generalkonservator Franz Balke abgestimmt.

Marinelazarett Stralsund herausragendes Beispiel

Ebenfalls an sehr prominenter Stelle, nämlich am Alten Markt, wurde in Stralsund von der Provinzialbank Pommern bis 1930 ein ziegelsichtiger Kubus errichtet, der heute meist Gewerkschaftshaus genannt wird. Mit dem seinerzeit in Stettin lebenden Adolf Thesmacher (1980–1948) wurde ein Mann verpflichtet, der eine ganze Reihe von Bauten im Stil der Moderne im Nordosten verantwortete. Von ihm stammt auch das Stolper Provinzialbankgebäude von 1926. Greifswald kann an seinem Markt nur auf ein vergleichsweise bescheidenes Gebäude der Moderne verweisen, das frühere Telegrafenamt an der Ecke Fleischerstraße.

Speicher prägen Jarmen die Silhouette des Hafens Quelle: eob

Für den Greifswalder Kunsthistoriker Michael Lissok ist das 1938 eingeweihte Marinelazarett in Stralsund (heute Helios-Klinikum) ein Paradebeispiel für modernes Bauen. Architekt war Alfred Stieler, der auch für andere Krankenhäuser sowie Kasernen verantwortlich zeichnete.

Wer genauer hinschaut, wird überall in Vorpommern Beispiele für neues Bauen finden, die keine im weiteren Sinne öffentliche Auftraggeber waren. Lissok hat sich in Greifswald umgesehen und einen solchen Bauherren gefunden, von dem man das nicht jeder erwarten würde. Die katholische Studentenverbindung Normannia weihte 1934 in der Soldmannstraße ihr neues Gebäude ein. Ihr heute vom Verein Deutscher Studenten genutztes Haus ist innen wie außen ein sehr gutes Beispiel für modernes Bauen. Allerdings ist das Gebäude verputzt, also kein Beispiel für die „konservative Moderne“ mit dem Aufgreifen von Traditionen der Backsteingotik.

Advandgardistische Bauten in Polen

Das Haus der Katholischen Studentenverbindung Normannia ist auch ein Beispiel für modernes Bauen in Greifswald Quelle: eob

Die konservative Moderne ist überall im früheren Nordosten Deutschlands und der Küstenregion des nach dem Ersten Weltkrieg wiedergeborenen Polens zu finden. Diese bis nach Friesland verbreitete Architekturrichtung wurde laut Kunstgeschichtsprofessor Kilian Heck auch durch England beeinflusst. Laut Rafał Makała war sie anspruchsvoll und innovativ. Die Wiedergeburt Polens war eine wichtige Rahmenbedingung, ja sogar durch die schöpferische Konkurrenz ein Motor für diese Entwicklung. Davon zeugen die Ostseehäfen Danzig (1920 bis 1939 eine freie Stadt) und das polnische Gdingen (Gdynia), im Korridor, der nach dem Ersten Weltkrieg Ostpreußen vom übrigen Deutschen Reich trennte, so Rafał Makała. Gdingen sei in den 1930er-Jahren geradezu ein Experimentierfeld neuen Bauens gewesen. Es entstanden avantgardistische Gebäude in geschwungenen Formen, die an große Schiffe erinnern.

Wissenschaftler erforschen „konservative Moderne“

Durch die territorialen Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden die Werke der Moderne in dieser Region zu einem großen Teil aus dem allgemeinen Blickfeld, vieles war auch zerstört worden. Mit einem von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien geförderten Projekt wird unter Leitung von Prof. Kerstin Wittmann-Englert nun Architektur und Raumgestaltung der Moderne der Zwischenkriegszeit im südlichen Ostseeraum und deren Stellung innerhalb der Diskussionen um das neue Bauen von deutschen und polnischen Experten näher erforscht. Mit von der Partie sind auch die Kunsthistoriker des Greifswalder Caspar-David-Friedrich-Institutes. Im Mai nächsten Jahres ist eine Konferenz zum neuen Bauen an der Ostsee in Berlin geplant.

Die prägenden Speicher im Demminer Hafen Quelle: Jens Büttner/dpa

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