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Greifswald Berater: Betroffene scheuen den Weg zum Amt
Vorpommern Greifswald Berater: Betroffene scheuen den Weg zum Amt
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00:00 14.08.2018
Anklam

Der Jurist Frederik Wolf berät im Auftrag der Volkssolidarität Greifswald-Ostvorpommern Menschen mit finanziellen oder anderen Problemen – und hält Altersarmut für ein Riesenproblem.

Frederik Wolf hilft Menschen, die in Armut leben. Quelle: Foto: Sym

Herr Wolf, nur etwa einer von 100 Menschen in Vorpommern lebt von Grundsicherung im Alter. Ist Altersarmut hier kein Problem?

Wolf: Doch, natürlich. In Vorpommern gab es in den letzten 20 Jahren sehr viele unterbrochene Erwerbsbiographien, die Realkaufkraft ist zurückgegangen, MV hat die geringsten Löhne und gleichzeitig überdurchschnittlich hohe Stromkosten, im ländlichen Raum auch hohe Mobilitätskosten.

Wieso spiegelt sich das nicht in den Zahlen zur Grundsicherung?

Statistiken sind ohnehin mit Vorsicht zu genießen:Wenn man Zahlen richtig foltert, gestehen Sie was man will. Entscheidend dürften zwei Dinge sein: Erstens ist die Hemmschwelle, nach einen Leben harter Arbeit aufs Amt zu gehen, sehr hoch, oftmals wird das als Betteln empfunden. Zweitens muss nahezu alles Vermögen verbraucht sein, um überhaupt einen Anspruch auf Grundsicherung zu haben.

Da sind die Regeln sogar noch strenger als bei Hartz IV.

Kann man in Vorpommern von 850 bis 900 Euro Rente leben?

Wenn man sehr sparsam ist, mag es reichen – aber nur so lange, bis die Waschmaschine kaputt ist, man ein Zahnimplantat braucht oder eine Brille....

Wie viele Ältere mit Geldsorgen kommen in Ihre Beratung?

Bei mir läuft kein älterer Mensch direkt wegen finanzieller Sorgen auf – diese Generation spricht nicht darüber. Aber die Symptome von Armut sehe ich immer wieder, auch bei Älteren: wenn jemand zitternd herkommt, weil ihm eine Mieterhöhung droht oder er nicht weiß, wie er an seine Medikamente kommt. Andere können sich kein Auto mehr leisten. Und wie viele geklebte Brillengestelle habe ich schon gesehen und Wohnungen, die im Winter nur teilweise geheizt sind, weil die Zuschüsse vom Amt aufgebraucht sind! Dazu kommt die kulturelle Armut, unter der wir hier im ländlichen Raum leiden: kaum noch Busse, Ärzte, Läden...

Wo liegen Ihrer Einschätzung nach die gesellschaftlichen Ursachen für diese Altersarmut?

Einer der größten Fehler war, Arbeitslosengeld und Sozialhilfe zusammenzulegen und Menschen ohne Arbeit dazu zu zwingen, erst allen Besitz zu liquidieren, bevor sie staatliche Hilfe bekommen:

Wer ein Grundstück oder Haus hatte, musste es verkaufen, wer eine Lebensversicherung hatte, sie zu Geld machen. Im Alter sind die Leute dann abhängig, der Staat hat sie am Gängelband.

Worunter leiden ältere Arme hier?

Unter Isolation. Ihre überlebenswichtigen Grundbedürfnisse können sie schon noch befriedigen. Aber sie sitzen in einer Miniwohnung irgendwo auf dem Dorf und leben auf Weihnachten mit den Enkeln hin. Wesentlich mehr Bewegungsspielraum haben sie nicht. In Städten wie Greifswald gibt es Plattenbauviertel wie das Ostseeviertel mit gewachsenen Strukturen, Generationen-Treff, Quartiersmanagement... Aber versuchen Sie so eine Infrastruktur mal in Tützpatz zu schaffen.

Raten Sie armen Älteren, in die Städte zu ziehen?

Eher nicht. Wer ein Leben lang auf dem Dorf gelebt hat, würde sich da vermutlich nicht wohl fühlen. Von den Mieten ganz zu schweigen.

Was müsste gegen Altersarmut geschehen?

Bei der Generation, die jetzt schon arm ist, könnte man das im Prinzip allein mit Zuschüssen heilen. Aber wo soll das Geld herkommen? Entscheidend ist, dass endlich die Löhne anziehen und es nicht mehr so viele gebrochene Erwerbsbiographien gibt. Und der Staat muss aufhören, den Leuten ihre Altersvorsorge zu nehmen! Immerhin, die demographische Entwicklung bewirkt, dass das Wahlverhalten älterer Menschen wahlentscheidend ist, deshalb gibt es auf Bundesebene schon erste Ansätze, alte Fehler zu korrigieren. Aber das wird nicht reichen, wenn das Land MV nicht endlich die Infrastruktur im ländlichen Raum wieder entwickelt!

Interview: Sybille Marx

OZ

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