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Greifswald Bleibt der Landkreis Vorpommern-Greifswald künftig auf dem Lubmin-Abfall sitzen?
Vorpommern Greifswald Bleibt der Landkreis Vorpommern-Greifswald künftig auf dem Lubmin-Abfall sitzen?
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07:30 24.10.2019
Henry Cordes, EWN-Geschäftsführer: „Ihlenberg ist für uns der Flaschenhals.“ Quelle: Martina Rathke
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Lubmin

Meterdicke Betonwände, Gleisschotter und Asbest: Beim Rückbau des Kernkraftwerkes in Lubmin fallen tonnenweise Abfälle an, die in den vergangenen Jahren auf der Deponie Ihlenberg entsorgt wurden. Der Entschluss der Landesregierung, die landeseigene Deponie im Jahr 2035 zu schließen, hat die EWN GmbH als KKW-Rechtsnachfolger, gelinde gesagt, überrascht. „Wir sind über die Entscheidung verwundert. Wenn man eine solche Entscheidung trifft, muss man für Alternativen sorgen. Das vermisse ich“, sagte der Geschäftsführer der bundeseigenen EWN, Henry Cordes. In den vergangenen fünf Jahren hat das Unternehmen pro Jahr zwischen 17 Tonnen und 660 Tonnen freigegebene und damit als radiologisch unbedenklich eingestufte Reststoffe – zu großen Teilen Dämmstoffe wie Asbest sowie Bauschutt – auf der Deponie Ihlenberg entsorgt. „Gerade für Gleisschotter und Bauschutt ist die Deponie für uns unverzichtbar.“

Land schiebt Verantwortung ab

Ob das Land auch nach 2035 Verantwortung für die Entsorgung gefährlicher Abfälle übernimmt, ist zumindest fraglich. Auf eine OZ-Anfrage zur Planung von Alternativen nach Deponieschließung hieß es aus dem Umweltministerium, dass grundsätzlich die Landkreise und kreisfreien Städte als öffentlich-rechtliche Entsorgungsträger (örE) für die Entsorgungssicherheit zuständig sind und den Bedarf und die Verfügbarkeit von Deponiekapazitäten im Blick behalten müssen. „Für Deponien der Deponieklasse III (Deponie für gefährliche Abfälle/Sonderabfall) sind überregionale Lösungen gewünscht, um Doppelstrukturen zu vermeiden“, sagte eine Ministeriumssprecherin.

Linke: „Riesensauerei“

Die umweltpolitische Sprecherin der Linken, Mignon Schwenke, hatte den Beschluss der Deponieschließung als übereilt kritisiert. Angesichts der jüngsten Aussagen aus dem Ministerium ist sie beunruhigt. Die Landesregierung sei jetzt gefordert, darzustellen, wie sie sich die Lagerung der Abfälle ab 2035 vorstellt, forderte Schwenke. Es wäre fatal, wenn gefährliche Abfälle aus MV entweder nach Osteuropa wandern würden bzw. die Kreise für diese Aufgabe zuständig sein sollen. „Entzieht sich das Land seiner Verantwortung für die Entsorgung der DK-III-Abfälle, wäre das eine Riesensauerei“, sagte Schwenke.

Auch in Vorpommern-Greifswald läuten die Alarmglocken. „Wir haben von der Problematik der Entsorgung der EWN-Abfälle gehört“, sagte Landrat Michael Sack (CDU). „Wir sind jetzt in der Findungsphase, wie wir mit dieser Herausforderung umgehen.“ Laut Umweltministerium können die Kreise in ihren Abfallsatzungen bestimmte Abfälle von der Pflicht zur Überlassung ausschließen. Dann müssten die Abfallerzeuger die Beseitigung weitestgehend selbstständig organisieren und wären in der Pflicht, Alternativen zu finden. „Greift die Überlassungspflicht, so wie es im Landkreis Vorpommern-Greifswald der Fall ist, bleibt die Verantwortung für die Beseitigung der Abfälle beim öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger, der dann auch geeignete Anlagen bereithalten muss“, so Ministeriumssprecherin Eva Klaußner-Ziebarth. Das heißt, das Problem liegt dann beim Kreis.

EWN-Neubauten: Betonbearbeitungszentrum und Zerlegehalle

Etwa 36 Millionen Euro investiert die EWN GmbH in den Bau einer Zerlegehalle für radioaktiv belastete Großkomponenten wie Reaktordruckgefäße und Dampferzeuger. Nach ihrer Inbetriebnahme ab 2021 sollen in der Halle in mehreren Ausbaustufen Dampferzeuger dekontaminiert, Reaktordruckbehälter zerlegt und höher kontaminierte und aktivierte Bauteile in einem Nasszerlegebecken zerlegt werden. Die Bauteile werden dort in endlagergerechte Größen für die spätere Lagerung im Schacht Konrad (schwach- und mittelradioaktive Abfall) bzw. für die Lagerung in einem Endlager für hochradioaktive Abfälle gebracht.

Jeweils rund 25 Millionen Euro verbaut die EWN GmbH in Rheinsberg und Lubmin ab 2021/22 in zwei Betonbearbeitungszentren (BBZ). In diesen Industrieanlagen soll der Beton aus dem Abriss granuliert und für die Entsorgung vorbereitet werden. Rund 105 000 Tonnen Beton sollen allein im BBZ in Lubmin zerkleinert und dekontaminiert werden. Dabei handelt es sich nach EWN-Angaben, um unbelasteten Beton und Abfall, der auf einer Deponie oder im Endlager entsorgt werden muss.

Beantragt beim Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit ist zudem der Bau eines Ersatzlagers für die 74 Castoren. Dieser Neubau ist notwendig, um die nach 2011 bundesweit erhöhten Sicherheitsanforderungen für Atomzwischenlager zu erfüllen. Es soll voraussichtlich 2025 in Betrieb gehen.

Sollte es keinen Deponieersatz geben, schließt die EWN GmbH Verzögerungen beim Rückbau im Atommeiler nicht aus. „Die Deponie Ihlenberg ist für uns der Bottleneck (Flaschenhals). Wenn wir die Entsorgung langfristig nicht gewährleisten können, wird das Folgen auf die Organisation und die Geschwindigkeit des Rückbaus haben“, so Cordes. Der letzte Reaktor wurde bereits 2009 ins Zwischenlager gebracht. Derzeit konzentrieren sich die Arbeiten darauf, Tausende Kilometer teils kontaminierter Leitungen, Kabel und Rohre zu entfernen und für die Entsorgung vorzubereiten. Danach geht es an den Beton. Werden die KKW-Gebäude bis auf die „grüne Wiese“ zurückgebaut, müssen 620 000 Tonnen Beton entsorgt werden. Ab 2023 will die EWN GmbH das Rückbautempo anziehen und bis dahin für rund 25 Millionen Euro ein Betonbearbeitungszentrum errichten, in dem der anfallende Beton granuliert werden soll.

EWN will eine Zerlegehalle errichten. Quelle: Martina Rathke

Alt-Bergwerke für AKW-Schutt?

Den Abfall über andere Wege zu entsorgen, gestaltet sich schwierig. „Wir wissen, dass unsere Stoffe radiologisch unbedenklich sind“, sagte Cordes. Alle AKW-Betreiber hätten jedoch ein Akzeptanzproblem bei der Abnahme von Bauschutt. Es gebe zwar eine Initiative des Bundesumweltministeriums, ehemalige Bergwerke mit solchen Betonabfällen zu verfüllen, aber es fehle an Ausführungsbestimmungen. „Ein solcher Entsorgungspfad wäre aber für uns extrem interessant“, sagte Henry Cordes.

Kommentar:
Wer Deponie schließt, darf Verantwortung nicht abschieben

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Von Martina Rathke

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