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Greifswald Breitbandausbau in Vorpommern-Greifswald: Provinzposse oder Skandal?
Vorpommern Greifswald Breitbandausbau in Vorpommern-Greifswald: Provinzposse oder Skandal?
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13:53 27.03.2019
Schnelles Internet für die Begräbniskapelle in Steinfurth? Eine Provinzposse möchte man meinen, wäre das Thema für viele Einwohner der Gemeinde Karlsburg nicht bitter ernst. Quelle: Montage: OZ
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Karlsburg

Kein Witz und kein vorfristiger Aprilscherz: Die idyllisch gelegene Friedhofskapelle in Steinfurth, ein Ort in der Gemeinde Karlsburg, soll über das Bundesförderprogramm mit schnellem Internet versorgt werden. Nachzulesen auf der Internetseite des Landkreises Vorpommern-Greifswald. Die Haushalte in dem 170-Seelen-Dorf indes gehen bis auf ein Grundstück leer aus. Im Klartext: Demnächst wird die mit dem Breitbandausbau beauftragte Firma von Züssow über Karlsburg nach Steinfurth viele Kilometer Glasfaserkabel verlegen, um ganze zwei Adressen zu versorgen, darunter den unbewohnten Friedhof. Eine Provinzposse? Mitnichten! Denn Steinfurth ist kein Einzelfall.

„Der große Aufschrei wird erst noch kommen. Dann nämlich, wenn auch die übrigen Projektgebiete bearbeitet werden. Viele Orte gelten nach dem Markterkundungsverfahren als versorgt, obwohl sie nicht über Datenübertragungsgeschwindigkeiten von 30 Mbit/s oder mehr verfügen. Das betrifft auch andere Landkreise in MV“, sagt Petra Niederberger, Breitband-Koordinatorin im Landkreis Vorpommern-Greifswald, und weist die Schuld weit von sich. Die Entscheidungen seien auf Bundesebene getroffen worden. Der Kreis – nur Ausführender. Steinfurth, Moeckow, Zarnekow ... sie stehen nicht alleine da. Auf Nachfrage bestätigt sie, dass auch Klein Bünzow unterversorgt bleiben. Dort weiß davon noch niemand. Bürgermeister Karl Jürgens, gestern mit dem Fakt durch einen OZ-Anruf konfrontiert, fiel aus allen Wolken. Weitere betroffene Orte wollte oder konnte Niederberger noch nicht nennen.

Der Künstler Mathias Bartoszewski will diese Aussicht nicht akzeptieren. Er hat sich mit seiner Frau Elisa im Kulturhaus Steinfurth eine neue Existenz aufgebaut und wollte die Nachricht zunächst gar nicht glauben. Schnelles Internet für eine Begräbniskapelle: „Das hat schon etwas Absurdes“, sagt er frustriert.

Deutlicher wird der Karlsburger Thoralf Wolff. Laut Projektkarte werden in dem Klinikort nur 20 Adressen mit schnellem Internet versorgt. Sein Grundstück ist nicht darunter. „Das ist katastrophal. Ich fühle mich wie ein Bürger zweiter Klasse“, schimpft der Finanzdienstleister auf der Gemeindevertretersitzung am Montagabend. Es sei ein Skandal, dass im Projektgebiet für den Breitbandausbau 14 Millionen Euro in die Hand genommen werden, „um nur vereinzelt Haushalte anzuschließen“. Wegen der geringen Datenübertragungsgeschwindigkeiten habe er seinen Gewerbestandort bereits nach Greifswald verlegt. „Am Montag musste ich aber von zu Hause aus arbeiten, was mich am Ende richtig viel Geld gekostet hat“, macht er seinem Ärger Luft.

Bürgermeister Rolf Warkus befürchtet, dass Wolff nicht der einzige in der 1300 Einwohner zählenden Gemeinde bleibt, der Karlsburg den Rücken kehrt. Mehr noch: „Wenn die Infrastruktur nicht stimmt, kommt keiner mehr zu uns.“ Dabei habe Karlsburg gerade ein neues Wohngebiet ausgewiesen. Auch diese Grundstücke sollen laut Plan nicht mit schnellem Internet versorgt werden. „Warum das alles so ist, sagt uns niemand. Wir fühlen uns hier alle verarscht“, sagt Warkus. Das Thema ist so brisant, dass der altgediente und für seine Sachlichkeit bekannte Bürgermeister schon mal seine gute Kinderstube vergisst.

Auch Ralf Eichelkraut fehlen die Worte, seitdem er erfahren hat, dass sein Haus keinen Anschluss erhält, das Haus seiner Eltern im hinteren Teil des Grundstücks aber schon. „Wird dann an meinem Haus entlang gebuddelt, ohne dass ich angeschlossen werde“, wollte er auf der Sitzung von Niederberger erfahren – und sie bejahte unter lautem Protest vieler aufgebrachter Einwohner.

Hintergrund dieser unverständlichen Praxis ist das 2015 erfolgte Markterkundungsverfahren, so Niederberger. Haben Telekommunikationsunternehmen damals angekündigt, innerhalb von drei Jahren Orte auf eigene Kosten auszubauen, „fielen diese Haushalte von vornherein aus der Bundesförderung heraus“, erklärt die Koordinatorin. Laut Energieministerium habe die Telekom und die Antennentechnik Lubmin zu jener Zeit angekündigt, den Ausbau eigenwirtschaftlich in dem Projektgebiet zu realisieren. Die Frist endete am 31. Juli 2018. Doch passiert ist nichts – auch zum Ärger von Landwirt Ricardo Voß aus Zarnekow, für dessen zwei Betriebe das häufig nicht verfügbare Internet existenzbedrohlich ist. Unverständlich für ihn und andere: „Die Tk-Unternehmen sind keinen Sanktionen ausgesetzt“, sagt Niederberger auf eine entsprechende Frage.

Ein anderer Punkt seien die in Karlsburg bereits vorhandenen CATV-Kabel, also Kupferkabel, mit denen Kabelfernsehen ermöglicht werde. „Auch diese Anschlüsse wurden alle herausgerechnet, weil mit ihnen schon jetzt 100 Mbit/s erreicht werden könnten, auch wenn das noch nicht der Fall ist“, sagt sie.

Die Mitarbeiterin des Kreises sah sich in Karlsburg massiven Anfeindungen ausgesetzt, sodass auch sie Tacheles redete. Die Entscheidungen, wo ganz konkret ausgebaut werde, so Niederberger, „hat nicht der Landkreis getroffen“. Vielmehr sei sie auf Informationen und Netzpläne des Breitbandkompetenzzentrums des Bundes angewiesen. Diese anzuzweifeln bzw. auf Missstände hinzuweisen, dürfe sie nicht. „Trotzdem habe ich in Schwerin mehrfach auf die Probleme aufmerksam gemacht. Doch ich stoße seit 2016 auf taube Ohren. Das ist auch für mich frustrierend.“ Ohne Zutun des Kreises wären nur etwa 25 Prozent der ehemals beantragten Ausbaugebiete berücksichtigt worden. „Jetzt hoffen wir, auf wenigstens 50 Prozent zu kommen.“ Das Energieministerium, von der OZ um Stellungnahme gebeten, sah sich bis gestern Abend nicht in der Lage, auf Fragen zu antworten.

Gibt es dennoch eine Lösung? Laut Niederberger müsse sich jetzt jeder Betroffene persönlich kümmern. Abstruser Gedanke, aber ihren Worten nach der einzige Weg. Siehe Info.

Petra Hase

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