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Greifswald Das schlechte Gewissen bleibt
Vorpommern Greifswald Das schlechte Gewissen bleibt
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00:05 16.12.2017
Etliche Monate fühlte sich Sigrid Albrecht überfordert und allein gelassen im bürokratischen Dschungel. Hilfe gibt’s nur häppchenweise. Quelle: Foto: Patrick Pleul/ Dpa
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Vorpommern

Sigrid Albrecht* spürt die Blicke, wenn sie durch den Ort geht. Sie weiß, dass über sie gesprochen wird, einige sie verurteilen.

Doch die 70-Jährige ist am Ende ihrer Kräfte. Sie kann nicht mehr. Deswegen hat sie ihren demenzkranken Ehemann Frieder* in ein Seniorenheim gegeben. Gegen seinen Willen. Bis zuletzt versuchte er sich zu wehren und will noch heute zurück. Zurück in das Haus, in dem das Ehepaar über 40 Jahre gemeinsam lebte. Ein Schicksal, das für viele weitere in Vorpommern steht.

Für Sigrid Albrecht war es ein langer, nervenaufreibender Kampf, der sie zwischenzeitlich sogar ins Frauenhaus geführt hat. Immer wieder hat sie bei den verschiedensten Ämtern vorgesprochen, nach Hilfe gesucht. Nun, wo sie erreicht hat, was sie wollte, will sich die Erleichterung nur schleppend einstellen. Denn das schlechte Gewissen bleibt. Das schlechte Gewissen darüber, dass sie ihrem Ehemann seinen Wunsch nicht erfüllen konnte. „Meine letzten Jahre will ich doch auch noch etwas genießen“, fleht die 70-Jährige geradezu um Verständnis. „Wäre mein Mann friedlich, wäre doch alles gut gewesen. Aber diese Aggressionen, das Geschimpfe – ich konnte es einfach nicht mehr ertragen“, sagt die Rentnerin aus Greifswald.

Demenz nimmt drastisch zu

Ihr Mann hat Alzheimer, die häufigste Form der Demenz. Derzeit sind 1,6 Millionen Menschen deutschlandweit an Demenz erkrankt, in zehn Jahren sollen es laut Prognosen 2,5 Millionen sein. „Keine andere Krankheit stellt die Gesellschaft vor so große Herausforderungen wie die Demenz“, sagt Dirk Scheer, Sozialdezernent von Vorpommern-Greifswald.

Die Ehe der Albrechts ist keine glückliche gewesen. Schon in den ersten Jahren ist er fremdgegangen, erinnert sie sich. Als sie mit dem Erstgeborenen im Krankenhaus lag, verbrachte er die Nächte an der Seite einer anderen Frau. Warum sie immer wieder um ihn kämpfte, weiß sie heute nicht mehr. Aufgeben war nicht ihre Art. Als die Kinder älter wurden, irgendwann aus dem Haus waren, ist es leichter geworden, erzählt die Rentnerin.

Aggressivität Teil der Krankheit

Doch vor acht Jahren dann begann die Krankheit. Bald schon vergaß er, seine Tabletten zu nehmen, zu essen oder sich anzuziehen. Mitunter wurde er laut und aggressiv seiner Frau gegenüber. „Ich musste abends um 10 Uhr ins Bett, weil er es so wollte. Ich durfte auch kein Licht anmachen, um zu lesen“, sagt Sigrid Albrecht. Er beschimpfte sie und kommandierte sie herum, schildert die Rentnerin.

„Solche Symptome sind leider im fortschreitenden Krankheitsprozess der Demenz nicht selten“, sagt Wolfgang Hoffmann, Professor am Universitätsklinikum Greifswald im Bereich Community Medicine. Er hat in der Studie Delphi lange zu Demenz, den Auswirkungen auf Patienten und Angehörige geforscht. „Die Ärzte sprechen von ,herausforderndem Verhalten’ – Aggressivität gehört dazu, aber auch häufiges Weglaufen, schwerwiegende hygienische Probleme, Übergrifflichkeit und psychiatrische Symptome wie Halluzinationen oder Wahnvorstellungen“, so Hoffmann. Die Situation mache vielen Familienmitgliedern zu schaffen. „So beziehen manche Angehörige das aggressive Verhalten auf sich, fühlen sich persönlich angegriffen oder suchen die Ursache bei sich selbst“, sagt Hoffmann. Frieder Albrecht war einer von 400 Teilnehmern an Hoffmanns Studie. Eine speziell geschulte Krankenschwester betreut die Familie engmaschig, analysiert den Gesundheitszustand und hilft, die Medikamenteneinnahme zu kontrollieren, gibt Tipps für den Alltag.

Uni-Studie hilft im Alltag

„Die Krankenschwester hat meinem Mann einen Platz in der Tagespflege vermittelt“, erzählt Sigrid Albrecht. Die Gespräche habe sie als hilfreich empfunden, das Verständnis, das Wissen über die Krankheit. Aber irgendwann war das Projekt vorbei und Sigrid Albrecht wieder allein. Die Visitenkarte der Krankenschwester lag lange auf ihrem Tisch. Doch wenn sie anrief, meldete sich niemand mehr.

„Einmal stand er mit einem erigierten Glied vor mir und wollte mich zum Sex zwingen“, erinnert sich Sigrid Albrecht. Sie sei rausgelaufen. Ein anderes Mal habe er sie geschlagen. Im Gutachten des Landkreises heißt es später: „An tätliche Auseinandersetzungen gegenüber seiner Ehefrau könne er sich nicht erinnern.“ Trotzdem kommt die Behörde zu dem Ergebnis: „Aufgrund der Erkrankung besteht gegenwärtig die erhebliche Gefahr, dass der Betroffene der Gesundheit seiner Ehefrau, aber aufgrund einer Verwahrlosungstendenz auch seiner Gesundheit sowie den ihnen gehörenden bedeutenden Rechtsgütern einen erheblichen Schaden zufügt.“

Bis zu diesem Punkt war Sigrid Albrecht immer wieder an ihre Grenzen gekommen. Zum Beispiel, als sie zu ihrem 70. Geburtstag ein paar Tage nach Berlin fahren wollte, sich ihr Mann aber weigerte, in der Kurzzeitpflege zu bleiben. Oder als sie endlich die Betreuungsstelle des Kreises aufsuchte und sich die Mitarbeiterin dort gegen sie stellte, wie Sigrid Albrecht schildert. Die Mitarbeiterin des Kreises besuchte ihren Mann sogleich in der Tagespflege. „Was für ein netter attraktiver Mann“, soll sie zu Sigrid Albrecht gesagt haben und sie darauf vorbereitet haben, dass vielleicht auch sie selbst ausziehen müsse, wenn ihr Mann im gemeinsamen Haus wohnen bleiben möchte, sie aber nicht weiter mit ihm zusammenleben will. Eine niederschmetternde Nachricht für Sigrid Albrecht. Warum glaubte die Frau ihr nicht, dass ihr Mann aggressiv war? Der Hausarzt empfahl Sigrid Albrecht schließlich, ins Frauenhaus zu ziehen. Sie müsse beweisen, dass ihr Mann alleine nicht fähig sei, für sich zu sorgen, den Haushalt zu organisieren. Schweren Herzens packte sie ihre Taschen und überließ ihren Mann seinem Schicksal.

Amtsgericht entscheidet

Es gibt keinen Merkzettel „So bringe ich meinen Ehepartner ins Heim, wenn er nicht will“, keine zentrale Anlaufstelle, die einem bei allem hilft. Zumindest nicht als Gesamtpaket. Formal ist das Amtsgericht dafür zuständig zu entscheiden, wann jemand nicht mehr für sich selbst entscheiden kann, sondern ein sogenannter Betreuer eingesetzt werden muss. Eine Amtsärztin begutachtete Frieder Albrecht erst in der Tagespflege, dann zu Hause und leitete schließlich die Betreuung ein. Diese ermöglichte es Sigrid Albrecht schließlich, ihren Mann in einem Pflegeheim unterzubringen. Mehr als sechs Monate hat dieser Weg gedauert.

Wie kann sie ihn so allein lassen, sagen nun die stillen Vorwürfe aus der Nachbarschaft. Und jedem von uns schwirrt die Frage durch den Kopf, wie es wohl uns ergehen wird, wenn wir irgendwann mal alt und krank sind. Haben wir dann jemanden, der für uns sorgt? Der die Kraft, Geduld und Liebe hat? Und was, wenn nicht? Und was, wenn uns selbst die Kraft fehlt?

* Namen von der Redaktion geändert

Hilfe suchen – so funktioniert's

Die Pflegestützpunkte beraten kassenunabhängig. „Das ist die beste erste Anlaufstelle, da hier Fachleute von Landkreis und Krankenkassen mit langjähriger Erfahrung über nahezu alle Details rund um Pflege, Betreuung und Versicherung Rede und Antwort stehen“, erklärt der Sprecher der Kreisverwaltung Vorpommern-Greifswald.

Die Betreuungsbehörde koordiniert und überwacht gerichtlich bestellte Betreuungspersonen für diejenigen Menschen, die ihre individuellen Geschäfte (Behördengänge, Bank, Versicherungen etc.) definitiv nicht mehr allein und ohne Hilfe wahrnehmen können. Zusätzlich berät die Betreuungsbehörde zu den Themenkomplexen Patientenverfügung und Betreuungsvollmacht. „Auch hier findet eine individuelle Beratung sowohl in der Verwaltung als auch auf Wunsch zu Hause oder auch im Krankenhaus statt“, so Froitzheim.

Die Amtsärzte können unter bestimmten Voraussetzungen (akuter Notfall/richterliche Verfügung) eine medizinische Einschätzung vornehmen, ob ein Mensch aller Voraussicht nach künftig seine Fähigkeit, seine Geschäfte selbstständig zu führen, eingebüßt hat.

Katharina Degrassi

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