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Greifswald Der Lebensplan von Ex-Boxweltmeister Sebastian Sylvester
Vorpommern Greifswald

Der Lebensplan des Ex-Boxweltmeister Sebastian Sylvester aus Greifswald

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14:29 01.07.2020
Sebastian Sylvester (39) trägt ein T-Shirt mit einem Motiv von Muhammad Ali - ansonsten hat der Ex-Weltmeister mit dem Boxen abgeschlossen. Quelle: Christopher Gottschalk
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Greifswald

12 Runden, die Maximaldistanz im Profiboxen, meistert Sebastian Sylvester immer noch ohne Probleme. Heute stehen jedoch keine Gegner mehr vor dem Ex-Boxweltmeister im Mittelgewicht, stattdessen trifft er den heimischen Sandsack. „Das mache ich heute nur noch für mich. Ansonsten habe ich mit dem Boxen abgeschlossen“, sagt Sylvester (39). Nach seinem sportlichen Ruhestand im Jahr 2011 feilt der gebürtige Greifswalder derzeit an einer Art zweitem Karriereende.

„Ich habe heute sozusagen drei Jobs“, sagt Sylvester, der mit zehn Jahren zum ersten Mal im Ring stand, das Boxen in seiner Heimatstadt Greifswald unter Trainer Horst Femfert lernte und 2002 Profi wurde. Auch wenn er mit dem Boxen abgeschlossen hätte, bleibe er dem Sport treu, trainiere fünfmal in der Woche alles von Laufen, Radfahren und Kraftsport über Fußball bei den Greifswalder Hengsten und Ausdauer.

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„Wenn ich einen Vormittag plötzlich frei habe, weil ein Termin ausfällt - da braucht man nicht zu glauben, dass ich mich langweile. Dann esse ich einen Happen Frühstück extra und nehme mir zum Beispiel das Fahrrad und fahre 50 Kilometer.“ Gelegentlich leitet er zudem Fitnesskurse in einem Greifswalder Studio – sein Job Nummer eins.

Weltmeister arbeitet als Integrationshelfer in einer Schule

Die meisten seiner Vormittage verbringt Sylvester seit anderthalb Jahren in einer Görminer Schule bei Job Nummer zwei: Als Integrationshelfer betreut er dort einen Schüler. Ein Freund hätte ihn darauf gebracht, die Tätigkeit sei auch wegen der Arbeitszeit von morgens bis in den frühen Nachmittag attraktiv gewesen.

„Ich wusste am Anfang gar nicht, ob ich damit klarkommen würde, einen Schüler zu betreuen. Aber jetzt sind der Junge und ich ein gutes Team.“ Dass Sylvester jedoch still sitzt wie in der Schule, entspricht nicht seiner Natur. Bei seinem dritten Job packt er beim Aufbau von Partyzelten mit an oder hilft beim Entrümpeln auf Baustellen.

Boxkämpfe vor Fans in MV – „Wer will das nicht?“

Doch könnte er sich nach einer erfolgreichen Karriere im Boxgeschäft nicht zurücklehnen und seine Jobs aufgeben? „Ich müsste eigentlich nicht mehr arbeiten. Aber zum einen mache ich das gerne, denn ich bin ein Arbeitstyp, und zum anderen kann ich mir so Geld für Reisen dazuverdienen“, gibt er unumwunden zu.

Einen Teil seiner Gagen aus der Profizeit hätte er in Immobilien investiert. Sylvester blickt positiv auf seine Karriere zurück. „Du boxt vor 5000 Leuten und davon rufen 4800 deinen Namen und peitschen dich nach vorne. In Neubrandenburg hat es sich manchmal angefühlt, als wenn die Halle gleich explodiert. Wer will das nicht?“

Sebastian Sylvester (links) kämpfte 2010 in Neubrandenburg gegen den Russen Roman Karmazin. Der Kampf endete unentschieden nach Punkten, der Titelverteidiger aus Greifswald blieb damit IBF-Weltmeister. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa

Er könne gut ohne Ruhm leben, selten werde Sylvester heute auf der Straße erkannt. An seiner Laufbahn würde er nichts ändern – bis auf eine Sache. Er hätte das Boxteam „Wiking“, mit dem er 2002 Profi wurde, früher verlassen. Nach nationalen und europäischen Titeln unterlag Sylvester 2008 gegen Felix Sturm in Oberhausen nach Punkten in seinem ersten Kampf um eine Weltmeisterschaft.

Gewinn der Weltmeisterschaft im Mittelgewicht

„Ich dachte nach dem Kampf, dass ich in der falschen Kabine bin. Da war mein Team und hat gefeiert – obwohl ich gerade meinen Traum verloren hatte.“ Es hätte geheißen, dass es die Gage zu feiern gebe. Sylvester protestierte und entschied kurz danach, zum Boxstall Sauerland zu gehen. „Diese Situation war der Punkt, an dem ich wechseln wollte.“

Ein Wechsel mit Erfolg: 2009 wurde Sylvester, Kampfname Hurrikan, mit dem Sieg über Giovanni Lorenzo Weltmeister und blieb bis 2011 an der Spitze. Nach dem Verlust des WM-Titels und einer weiteren Niederlage beendete er seine aktive Karriere mit einer Bilanz von 34 Siegen (16 durch K. O.), fünf Niederlagen und einem Unentschieden und ruhte sich erst einmal aus, wie er sagt. Haus und Hof, Kindererziehung und Spaziergänge mit den Hunden – doch das wurde nach einer Zeit zu monoton.

Das zweite Karriereende von Sebastian Sylvester

Als Co-Trainer arbeitete er für den Boxstall Sauerland, zog 2014 für die CDU in den Kreistag Vorpommern-Greifswald ein und gibt seine Fitnesskurse. Er läuft bis heute beim Greifswalder Citylauf mit oder wetteifert bei Aktionstagen um sportliche Auszeichnungen wie das goldene Abzeichen des Deutschen Olympischen Sportbundes als Botschafter für den Sport.

Noch fünf Jahre wolle er so zwischen drei Jobs, seinem Haus und dem Sport leben. Dann wartet das zweite Karriereende; der Ex-Weltmeister wird womöglich zum Weltenbummler: „Mit 45 Jahren soll mit dem Arbeiten Schluss sein. Dann möchte ich die Welt bereisen“, blickt Sylvester voraus. Argentinien stünde auf seiner Liste, auch die USA hätten es ihm angetan. Las Vegas und San Francisco müsse er unbedingt besuchen. „Ich will auch New York erleben, diese stressige Stadt. In ein Taxi steigen und dem Fahrer sagen: Fahr einfach los.“ Wohnen bleiben werde er aber in Greifswald oder dem Umland.

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Von Christopher Gottschalk