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Greifswald „Der Umgang der Menschen untereinander verroht“
Vorpommern Greifswald „Der Umgang der Menschen untereinander verroht“
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14:51 26.04.2018
Seit 20 Jahren leitet Edeltraut Schmid die Förderschule in Behrenhoff. Quelle: Degrassi Katharina
Greifswald

Kehrtwende für die Förderschule in Behrenhoff: Jahrelang sollte die Schule mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung geschlossen werden, so wie alle Förderschulen in Mecklenburg-Vorpommern. Dort lernen Kinder aus dem gesamten Landkreis Vorpommern-Greifswald. Doch nun gehört sie zu jenen vier Einrichtungen, die dauerhaft Bestand haben werden. Das bestätigt Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD). Wir sprachen mit Schulleiterin Edeltraut Schmid.

OZ: Warum sind die Schüler an Ihrer Schule, nicht in Regelklassen integrierbar?

Edeltraut Schmid: Zu uns kommen Schüler mit extremen Verhaltensauffälligkeiten, die trotz intensiver sonderpädagogischer Förderung im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung an ihren Herkunftsschulen nicht mehr beschult werden konnten. Die Gründe sind vielschichtig: Aggressionen gegenüber Schülern und Lehrkräften, starke Unterrichtsverweigerung, Schule schwänzen in Verbindung mit kriminellen Handlungen. Aber auch Kinder mit massiven traumatischen Kindheitserlebnissen, die sie so schwer belasten, dass sie am „normalen“ Unterricht nicht teilnehmen können. Sie rutschen plötzlich in ihr Trauma und reagieren mit unkontrollierten Verhaltensweisen. Sie rasten sprichwörtlich aus, verbal und körperlich.

OZ: Können Sie ein Beispiel nennen?

Schmid: Wir hatten mal einen Schüler, der jeden Morgen aus dem Auto in die Schule getragen werden musste, weil er partout nicht in den Unterricht wollte. Der Junge hat immer wieder gerufen: „Ich bring’ mich um“. Das war vor allem für die Mutter schwer zu ertragen. Ich bin heute noch der Mutter dankbar, dass ihr Vertrauen uns gegenüber so groß war und sie mit uns gemeinsam die ersten Jahre ausgehalten hatte. Dieser Junge erlangte einen hervorragenden Schulabschluss und befindet sich jetzt in der Erzieherausbildung. Ein anderer Schüler hat sich zwei Jahre lang dem Unterricht verweigert. Er ist abgehauen, hat die Lehrer auf das Übelste beleidigt, sie tätlich angegriffen. So etwas muss ein Lehrer bei uns an der Schule aushalten können. Aber wir haben noch nie ein Kind aufgegeben. Es gab Fälle, in denen die Eltern ihr Kind von der Schule genommen haben. Von unserer Seite aus haben wir niemanden fallen lassen, sondern suchen für jeden eine individuelle Lösung. So wie für diesen einen Schüler, der Woche für Woche in einer anderen Klasse Unterricht hatte, mal bei den Kleinen, mal bei den Großen, weil seine Wissenslücken so unterschiedlich waren. Später hat er Einzelunterricht bekommen. Nun ist er endlich altersgerecht in seiner Klassengemeinschaft angekommen. Es ist oft ein langer harter Prozess. Unser Motto lautet: Jeder Crash bietet auch die Chance für einen Neuanfang.

OZ: Wie schaffen Sie das?

Schmid: Es ist nicht so, dass die Kinder nach Behrenhoff kommen und auf einmal ist das Leben in Ordnung. Wir sind keine Zauberer. Die Kinder sind speziell. Man kann erziehungsschwierige Kinder nicht über Sanktionen beschulen. Man braucht viel Einfühlungsvermögen und ein Kollegium das füreinander einsteht. In schwierigen Situationen, die täglich sind, halten wir es aus, beschimpft, beleidigt, bedroht und angegriffen zu werden. Wir halten das wütende Kind, bis wir gemeinsam reden können, suchen nach einem Lösungsansatz und Wiedergutmachung. Das kostet Kraft, Mut und eine große Portion Selbstbewusstsein, nicht an dem kaputt zu gehen, was auf einen einstürmt. Ganz wichtig ist deswegen das Vertrauen der Eltern und aller Personen, die mit dem Kind arbeiten, wie Jugendhilfe, Ärzte, Psychologen. Wenn das nicht da ist, fällt das Kind runter.

OZ: Wie kommt das bei Eltern an?

Schmid: Ganz unterschiedlich. Viele Eltern sind voller Dankbarkeit und Wertschätzung. Es gibt aber auch Eltern, die über uns herfallen, uns für das Fehlverhalten des Kindes verantwortlich machen, mit Anzeigen drohen und uns schlimm beschimpfen. Das hat zugenommen. Früher hatten die Eltern mehr Vertrauen in die Institution Schule.

OZ: Dann werden Sie von Eltern und Schülern beschimpft?

Schmid: Beschimpfungen sind heutzutage leider für viele normal geworden. Fresse, Scheiße und „Fick dich!“ sind salonfähig geworden. Selbst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kann ich verfolgen, wie Menschen auf diese Weise miteinander reden. Da muss ich mich doch nicht wundern, dass die Umgangsformen der Jugendlichen verrohen. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Erst sagt jemand: „Ich hau dir gleich eine runter“ und wenn man den Jugendlichen darauf anspricht, sagt er: „Das war doch nur Spaß“.

Sind die Umgangsformen das größte Problem?

Sie sind ein Schwerpunktthema. Ein anderes ist der fehlende Antrieb, etwas lernen zu wollen. Leider haben wir Kinder, die in Familien groß werden, in denen sie nichts anderes kennengelernt haben als Eltern, die nicht arbeiten. Es reicht nicht, die Sätze für das Arbeitslosengeld II zu erhöhen. Wir haben Schüler, die aus einem Hartz-IV-Haushalt kommen und trotzdem tolle Klamotten tragen. Und wir haben Schüler, in denen die Eltern zwar sehr viel arbeiten, das Einkommen aber gering ist, es für das Wenigste reicht. Ich würde allen Kindern ein kostenloses warmes Schulessen wünschen. Andere Probleme machen vor keiner Gesellschaftsschicht Halt. Kinder leben zum Teil sehr ungesund, kommen morgens mitunter todmüde in die Schule. Da kann ich den Unterricht noch so interessant gestalten, wenn ich müde bin, kommt das nicht an.

Wie sieht denn Ihr Unterrichtskonzept aus?

Möglichst viele Stunden werden fächerübergreifend und fächerverbindend vom Klassenleiter unterrichtet. Dadurch entsteht eine tieferes Vertrauensverhältnis zu den Schülern und der Unterrichtsstoff ist verständlicher. Wird beispielsweise das Thema behandelt „Die Entstehung und Entwicklung der Erde“, dann umfasst das Geschichte und Geographie. Die Fachtexte finden sie im in Deutsch, Berechnungen im Fach Mathematik und passend zum Thema Englischvokabeln.

Viele Jahre sollte Ihre Schule geschlossen werden; jetzt die Kehrtwende. Wie haben Sie das erlebt?

Sie sagten es eingangs: Die Schule bleibt erhalten. Wir haben noch nie so viel Beachtung und Wertschätzung erfahren wie in den vergangenen Monaten. Die Landrätin war vor zehn Jahren bei uns zu Besuch. Jetzt kam sie zweimal kurz hintereinander. Der Staatssekretär, die Schulaufsicht, das Referat für Sonderpädagogik waren hier. Sie alle haben sich mit unserem Konzept vertraut gemacht. Jahrelang hingen wir in der Schwebe. Jetzt bekommen wir Signale, dass wir unterstützt werden, dass unsere Arbeit hier wichtig ist. Das ist ein tolles Gefühl.

Die Schulgebäude sind seit Jahren extrem sanierungsbedürftig.

Das stimmt. Weil seit Jahren nicht klar war, wie es mit der Förderschule weitergeht, wurde die Sanierung der Gebäude immer wieder verschoben. Es ist längst fünf vor zwölf. Für alle – Kinder, Lehrkräfte und Eltern – ist dieser über Jahre andauernde Zustand kaum auszuhalten.

Ebenfalls mehrere Jahre im Gespräch war, dass die Förderschule von Behrenhoff nach Loitz zieht, weil dort Gebäude frei werden, die deutlich besser in Schuss sind. Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Schule?

Ein neues Gebäude in Behrenhoff. Der Standort ist gut, wir sind in der Gemeinde akzeptiert, was uns sehr wichtig ist. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass verhaltensauffällige Kinder akzeptiert werden. Die Schule ist dicht an Greifswald gelegen, aber eben nicht in der Stadt. Das wäre sehr schwierig, denn wir brauchen für unsere Kinder einen geschützten Raum. Wegen der großen Unsicherheit in der Standortfrage habe ich leider die ersten Versetzungsanträge von Lehrkräften bekommen. Das ist für unsere Schulentwicklung sehr schade.

Degrassi Katharina

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