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Greifswald Die Geschichte hinter einem Foto von Sassnitz 1867
Vorpommern Greifswald

Der erste Landschaftsfotograf von Rügen

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09:06 23.08.2021
Die Aufnahme von Sassnitz aus dem Jahre 1867.
Die Aufnahme von Sassnitz aus dem Jahre 1867. Quelle: Archiv Frank Biederstaedt
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Sassnitz

Wenn das entlegene Vorpommern in der Fotogeschichte auch keine herausragende Stellung einnimmt, findet man dennoch Fotografen, die für die Region überaus bedeutend waren. Besonders der seit 1858 in Stralsund tätige Julius Krüger verdient nicht nur durch verfasste Lehrbücher besondere Beachtung, sondern auch durch seine Förderung des neuen Mediums. Die Aufnahme als Mitglied des „provisorischen Comités zur Gründung eines Deutschen Photographenvereins“ unterstreicht seinen guten Ruf.

Ebenso scheint er der erste Fotograf in Stralsund und auf der Insel Rügen gewesen zu sein, der sich mit Landschaftsaufnahmen auseinandersetzte und diese zum Kauf anbot. Ein erstes Inserat dieser Art erschien von Krüger am 2. September 1859 in der „Stralsundischen Zeitung“, als er „Photographien der vorzüglichsten Gebäude, Ansichten etc. von Putbus und Umgegend“ dem Publikum offerierte.

Vom „großartig schönen Rügen“ begeistert

Eine zu dieser Zeit fast unrealisierbare Aufgabe bestand in der Ablichtung von Küstenlandschaften- oder Orten von See aus, da aufgrund der langen Belichtungszeiten von mehreren Sekunden und durch die Instabilität von Booten die Aufnahme eigentlich nur misslingen konnte. Krüger hatte sich intensiv der Lösung dieser Aufgabe verschrieben, wie folgendes Zitat beweist: „Seit Jahren beschäftigt mit landschaftlichen Aufnahmen, erfasste mich stets ein unbefriedigtes Verlangen, die reizenden Uferpartien der lieblichen und auch wiederum so großartig schönen Insel Rügen zu photographieren. Allein ein Wahn erschien es mir, hinaus in’s Meer zu fahren und dort vom schwankenden Boote aus arbeiten zu wollen.“

Skizze aus der „Photografischen Korrespondenz“ 1868, die die Aufnahmetechnik illustriert Quelle: Repro Frank Biederstaedt

Die Lösung gelang ihm mit einer simplen aber genialen Idee, für die er sich das damalige Fischerdorf Sassnitz, zu dieser Zeit erst am Beginn seiner Metamorphose zum Seebad stehend, als Motiv erwählte. Die Umsetzung realisierte Krüger durch die Konstruktion eines überdimensionalen Stativs, welches er aus Masten kleiner Fischereifahrzeuge herstellte. Nach Auslotung der Wassertiefe an dem von ihm ausgesuchten Blickpunkt, präparierte Krüger die Masten, die unten beschwert mit Gewichten vor Ort in den Meeresboden gerammt, oben gegabelt und fixiert wurden, um sie als etwa 12 Meter langes Stativ für die Kamera zu verwenden.

Ankerketten wurden zum Manövrieren genutzt

Auf dem Boot war ein Dunkelzelt für die chemischen Prozesse eingerichtet worden, zudem erfolgten von hier aus auch alle handwerklichen Schritte zur Herstellung der Aufnahme wie das Einsetzen der präparierten Platte, das Entfernen und Wiederaufsetzen der Linsenklappe für die Belichtung sowie die Entnahme der belichteten Platte. Dabei bestand immer die Gefahr, dass das Boot während der Aufnahme das Stativ berührte und die Aufnahme unbrauchbar machte. Durch die Verwendung zweier an Bug und Heck befestigter Ankerketten, die es ihm gestatteten, sich mit dem Boot vor und zurück zu bewegen, konnte er halbwegs sicher manövrieren.

Die Aufnahme gelang, und deren Entstehung und Machart wurden 1868 in der Fachzeitschrift „Photographische Correspondenz“ dem Fachpublikum vorgestellt. Noch in den 1890er-Jahren wurde Krügers Vorschlag zur Ablichtung von Küstenorten in Lehrbüchern aufgegriffen.

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Der Entwicklung der Zeit folgend, wurde die Belichtung aber nun durch einen pneumatischen Verschluss mit Kautschukschlauch empfohlen, was die direkte Berührung der Kamera während des Prozesses hinfällig machte. Die rasante Entwicklung der Kameratechnik erlaubte es aber bald, durch immer kürzere Belichtungszeiten auch von Booten aus freihändig zu fotografieren.

Krüger sorgte für pittoreske Aufnahmen

Das Fischerdörfchen Sassnitz, gelegen zwischen See und den sanften Hügeln der Stubnitz, wird von Krüger auf pittoreske Art und Weise dargestellt: Wo kleine Gärten bescheidene Häuser umgeben und sich unter schattenspendenden Bäumen Einheimische und Badegäste die neuesten Tagesbegebenheiten austauschen, wo Fischerboote am Strand auf die nächste Ausfahrt zum Fischfang oder mit Touristen warten und wo die zum Trocknen aufgehängten Netze für alle sichtbar die Tradition des Ortes verkünden, vermittelt Krügers Ansicht von Sassnitz vor allem Ruhe und Zufriedenheit, in die wir uns, den schweren Alltag der damaligen Bewohner gerne ignorierend, romantisch hineinträumen.

Blick auf Sassnitz im Jahre 2015 Quelle: Sammlung Frank Biederstaedt

Dann wiederum ist Krügers Fotografie ein höchstbedeutendes Zeitdokument, was uns im Fall von Sassnitz eine Szenerie liefert, die nur wenige Jahre später schon Geschichte ist und die umso mehr Bedeutung erfährt, wenn man sich die Mühen Krügers zur Herstellung dieser Ansicht vergegenwärtigt.

Von Frank Biederstaedt