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Greifswald Deutschlandatlas: Vorpommern muss jetzt aktiv werden
Vorpommern Greifswald Deutschlandatlas: Vorpommern muss jetzt aktiv werden
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08:36 21.08.2019
Professor Daniel Schiller, Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeografie an der Universität Greifswald Quelle: Martina Rathke
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Greifswald

Die Kluft zwischen Boomregionen und dem platten Land wächst, Wähler in ländlichen Regionen wenden sich von den großen Volksparteien ab – die Problemlage ist seit Jahren bekannt. Die Bundesregierung hat nun signalisiert, den Weckruf verstanden zu haben. Nach der letzten Bundestagswahl mit teils desaströsen Wahlergebnissen setzte die Koalition von Union und SPD die Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ ein. Nun verspricht sie Hilfen für abgehängte Regionen. Doch wie belastbar sind die Vorschläge, die die drei Bundesminister Horst Seehofer (CSU), verantwortlich für Inneres und Heimat, Familien- und Sozialministerin Franziska Giffey (SPD) und Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) im Juli vorstellten? Und was bedeuten sie für Vorpommern?

„Die formulierten Ziele sind sinnvoll, auch der Ansatz, die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse als Querschnittsaufgabe der gesamten Bundesregierung anzusehen“, sagt der Greifswalder Professor für Wirtschafts- und Sozialgeografie, Daniel Schiller. „Aber es bleibt windelweich. Vieles bleibt unkonkret, ist ohne eine Finanzierung hinterlegt“, so sein Fazit.

Binnenwanderung zeigt: Vorpommern ist attraktiv

Vorpommern, das geht aus den Daten des von der Kommission vorgelegten Deutschlandatlas hervor, gehört zu den strukturschwachen Regionen. Die Ergebnisse überraschen auf den ersten Blick nicht. Aber auf den zweiten. „Es sind die bekannten Schwächen deutlich geworden“, sagt Schiller. Die wirtschaftliche Dynamik seit trotz Boomphase der deutschen Wirtschaft insgesamt in Vorpommern begrenzt. Die Finanzschwäche der Kommunen sei groß, die Arbeitslosigkeit im Vergleich zu anderen Regionen immer noch hoch. Dennoch deuten Daten zur Binnenwanderung an, dass Vorpommern als Wohn- und Arbeitsort attraktiv wird. Mit einem Plus von mehr 30 Zuwanderungen pro 10 000 Einwohner gehören die beiden Vorpommern-Kreise zu den begehrtesten Zielen bei Umzügen.

Eine so detaillierte Datensammlung wie den Deutschlandatlas gab es nach Einschätzung des Greifswalder Professors bislang noch nicht. „Was man kennt, sind Rankings, die viele Indikatoren vermischen und nach einer Art Bundesligatabelle die Regionen für zukunftsfähig erklären oder nicht.“ Hier habe man Einzelindikatoren und das mache alles viel konkreter. „Man weiß jetzt, über welche Unterschiede wir sprechen.“ Und: Vorpommern ist nicht allein, auch andere Regionen hätten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen.

Viele Ideen, aber Finanzierung bleibt vage

Doch wie soll den strukturschwachen Regionen geholfen werden, damit die Kluft zu den Metropolregionen nicht größer wird? „Förderung muss eine Frage des Bedarfs, und nicht der Himmelsrichtung sein“, sagte Agrarministerin Julia Klöckner bei der Vorstellung der Daten im Juli. Die Bundesregierung macht zwölf Handlungsfelder aus: Mit staatlichen Mitteln soll der Breitbandausbau dort gefördert werden, wo sich die Installation für private Telekommunikationsunternehmen wirtschaftlich nicht lohnt. Der Bund will beim Altschuldenabbau helfen und mit Fördermitteln die Sanierung von Ortskernen fördern. Eine konkrete Antwort, wie die Maßnahmen finanziert werden sollen, blieben die Minister allerdings schuldig, bemängelt Schiller. Bisher handele es sich um Absichtserklärungen.

Auch will die Bundesregierung Bundeseinrichtungen und Forschungsinstitute in Regionen abseits „überhitzter Metropolregionen“ locken. Der Greifswalder Wirtschaftsgeograf ist allerdings skeptisch, ob damit wirkliche Impulse in ländlichen Regionen gesetzt werden können. „In der Regel bringen Bundesbehörden nur direkte Arbeitsplätze und deren Kaufkraft in die Region“, so Schiller. Zusätzliche Effekte durch Ausgründungen seien nicht zu erwarten. Auch eine Verlagerung von Forschungseinrichtungen sieht der Wissenschaftler verhalten. „Wissenschaftseinrichtungen benötigen eine kritische Masse, leben von der Zusammenarbeit und dem Austausch auf einem Campus.“

Infrastruktur, Infrastruktur, Infrastruktur

Den Schlüssel zur Belebung ländlicher Regionen sieht der Greifswalder Forscher in der Verbesserung der Infrastruktur, nicht nur des Internets. Die Pendlerströme zeigen, das Vorpommern auch bei der Anbindung an die Zentren Hamburg und Berlin noch immer schlecht aufgestellt ist. „Die Ausdünnung des Bahnnetzes trägt eher dazu bei, dass sich ein Gefühl des Abgehängtseins verstärkt“, so der Forscher. Bedauerlich sei, dass der Minister, der für schnelles Internet und Straßen zuständig ist, keinen prominenten Platz in der Regierungskommission hatte. „Das Verkehrsministerium hat eher eine Nebenrolle gespielt, obwohl dort die großen Mittel für Infrastrukturvorhaben liegen“, kritisiert Schiller. Deshalb sei er skeptisch, ob sich ein „großer Wurf“ erreichen lässt. Denn nur mit Steuergeld – das sei klar – ließen sich ländliche Regionen beleben.

Niemand wartet in Berlin auf Vorpommern

„Es wartet in der Bundesregierung keiner darauf, dass Vorpommern aktiv wird“, meint der Greifswalder Wirtschaftsgeograf. Die Kreise müssten jetzt selbst intelligente Strategien entwickeln und diese mit Forderungen gegenüber dem Bund verknüpfen. Greifswald versuche, die kreative Gründerszene anzusprechen. Die Wirtschaftsfördergesellschaft definiere Vorpommern als Deutschlands Sonnendeck und versuche damit, das Image positiv umzuwerten. Das seien positive Ansätze, sagt Schiller.

Was sagen die Kreise?

Die Reaktionen sind verhalten. „Grundsätzlich begrüßen wir das Interesse der Bundesregierung an ländlichen Regionen und sind für jede tatkräftige Unterstützung in sinnvoller Form dankbar“, sagt Vorpommern-Greifswalds Vizelandrat Jörg Hasselmann (CDU). Das Beispiel Breitbandausbau zeige allerdings deutlich, dass sich der Versuch des Bundes, dem sogenannten flachen Land unter die Arme zu greifen, in der praktischen Umsetzung oft nicht so einfach gestaltet. Vorpommern-Greifswald will nicht auf Hilfe warten, sondern die Region aus eigener Kraft zukunftsfähig machen. Der Deutschlandatlas bilde dabei eine Orientierungshilfe. „Ob sich auf dessen Basis Förderprogramme für uns in größerem Umfange als bislang erschließen lassen, bleibt abzuwarten“, so Hasselmann.

Vorpommern-Rügens Landrat Stefan Kerth (SPD) wertet die Daten als Grundlage, um nun gezielter Fördermittel für die Region einzufordern. „Die Lage für ganz Vorpommern ist ernst, aber nicht hoffnungslos“, sagte er. Er vertraue auf die Ankündigungen der Bundesregierung, sich weiterhin um Vorpommern zu kümmern. Erwartet werden Programme zum weiteren Ausbau der Infrastruktur – insbesondere von Straße, Schiene und 5G sowie zur Stärkung des ländlichen Raumes und Programme, die helfen, die wirtschaftlichen Kreisläufe in Schwung zu bringen – also Hilfen, die die Schwächen der Region ausgleichen. Kerth erwartet, dass mit den Daten im Rücken der Zugang zu Förderprogrammen vereinfacht wird. „Darüber hinaus werden wir uns weiterhin bundesweiten Wettbewerben stellen, um spezielle Förderprogramme für uns einzuwerben.“

Von Martina Rathke

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