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Greifswald „Die Eifersüchteleien müssen aufhören“
Vorpommern Greifswald „Die Eifersüchteleien müssen aufhören“
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08:00 21.04.2018
Der Greifswalder Dirk Scheer möchte Landrat von Vorpommern-Greifswald werden. Quelle: Peter Binder
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Greifswald/Wolgast

Vorpommern-Greifswald. „Damit dat läuft in VorpommernGreifswald“ will Dirk Scheer vom Dezernenten zum Landrat aufsteigen. Die Region habe sich gut entwickelt, besitze aber noch erhebliches Potential, ist der 56-Jährige überzeugt. OZ sprach mit dem parteilosen Landratskandidaten über Herausforderungen, Ansichten, Ziele und seinen Wahlkampf.

OZ: Als Kandidat ohne Parteibuch haben Sie es nicht leicht, den Wahlkampf zu finanzieren. Ihr Versuch, Spenden über einen neuen Verein einzuwerben, scheiterte. Wirft Sie das zurück?

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Dirk Scheer: Nur unwesentlich. Da der Verein keine Spendenquittungen ausreichen darf, wurden die Spenden zurück überwiesen, der Verein liquidiert. Doch was wichtiger ist: Viele Menschen wollen trotzdem einen Beitrag leisten, dazu habe ich ein Konto eingerichtet. Ich habe so viel Unterstützung von der Familie und von Freunden – das hilft sehr.

OZ: Die Linksfraktion im Kreistag hat erklärt, Sie unterstützen zu wollen, weil Sie sich mit großem Engagement für soziale Belange einsetzen. Hilft die Partei auch finanziell?

Dirk Scheer: Nein. Trotzdem freue ich mich über jede Unterstützung als unabhängiger Kandidat. Dazu stehe ich. Ich habe keinen riesigen Parteiapparat hinter mir wie andere. Mit dem Aufhängen der Wahlplakate habe ich zum Beispiel eine Firma beauftragt.

OZ: Das Blau auf Ihren Wahlplakaten erinnert an die AfD-Werbung.

Dirk Scheer: Das Blau wirkt frisch, maritim und hat einen rein gestalterischen Aspekt. Alle anderen Gedanken dazu sind Unfug.

OZ: OZ-Leser fragen sich, warum auf Ihren Plakaten Vorpommern-Greifswald ohne Bindestrich steht. Ein Schreibfehler?

Dirk Scheer: Nein, das ist eine klare Botschaft: Ich möchte die Kluft zwischen Stadt und Land schließen. Die Eifersüchteleien müssen aufhören. Der Landkreis Vorpommern- Greifswald ist nur stark mit Ober- und Mittelzentren und dem ländlichen Raum.

OZ: In Ihren Wahlzielen sprechen Sie sich für einen starken Mittelstand aus, damit Arbeit in der Region bleibt. Wie wollen Sie das erreichen?

Dirk Scheer: Der Mittelstand muss zur Chefsache werden. Wir müssen dafür einen eigenen Bereich schaffen, um zum Beispiel Genehmigungsverfahren transparenter und effizienter zu gestalten. Verwaltungsmitarbeiter sollten die Möglichkeit erhalten, in der Wirtschaft Praktika zu absolvieren, um das Verständnis füreinander zu verbessern. Ein Riesenproblem ist auch der Fachkräftemangel – ob im Baugewerbe, in der medizinischen Versorgung oder in der Gastrobranche. Dieses Problem können wir nur lösen, indem wir die Rahmenbedingungen verbessern. Wir brauchen hochqualifizierte Arbeitskräfte und müssen bei deren Akquise zu den Ballungszentren schauen. Wir müssen den ländlichen Raum attraktiver machen für Menschen aus Berlin oder anderen Großstädten und zugleich dafür sorgen, dass die jungen Leute, die hier ausgebildet werden, bei uns bleiben.

OZ: Wie soll das gelingen?

Dirk Scheer: Unser Landkreis, der drittgrößte in Deutschland, ist besser als sein Ruf. Die Herausforderungen nach der Kreisgebietsreform waren riesig. Aber das ist ein Prozess. Wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen. Trotzdem haben wir im ländlichen Raum sehr viel erreicht.

OZ: Zum Beispiel?

Dirk Scheer: Nehmen wir den öffentlichen Personennahverkehr, der heute hauptsächlich über den Schülerverkehr erfolgt. Der Landkreis gibt dafür jährlich ca. elf Millionen Euro aus, bekommt drei vom Land erstattet. Außerhalb des Schülerverkehrs gibt es den Nahverkehr im ländlichen Raum aber fast gar nicht. Deshalb müssen wir die Strukturen dringend ausbauen. Im Amt Peenetal/Loitz ist uns das 2017 mit dem Rufbus „Ilse“ gelungen. Für Jarmen/Tutow soll das Konzept 2018 greifen. Und dann müssen wir dieses Angebot weiter ausdehnen – auf den gesamten Landkreis. Der Kreistag hat dafür mit dem Verkehrsentwicklungskonzept die Weichen gestellt. So kann das Umland auch für junge Familien wieder attraktiver werden.

OZ: Der Trend ist doch aber ein anderer: Immer mehr Menschen kehren den Dörfern den Rücken, weil sie in der Stadt mehr Versorgungsleistungen nutzen können. Ganz zu schweigen vom schlechten Internet auf dem Land...

Dirk Scheer: Das kann ich so nicht bestätigen. In den Städten wird der Wohnraum knapp, die Mietpreise klettern immer weiter in die Höhe, Kapazitäten in Kitas sind begrenzt. Deshalb ziehen Familien aufs Land. Und zum Thema Internet: Wir brauchen ganz dringend schnelles Internet – auf dem Land und in der Stadt. Die Frage ist nur, ob wir uns bei der Umsetzung an große Konzerne binden müssen. Pasewalk hat es vorgemacht, dass es mit den Stadtwerken als Investor einfacher und schneller geht.

OZ: Sie brachten das Stichwort Kindertagesstätten. In Greifswald gibt es angesichts fehlender Betreuungsplätze viel Unmut. Zuständig ist der Kreis. Gab es in dem Bereich Versäumnisse?

Dirk Scheer: Schuldzuweisungen helfen hier überhaupt nicht. Stadt und Kreis arbeiten jetzt eng zusammen, es gab da ein Umdenken. Insofern bin ich optimistisch, dass wir das Problem lösen. Auf dem Kitagipfel im März wurde ein Acht-Punkte-Plan erarbeitet, weitere Treffen wird es in Kürze geben, auch mit verschiedenen Partner. Wir wollen zum Beispiel freie Träger motivieren, ihre Betreuungskapazitäten auszubauen – auch ohne Fördermittel. Denn die drei Millionen Euro vom Bund reichen hinten und vorn nicht. Helfen kann zum Beispiel die Bereitstellung von kostengünstigen Grundstücken und veränderten Kalkulationsgrößen.

OZ: Ein Ärgernis ist auch das Kitaportal, das über den Bedarf an Plätzen Auskunft geben soll. Doch die Pflege des Portals ist keine Pflicht, nur 70 Prozent der Träger nutzen es.

Dirk Scheer: Wir wollen diesen Punkt in die nächsten Platzkostenverhandlungen mit den Trägern aufnehmen, damit alle Träger dieses Portal nutzen und pflegen. Damit erhalten die Eltern die Chance, sich besser zu informieren.

OZ: Ein großes Thema für Sie als Sozialdezernent ist die medizinische Versorgung im Kreis inklusive Rettungsdienst. OZ-Leser Ronny Brösemann meint, dass der Kreis schlecht auf Großschadenslagen wie Massenunfälle vorbereitet ist. Was sagen Sie dazu?

Dirk Scheer: Das stimmt so nicht, der letzte schwere Unfall auf der A20 hat das Gegenteil bewiesen. Derzeit überarbeitet der Kreis sein Katastrophenschutzkonzept. Es geht um die Szenarien Waldbrand, Hochwasser und Stromausfall. Im Rettungsdienst haben wir im Kreis gemeinsam mit dem Eigenbetrieb und der Universitätsmedizin Greifswald sehr viel erreicht. Unser Projekt „Landretter“, wofür wir 5,5 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds erhielten, ist beispielgebend. Das haben uns Vertreter anderer Landkreise bestätigt. Das Projekt stützt sich auf vier Säulen, von denen drei bereits in betrieb sind: Laienreanimation, Retter-App und Telenotarzt. Vorpommern-Greifswald besitzt in diesen Dingen die größte Kompetenz.

OZ: Wenn es um medizinische Versorgung geht, ist immer wieder das Kreiskrankenhaus Wolgast Thema. CDU- Landratskandidat Michael Sack will sich dafür einsetzen, dass der Kreis die Einrichtung von der Unimedizin zurückkauft. Was halten Sie davon?

Dirk Scheer: Diese Forderung ist unredlich. Die Unimedizin müsste das erst einmal wollen. Dazu kommt, dass der Landkreis noch einen Riesenberg an Altschulden hat. Das Land müsste zudem den Rückkauf genehmigen. Das sehe ich nicht. Wichtig ist doch, dass sich die Situation im Krankenhaus stabilisiert und potentielle Fachkräfte nicht abgeschreckt werden. Der Kreis hält 5,1 Prozent der Anteile, hat aber bislang kaum Einfluss geltend machen können. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Landkreis künftig mehr an Entscheidungen des Beirates teilhaben wird. Signale dafür gibt es aus der Unimedizin.

OZ: SPD-Kandidatin Monique Wölk will die Kreisumlage senken, um die Gemeinden zu entlasten. Sie auch?

Dirk Scheer: Die Umlage wurde bereits abgeschmolzen. Sicher reicht das noch nicht aus, jedoch muss das mit Augenmaß gemacht werden. Denn wir wollen Altschulden reduzieren, aber auch freiwillige Aufgaben, wie Schulsozialarbeit, Beratung, Sport und Jugend finanzieren können. Die Finanzsituation des Kreises hat sich stabilisiert. Trotzdem können wir nicht alles allein schultern. Ich denke etwa an die Kreisstraßen, viele sind marode. Das Land hat zwei Milliarden Euro in den Sparstrumpf gesteckt. Sollen sich Vorpommern-Greifswald und andere Kreise weiterentwickeln, muss da hineingegriffen werden.

OZ: OZ-Leser Gregor Kochhan möchte wissen, ob Sie heute immer noch der Meinung von 2015 sind, dass die Proteste der Geflüchteten gegen die Verhältnisse in der Turnhalle Feldstraße von ehrenamtlichen Helfern gesteuert waren.

Dirk Scheer: Aus der damaligen Perspektive standen wir vor einer großen Herausforderung, die der Landkreis und viele Ehrenamtliche gemeinsam gemeistert haben. Nur das zählt.

Interview: Petra Hase

Hase Petra

21.04.2018
21.04.2018