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Greifswald Erfindung der Störtebeker-Spiele auf Rügen
Vorpommern Greifswald Erfindung der Störtebeker-Spiele auf Rügen
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17:17 09.12.2018
Heidemarie Klühs und Fritzchen Wussow waren aktive Tänzer in der Neukamper Volkstanzgruppe. Quelle: privat
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Putbus/Wreechen/Ralswiek/Greifswald

Vor 50 Jahren entschieden Kulturpolitiker im Rosencafé Putbus, an der Boddenküste die Lebensgeschichte des Piraten Klaus Störtebeker auf eine eigens dafür gebaute Freilichtbühne zu bringen.

Aufregung herrschte wenige Monate später unter den Jugendlichen, die aus vier südostrügenschen Dörfern regelmäßig zu Volkstanzstunden zusammenkamen. Für die Aufführung des Theaterstücks vom mutigen Seeräuber wurden im Frühjahr 1959 Tänzer gesucht, die neben den Balletttänzern des Putbusser Theaters allabendlich unter dem Ostseehimmel auftreten sollten. Das war die Herausforderung für die „Volkstanzgruppe Neukamp“, die sich mit ihrer jungen Lehrerin Eleonore Mann in der kleinen Dorfschule von Krakvitz zum Tanzunterricht traf. Sie brachte ihnen bei flottem Akkordeonspiel das Tanzen bei und organisierte inselweite Auftritte. Den weiten Weg zu Fuß und über die Felder dahin nahmen die Tanzschüler gern in Kauf, so erinnern sich die Teilnehmer noch heute, denn allen jungen Leuten machte das Tanzen einfach Spaß.

Und nun das Angebot des Jahres, das sie gern annahmen. Denn in fast fünf Jahren hatten sie regelmäßig neue Tänze und Tanzschritte einstudiert. Einmal in der Woche durfte an dem Abend nichts anderes stattfinden. Training und Vorführungen wechselten sich ab. Sie waren auf der ganzen Insel aufgetreten, um in Kulturhäusern oder auf LPG-Bällen ihr Können unter Beweis zu stellen. Die Truppe wurde sogar im Jahr 1958 Kreismeister und zeigte mit 12 Tänzerinnen und Tänzern, was sie bei „ihrem Fräulein Mann“ gelernt hatte. Aber nun sollte ein weit aus größeres Publikum die Tanzkunst begutachten, bewundern oder zerreden.

Das kleine Fischerdorf Ralswiek wurde von den Kulturchefs aus Kreis und Bezirk auserkoren, um als Freilichtbühne ausgebaut Schauplatz für die „Rügenfestspiele“ zu werden. Die sagenträchtige Bucht, wo auch Seeräuber ihr Versteck gefunden haben sollen, eignete sich zur Aufführung des Theaterstücks aus der Feder des DDR-Schriftstellers Kurt Barthel, der 1959 die dramatische Ballade „Klaus Störtebeker“ eigens für diesen Zweck geschrieben hatte. Die Bühne vor dem Jasmunder Bodden mit einem historischen Bühnenbild, Zuschauerbänke für zahlreiche Besucher sowie Buden und Stände für Hungrige und Durstige baute man in nur fünf Monaten auf. Ralswiek mauserte sich zu einem Festspielort.

An der Großunternehmung, die für die Insel Rügen in der jungen DDR einen organisatorischen Kraftakt bedeutete, waren Tausende von der Insel und dem Festland beschäftigt. Fast 1.000 Menschen spielten jeden Abend auf der Bühne mit, viele andere sorgten für Einlass und Verkauf, Service und Bewachung. Ein Spektakel sollten die Festspiele werden, die sich für Rüganer und Urlauber zu einem bleibenden Erlebnis entwickelten.

Und die Tänzer aus dem Südosten der Insel durften dabei sein. Vor der Uraufführung im Sommer 1959 fanden einige Proben statt. Alle mussten als Statisten in den unterschiedlichen Szenen mit Beteiligung armer schaulustiger, ängstlicher oder mutiger Leute dabei sein. In einer Szene allerdings wurde zum Tanz aufgespielt – die große Stunde der Jugendlichen von der ganzen Insel. Sie studierten bis dahin fast jeden Abend die Tänze für die Vorstellung ein. Alles musste perfekt sitzen und ins Stück passen; niemand wollte sich blamieren.

Zur Probe wurden die jungen Leute von zu Hause mit einem Barkas abgeholt, so wie an jedem der Theaterabende auch. Andere schliefen in Zelten im Wald und genossen den herrlichen Park von Ralswiek gleich unter dem hochherrschaftlichen Schloss des Grafen Douglas. Damit aber noch nicht genug des Staunens: Jeden Abend herrschte ein buntes Gewimmel auf dem Gelände, von Einkaufsrausch ist die Rede. Kein Wunder, denn Konsum und HO haben an den Abenden all das aufgefahren, was Rüganer sonst nur zu Weihnachten sahen und dann rationiert bekamen: Bananen, Apfelsinen und Pfirsiche bestimmten das Streben der Leute. Man konnte fast den Eindruck haben, dass viele nur wegen der leckeren Sachen zu den Festspielen kamen.

Die eigentliche Bewunderung aber ernteten die Schauspieler, die ohne Mikrofon und Verstärker ihre Rollen spielten. Das spornte die jungen Tänzer an, in dem nichts nachzustehen. Sie wollten ebensolche Bestleistungen zeigen. Was ging in ihren Köpfen am ersten Abend vor? Konnten sie sich Lampenfieber leisten? Saßen alle Schritte und passten sie auch zur Musik? Regina Farin, geb. Wittmüß aus Wreechen, erinnert sich genau daran: „Wir alle waren an jedem Abend so aufgeregt, aber auch sehr stolz, bei diesem beeindruckenden Kulturspektakel auf Rügen dabei zu sein.“

Nach den ersten Aufführungen hielt Routine Einzug. Die folgenden zwei Sommer gehörten Störtebeker, in der verbleibenden Zeit übten die Tänzer an neuen Stücken. Die Mutter der Tanzlehrerin hatte dafür wieder Kleidung genäht. Die Dorfschule verwandelte sich einmal in der Woche in eine Tanzbühne. Immer wieder unterhielten sie sich dann auch über ihre Erlebnisse bei Störtebeker, wie sie seitdem die Festspiele von Ralswiek nannten. Die Freude auf das nächste Mal drückte die Aufregung, die sich jedes Mal kurz vor neuem Spielbeginn aber wieder einstellte.

André Farin

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