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Greifswald „Die Kreisgebietsreform trägt faule Früchte“
Vorpommern Greifswald „Die Kreisgebietsreform trägt faule Früchte“
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21:34 06.06.2018
Geboren

Bei der Stichwahl am Sonntag entscheidet sich, wer die Nachfolge von Dr. Barbara Syrbe (64/Die Linke) antritt. Der Posten des Landrates wird Ende Oktober frei, dann sagt die Karlshagenerin dem Job an der Verwaltungsspitze des Großkreises Vorpommern- Greifswald nach 17 intensiven Jahren adé. Im Interview spricht sie über Erfolge und Wünsche, blickt voraus und deutet an, womit sie ab dem Herbst ihre Zeit sinnvoll verbringen will.

Barbara Syrbe: Im Herbst endet ihre Ära als Landrätin. Für die Zeit danach sucht die Linken-Politikerin noch nach einem Ehrenamt. Quelle: Foto: Steffen Adler

Man könnte sich gut vorstellen, dass Sie die Landratswahl anno 2018 mit Gelassenheit verfolgen. Wie bewerten Sie den Ausgang der ersten Runde, und womit rechnen Sie für die Stichwahl?

Richtige Sorgen macht mir die niedrige Wahlbeteiligung. So wie es namhafte Politikwissenschaftler formuliert haben, sehe ich es auch: Die Kreisgebietsreform trägt hier leider faule Früchte. In ihrem Ergebnis sind große, unübersichtliche Gebietskörperschaften entstanden, mit denen sich die Menschen nicht mehr identifizieren können. Das ist fatal. Aber die vielen Zweifel und Kritiken wurden ja seinerzeit weggewischt.

Und die personelle Konstellation vor dem 10. Juni?

Von den beiden Kandidaten, die nun noch einmal gegeneinander antreten, kenne ich nur Michael Sack, den Kreistagspräsidenten und Bürgermeister von Loitz. Ich erlebe ihn als hochmotiviert. Er kennt sich in der Verwaltung aus und hat im Interesse der Kommunen das Herz auf dem rechten Fleck.

Halten Sie es für realistisch, dass Landräte, aber auch Bürgermeister und Gemeindevertretungen, in absehbarer Zeit mehr gestalten als verwalten können? Und wenn ja, was wäre dafür nötig?

Ich denke, wir haben schon bewiesen, dass man neben dem Verwalten auch gestalten kann. Zum Beispiel haben wir die Arbeitsmarktpolitik, als das möglich wurde, in die eigenen Hände genommen. Und zwar mit sehr gutem Erfolg. Und auch der Gewinn von Bundesprojekten zur Gestaltung ländlicher Regionen hat uns zu einem gefragten Gesprächspartner gemacht. Schließlich haben wir die Umsetzung der Gebietsreform nach einem eigenen Modus vollzogen. Ich zitiere da gern Bismarck, der gesagt haben soll, dass man mit einer ordentlichen Verwaltung auch bei schlechten Gesetzen ganz gut regieren kann.

Umgekehrt wäre das nicht möglich.

Beim jüngsten CDU-Wirtschaftsrat in Wolgast wurde gefordert, dass der Landkreis bei der Beseitigung des Verkehrschaos’ auf Usedom mehr Lokomotive für Veränderungen sein und die Kommunen viel stärker mitreißen müsse. Warum war das bislang so schwierig? Oder ist das Ganze gar eine Illusion?

Vor Jahren gab es ein vom Bund finanziertes Verkehrskonzept für Usedom. Daraufhin wurde eine Sondergruppe von Kreispolitikern ins Leben gerufen. Wir haben uns die Köpfe heiß geredet, was man denn kurz-, mittel- und langfristig umsetzen könnte und sollte. Der Kreisverkehr in Koserow und die Anzeigetafeln am Schmollensee und bei Moeckowberg sind, wenngleich wenige, aber doch vorzeigbare Ergebnisse. Das ist immerhin etwas, aber ich hatte mir mehr erhofft. Etwa die schnellere Fertigstellung der Ortsumgehung für Wolgast, auch jene für Zirchow sowie mehr Verständnis und Unterstützung für die Süd-Bahnanbindung Usedoms via Karnin.

Doch die Zeit ist schnelllebig, schon entstehen neue, gravierende Probleme für den Verkehr auf der Insel ...

Ja, wir fordern jetzt vom Bund wieder ein Konzept. Diesmal zu den Auswirkungen des Tunnelbaus in Swinemünde und zu den Folgen für die Verkehre auf der deutschen Inselseite. Denn letzten Endes müssen die Planungen und das Geld vom Bund kommen. Aber da mahlen die Mühlen bekanntlich sehr, sehr langsam und besonders gründlich. Man könnte verzagen, doch das würde uns auch kein Stückchen weiterhelfen.

Ein Blick voraus. Wenn Sie in rund fünf Monaten aus dem Job ausscheiden, womit wollen Sie sich dann die Zeit versüßen? Gibt es bereits konkrete Pläne? Man hört, Sie schreiben an einem Buch. Verraten Sie uns ein bisschen mehr darüber?

Je dichter der Termin heranrückt, umso sorgenvoller wird mir ums Herz. Natürlich will ich gern reisen und freue mich, mehr Zeit dafür zu haben. Aber man kann ja nicht nur unterwegs sein. Ich bin noch auf der Suche nach einem Ehrenamt, das Spaß macht, wo ich helfen kann und das mich mit Menschen zusammenbringt. Die Idee, ein Buch zu schreiben, ist mir gekommen, als ich daran dachte, was ich Wegbegleitern und Kollegen zum Abschied schenken könnte. Aber seien Sie sicher: Ich werde niemanden mit Memoiren oder einer Autobiografie langweilen. Spaß macht mir das Schreiben aber schon, schauen wir mal. Ich bin selbst gespannt.

Haben Sie die Absicht, wieder stärker Parteiarbeit für die Linke zu machen? Oder träumen Sie doch eher vom Dasein als relaxte Ruheständlerin, die nur noch das tut, was ihr echt Spaß macht und vielleicht bislang zu kurz kam?

Das muss man sehen. Eine Wahlfunktion möchte ich nicht mehr ausüben. Aber ich könnte mir schon sehr gut vorstellen, in Wolgast wieder einen Anlaufpunkt für alle diejenigen zu schaffen, die sich gern austauschen wollen, oder einfach nur mal zum „Quatschen“ kommen wollen, egal, ob sie bei den Linken sind oder schlicht politisch interessiert. Bis jetzt fehlen mir dazu allerdings ein geeigneter Raum und die nötigen Mittel, Mitstreiter für die Idee habe ich schon.

Der AfD-Landratskandidat fordert, die Wirtschaftsfördergesellschaften aufzulösen, falls sie nicht bald liefern. Was halten Sie davon?

Das wäre verheerend, weil sie verschiedene Aufgaben wahrnehmen. Neben den Neuansiedlungen von Unternehmen, die in unserer Lage bekanntlich alles andere als leicht sind, betreuen sie die bereits ansässigen Firmen und unterstützen sie, etwa bei der Suche nach Fördermitteln. Mich hat die Arbeit der Wirtschaftsförderer beispielsweise dazu veranlasst, regelmäßig Unternehmen im Landkreis zu besuchen und mit den Arbeitgebern wie -nehmern ins Gespräch zu kommen. Sie sollen das Gefühl bekommen, gebraucht zu werden und willkommen zu sein.

Gibt es hier dennoch Reserven?

Ja, der künftige Landrat sollte stärker dabei mithelfen, dass es zu Firmengründungen und -ansiedlungen aus dem wissenschaftlichen Leistungsbereich heraus kommt. Es gibt sie schon, aber viel zu wenig. Und da wären wir auch beim Dauerbrenner schnelles Internet. Alle gemeinsam dürfen nicht nachlassen, Druck zu entfachen, dass es voran geht. Mir wäre es allerdings lieber, wenn die Breitbandversorgung als Bestandteil der Daseinsvorsorge in staatlicher Hand bliebe, vom Profitstreben abgekoppelt würde.

Wie stehen Sie zur immer wieder auftauchenden Forderung, die Kreisumlage zu senken?

Wir sind ja schon dabei, wenngleich zunächst sehr vorsichtig. Denn wir müssen sensibel abwägen zwischen der Verpflichtung zum Schuldenabbau und den Möglichkeiten, die unser Haushalt überhaupt bietet. Finanzdezernent Dietger Wille spricht öfter augenzwinkernd von „Schieben, Streichen, Strecken“. Aber in der Praxis geht es eben genau darum. Hinter der Kreisumlage stehen allerdings auch unabdingbare Aufgaben, die wahrzunehmen sind. Die Möglichkeiten, anderes Geld zu generieren, sind sehr begrenzt.

Ihr Mann war Jagdflieger und verunglückte tödlich

am 12.10.1954 in Jena, Vater Physiker, Mutter Krankenschwester; Schule bis Abitur in Karl-Marx-Stadt und Potsdam; Studium der Philosophie in Jena; Umzug nach Karlshagen; ihr Mann, ein Jagdflieger, verunglückt im September 1990 tödlich; Syrbe hat drei Kinder (34, 40, 42) und vier Enkel (15, 11, 9 und 6); sie lebt auf Usedom.

Promotion 1988 an der Pädagogischen Hochschule Erfurt; Arbeit auf der Peene-Werft als Bildungsstättenleiterin; anschließend verschiedene Aufgaben bei der PDS; von ’98 bis ’01 Vize- Regierungssprecherin unter Harald Ringstorff (SPD); seit 2001 Landrätin.

Interview: Steffen Adler

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