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Greifswald Die Rente – mein zweites Leben
Vorpommern Greifswald Die Rente – mein zweites Leben
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06:00 23.02.2019
Evelin Piotrowski (66) startete in Greifswald noch einmal neu durch. Quelle: Sybille Marx
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Greifswald/Klausdorf

„Rente“. Ja, das Wort klingt nach Alt-sein, findet Evelin Piotrowski und schmunzelt. Aber seit sie selbst in Rente ist und in Greifswald lebt, hat sie manchmal das Gefühl, wieder jünger zu werden. „Wenn’s mir gut geht, denke ich fast, ich könnte Bäume ausreißen“, sagt die 66-Jährige und lacht - ein fröhliches, entspanntes Lachen.

Der Übergang fiel schwer

Dabei hatte ihr Übergang in die Rente eher schwer angefangen. Evelin Piotrowski war viele Jahre Kita-Leiterin in Berlin, führte zuletzt eine Einrichtung aus der städtischen Trägerschaft in die freie. Ein Jahr vor dem geplanten Renteneintritt wurde sie schwer krank. Und kaum hatte sie sich offiziell von der Kita verabschiedet und die ersten Monate als Rentnerin zu Hause verbracht, starb ihr Mann. Gemeinsam alt werden, reisen - nichts davon war mehr möglich. Stattdessen Trauer, Schmerz und Einsamkeit.

 „Da war zwischendurch schon eine Leere“, sagt Evelin Piotrowski. Aber nach einer Weile sei ihre Lebenslust zurückgekehrt, habe sich der Gedanke gemeldet: „Du wolltest doch noch was vom Leben.“ Evelin Piotrowski erinnerte sich an ihre Kindheit in Greifswald, sichtete ihre Kontakte und beschloss: „Dann starte ich dort noch einmal neu durch.“

Es war wie ein Nachhausekommen

In Greifswald lebt ihre 91-jährige Mutter, „die brauchte Hilfe, und ich hab gedacht: Jetzt haste ja Zeit.“ Schwestern, Tanten, Onkels und die beste Schulfreundin von früher wohnten auch schon in der Hansestadt. So war der Neustart für Evelin Piotrowski fast ein Nachhausekommen. Sofort fühlte sie sich eingebunden, konnte es genießen, die Stadt und ihre vielen neuen Möglichkeiten zu entdecken. Zwei mal pro Woche besucht sie nun Sportgruppen der Uni und des Behindertenverbands, außerdem kocht sie bei den „La Mammas“ im Boddenhus der Volkssolidarität mit – einer Gruppe von ehrenamtlichen Frauen, die zusätzlich zum Mittagstisch des Restaurants klassische Hausmannskost auftischen. Ihr Freundeskreis ist heute viel größer als er es zu Berufszeiten in Berlin war. Ihre Wochenenden verbringt sie meist mit der Mutter, geht mir ihr spazieren, liest ihr aus der Zeitung vor. Hin und wieder dann geht sie mit ihrer Freundin auf Reisen ins Ausland.

Sich einzubringen, macht Spaß

Langweilig oder leer fühle sich dieses Leben nie an, sagt Evelin Piotrowski. „Ich freue mich, dass ich so viele Freiheiten habe!“ Sich in den verschiedenen Gruppen einzubringen, mache ihr Spaß. Aber so viel Verantwortung tragen wie früher als Kita-Leiterin will sie nicht mehr. „Jetzt sind andere dran“, sagt Evelin Piotrowski. „Ich genieße es, dass ich auch einfach mal zu Hause bleiben kann, wenn mir danach ist.“

Thomas Reichenbach (56) wäre gerne noch bei der Marine in Parow bei Stralsund geblieben. Quelle: Sybille Marx

Es war ein Ausgeschlossen-werden

Rund 50 Kilometer weiter nördlich im 676-Einwohner-Ort Klausdorf bei Stralsund hat Thomas Reichenbach seinen Abschied aus dem Berufsleben anders erlebt: als ein Ausgeschlossen-Werden aus der „Familie“, genauer gesagt der Familie der Bundeswehr. Reichenbach, 56, kommt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet, war 35 Jahre lang Berufssoldat bei der Marine, hat seit 1996 die Marinetechnik-Schule in Parow mit aufgebaut. „Ich wäre gerne noch geblieben“, sagt er. Doch in seiner Dienstgradgruppe sei der Ausstieg mit 54 die Regel, sein Antrag auf wenigstens ein, zwei Jahre Verlängerung wurde abgelehnt. „Also musste ich gehen.“

Mit weinenden Augen, wie Thomas Reichenbach sagt. „Ich habe diese Schule mit aufgebaut und hatte in den 20 Jahren eine ausbildende, führende und zuletzt leitende Funktion, das war meine Familie. Sowas schmeißt man nicht einfach über Bord.“

Den Ort lebenswert erhalten

Heute, fast zweieinhalb Jahre später, kann er dem Abschied trotzdem viel Gutes abgewinnen. Schon seit 2004 ist Thomas Reichenbach als ehrenamtlicher Bürgermeister in Klausdorf im Einsatz, immer mit dem Wunsch, den Ort lebenswert zu erhalten. Früher musste er die Bürgermeister-Termine alle unter Zeitdruck neben der Arbeit erledigen. „Heute mache ich alles, was da ansteht, mit mehr Ruhe, kann die Termine freier legen, das macht schon mehr Spaß“, sagt er. Im Kreistag sitzt er auch, in den Vorstand des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist er nach dem Renteneintritt gegangen, jetzt will er sich noch in einem Wohlfahrtsverband engagieren. Und weil seine Frau noch berufstätig ist, hat Thomas Reichenbach die Aufgabe übernommen, zu Hause immer das Essen auf den Tisch zu bringen.

Die Zeit mental abgehakt

Die alten Kollegen von der Bundeswehr, treffe er manchmal noch hier und da, weil ganz MV ja irgendwie ein Dorf sei, sagt er. Aber beruflich bringt er sich in Parow nicht mehr ein. „Ich hab diese Zeit mental abgehakt.“  

Wenn seine Amtsperiode als Bürgermeister jetzt im Mai endet, will er noch einmal kandidieren. „Es gibt einfach noch Dinge, die ich für Klausdorf erreichen will.“ Wie sein Leben werden soll, wenn  auch dieses Amt weggefallen ist, daran denkt er noch gar nicht. Ohnehin könne man nie wissen, wie lang man noch lebt, sagt er. „Meine Frau und ich genießen einfach jeden Tag, den wir zusammen haben.“ Wahrscheinlich werde er aber endlich mal wieder aufs Motorrad steigen. „In den letzten Jahren stand die Maschine nur noch im Schuppen.“

Hier geht es zum Interview mit Pastorin Mechthild Karopka, Mitarbeiterin der „Fachstelle Alter“ in der Evangelischen Nordkirche, zum Thema.

Sybille Marx