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Greifswald Die Residenz des Vizekönigs
Vorpommern Greifswald Die Residenz des Vizekönigs
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00:00 24.07.2017
Das 1788 eingeweihte Herrenhaus von Nehringen entspricht dem damals im Osseeraum vorherrschenden Typ.
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Nehringen

Im Großen Nordischen Krieg (1700 bis 1721) verloren die Schweden große Teile ihres pommerschen Besitzes an Preußen. Dazu gehörte auch der Regierungssitz Stettin. Fortan residierte der Generalgouverneur der Skandinavier in Stralsund.

Nehringen war im 18. Jahrhundert neben Stralsund Zentrum Schwedisch-Pommerns

Kulturlandschaftsanalyse

Der interdisziplinär angelegte Kurs lief unter Leitung von Haik Thomas Porada (Bamberg) sowie Reinhard Zölitz und Jörg Hartleib (Greifswald). Geographen, Archäologen, Denkmalpfleger, Historiker und Biologen demonstrierten Auswertungsmöglichkeiten von Archivalien und Befunden im Gelände. Die Gemarkungen Dorow, Bassendorf, Stubbendorf, Wolthof und Medrow wurden besucht.

„Im Sommer lebte der Vizekönig auf seinem Gut“, erläuterte der Historiker Haik Thomas Porada Bamberger und Greifswalder Studenten während eines Kurses zur Kulturlandschaftanalyse in Vorpommern in der letzten Woche. Die Sommerresidenz befand sich mehrere Jahrzehnte unmittelbar an der Grenze zu Mecklenburg, in Nehringen. Das ist einer der historisch interessantesten Orte Vorpommerns mit vielen Denkmalen. Auch das Ensemble um das Herrenhaus mit Kavalierhäusern und Verwalterhaus ist gut erhalten.

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Im Raum Nehringen besaß Johann August Meyerfeldt (1664 bis 1749) etwa 15000 Hektar Land. Der General wurde im Krieg 1713 erstmals für zunächst zwei Jahre Generalgouverneur. Denn 1715 wurde Vorpommern dänisch. Nach dem Friedenschluss war Meyerfeldt 1721 erneut schwedischer Generalgouverneur.

So ein Vizekönig benötigte eine standesgemäße Residenz, führte Porada aus. „1721 bis 1726 veranlasste Meyerfeldt den barocken Umbau der Kirche“, nennt er ein Beispiel. Diese ist sehr reich ausgestattet. Bei seiner Aufwertung Nehringens ließ sich der Generalgouverneur von Idealvorstellungen seiner Zeit leiten leiten, ein großer Park gehörte zur Residenz.

Typisches Herrenhaus des Ostseeraums

In Stralsund ließ der Vizekönig von 1726 bis 1730 ein Palais errichten. Es war Residenz und Stadtwohnung. Das Meyerfeldtsche Palais blieb nach seinem Tod Amtssitz der Generalgouverneure.

„Das jetzige Herrenhaus in Nehringen geht auf seine Söhne zurück“, so Porada. Sie haben das heutige Erscheinungsbild des zentralen Platzes entscheidend geprägt. Wahrscheinlich wurde das jetzige Herrenhaus 1788 eingeweiht. Dabei wurden ältere Teile einbezogen. Welche das sind, das konnten sich Studenten und Wissenschaftler anschauen.

Alexander von Pachelbel, dessen Familie von 1898 bis zur Enteigung durch die Bodenreform 1945 das Gut besaß, wurde dort geboren. Er lebt inzwischen wieder in Nehringen in einem beispielhaft sanierten Kavalierhaus. Auch das Herrenhaus gehört der Familie, steht aber derzeit leer. Von Pachelbel führte durch den Keller.

Nächste Station war der Fangelturm an der Grenze zu Mecklenburg. Der einsturzgefährdete Backsteinbau auf Feldsteinsockel steht auf einem Hügel. „Er war strategisch sehr wichtig“, betonte Porada.

Vergleichbar in der Region sei nur der nicht mehr vorhandene Turm am Pass über die Recknitz bei Damgarten. „In Nehringen wurde ein Schloss gebaut, wie man damals die Burgen nannte“, so Porada. „Es war der Schlüssel zum Land.“

Getreidemonokultur und nur ganz wenig Wald

Hier befand sich eine der wenigen Furten über die Trebel. Vernutlich wurde die Anlage in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gebaut, als Pommern und Mecklenburger um den Besitz von Rügen Krieg führten. Deren Fürsten waren 1325 ausgestorben. Früher war der Hügel weit größer. „Der Fangelturm stand frei, es gab keine Bäume“, ergänzte Gerd Albrecht, Biologe und Direktor des Barther Vineta-Museums. Wald war im Mittelalter in unserer Region sehr rar. Die Gegend war drei bis vier Mal stärker besiedelt als heute.

Dank der Laserscans die heute vorliegen, wird deutlich, dass es dort, wo heute Wald steht, meist Acker gab. Die beim Pflügen entstandenen Furchen seien nachweisbar, erläuterte Reinhard Zölitz. Die Genauigkeit der dank Befliegungen hergestellten Karten liege bei 20 Zentimeter.

„Wir hatten hier bis ins 19. Jahrhundert eine Getreidemonokultur“, erläuterte Porada. Die Landwirtschaft erzeugte große Überschüsse, die per Schiff oder Wagen zunächst in die kleinen Städte wie Tribsees, Grimmen oder Loitz und dann in die Zentren wie Stralsund, Rostock und teilweise Greifswald gebracht wurden. Exportiert wurde vorzugsweise nach Westeuropa. Für die Schweden war Pommern nicht nur strategisch wichtig. Sie brauchen das Getreide zur Ernährung ihrer Soldaten.

In den Dörfern habe es damals üblicherweise Fachwerkbauten auf Turmhügeln, auch Motten genannt. Sie waren wohl eher Lager als Wehranlagen.

Doppelmotte als Kontrollpunkt an der Heerstraße

Nahe Nehringen besuchten die Kursteilnehmer eine Doppelturmanlage. Hier verlief eine bedeutende Handelsstraße (Heerstraße) von Lübeck über Demmin Richtung Stettin/Danzig. Es wird vermutet, dass die Doppelmotte einen Kontrollpunkt bewachte. Über viele Hundert Meter führt ein erhaltener Steinwall in ihrer Nähe entlang Richtung Loitz.

Ob es sich wirklich um eine frühdeutsche Wehranlage handelt, wie ein Schild verkündet, ist ungewiss. Dass der Wall eine Grenze anzeigte, ist auch eine Erklärungsmöglichkeit. Dass die beiden Turmhügel früher bewohnt waren, dafür fand Gerd Albrecht noch heute botanische Belege. Hier wächst zum Beispiel Holunder, der nitratreichen Boden mag. Der entsteht, wenn viele Menschen, wie hier die Burgbewohner, urinierten.

Eckhard Oberdörfer

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